"Poesiealbum"

(Bild: Andreas Dengs/pixelio)
(Bild: Andreas Dengs/pixelio)

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"Irres Huhn":


Eigentlich habe ich ja gedacht, dass ich für so ein Poesiealbum zu unpoetisch bin, aber dann ist mir eingefallen, dass mein mich seit Jahren begleitendes "Abreagier-Lied" irgendwie tatsächlich extrem poetisch ist. Ich fand es einfach immer nur sehr gut, um bei Overloads (die ich ja jetzt erst als solche erkenne ;-) ) wieder auf die Beine zu kommen- 2-3x LAUT hören, wie eine Irre herumspringen (leider nichts kaputtschlagen, das würde aber die Wirkung bestimmt verstärrken ;-) ), und mir geht es besser.

Aber der Text ist, so ohne Musik, ebenfalls sehr erbaulich, also, here it comes:


Unter der Asche

Scheue nicht Gefahr noch Leiden
Lebe nicht von vergangenen Herrlichkeiten
Liegt auch Stolz in der Erinnerung
Das Alte wird nicht wieder jung.

...die dich hassen
die sich allein auf ihre Macht verlassen
willst du dienen und verlieren
leiden oder triumphieren.

Unter der Asche

Und bricht dein Herz noch tausendmal entzwei
Denk daran, jeder Schmerz der geht einmal vorbei
Bedrückt auch Einsamkeit dich in stiller Not
Erhalte Dir den Lebensmut.

Träume nicht zum letzten Mal
Denn aus Freiheit wird Stacheldraht
Betrüge die Verlogenheit
Entreiße der Vergangenheit die Vergänglichkeit.

Die Apokalyptischen Reiter- Unter der Asche, vom Album "All you need is love"


Aspie im Labyrinth:


Liebe ist 'was vom anderen Stern. Oder vom mangelnden Mut, dann, wenn er mal vonnöten wäre, schreibt Morgenstern hier:

Wir saßen an zwei Tischen - wo? - im All ...
Was Schenke, Stadt, Land, Stern - was tut´ s dazu !
Wir saßen irgendwo im Reich des Lebens ...
Wir saßen an zwei Tischen, hier und dort.

Und meine Seele brannte: Fremdes Mädchen,
wenn ich in deine Augen dichten dürfte -
wenn dieser königliche Mund mich lohnte -
und diese königliche Hand mich krönte -

Und deine Seele brannte: Fremder Jüngling,
wer bist du, dass du mich so tief erregtest -
dass ich die Knie dir umfassen möchte -
und sagen nichts als: Liebster, Liebster, Liebster - !

Und unsre Seelen schlugen fast zusammen.
Doch jeder blieb an seinem starren Tisch -
und stand zuletzt mit denen um ihn auf -
und ging hinaus - und sahn uns nimmermehr.





wusel:

 

Du und ich

Du wolltest Leben
und bekamst
Tod

Du wolltest Liebe
und bekamst
Eis

Du wolltest Freunde
und bekamst
Hass

Du wolltest Freude
und bekamst
Angst

Dann wandelt sich
Tod zum Leben
Eis zu Liebe
Hass zu Freunden
Angst zu Freude
Du zum Ich.


Frau Anders:


Das Sonderbare und das Wunderbare

Das Sonderbare und Wunderbare

ist nicht imstande, ein Kind zu verwirren.

Weil Kinder wie Fliegen durch ihre Jahre
schwirren – nicht wissend wo sie sind.

Nur vor den angeblich wahren

Deutlichkeiten erschrickt ein Kind.

Das Kind muß lernen, muß bitter erfahren.

Weis nicht, wozu das frommt.

Hört nur : Das muss so sein.

Und ein Schmerz nach dem anderen kommt

in das schwebende Brüstchen hinein.

Bis das Brüstchen sich senkt

Und das Kind denkt.

Joachim Ringelnatz

yousitonmyspot:


Die Katze


Durch meines Geistes weite Auen,
als ob sie dort zu Hause sei,
strolcht eine Katze, wild und frei.
Ihr leises, zärtliches Miauen
ist voll verhaltner Leidenschaft;
mag ihre Stimme schmeicheln wollen,
im Wohlgefühl, im Raubtiergrollen,
stets tönt sie reich und rätselhaft.


O diese Stimme, die so leise
mir bis ins tiefste Innre dringt
und wie ein schöner Vers erklingt,
ist stark wie eine Zauberweise.


Sie stillt den Kummer und den Schmerz,
sie nährt ein seliges Entzücken;
sie kann unendlich mich beglücken
und dringt mir wortlos bis ins Herz.


Und keiner Geige süßes Singen
ergreift mein Herz so wunderbar
und bringt so herrlich und so klar
der Seele Saiten zum Erklingen,
als deiner Stimme Sphärenklang,
geliebtes Tier, du seltsam Wesen,
so rein, so strahlend, so erlesen
wie nur der Seraphim Gesang!


Ihr gelbes Fell mit braunen Streifen
Durchwühlt ein süßer Duft, der mich
die ganze Nacht berauscht, mag ich
ein einzigmal es streicheln, greifen.


Sie ist des Hauses guter Geist;
Sie richtet, herrscht und schaltet weise
und zieht um jedes Ding die Kreise;
ob man sie Fee, ob Göttin heißt?


Und löst mein Auge sich dann wieder,
das du verführst, magnetisch Tier,
und wendet sich mein Blick von dir
und taucht ins eigne Innre nieder,


So sieht es staunend und gebannt
der runden schimmernden Opale
lebendig leuchtende Fanale,
die mich betrachten unverwandt.


Charles Baudelaire

Op:


Vielleicht sind alle Drachen unseres Lebens Prinzessinen, die nur darauf warten uns einmal schön und mutig zu sehen. Vielleicht ist alles Schreckliche im Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.

Rainer Maria Rilke (1904)

Von den Kindern

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch Euch aber nicht von euch,
und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen.
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen,wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen Eure Kinder als lebende Pfeile abgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit, und Er spannt euch mit Seiner Macht,
damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst Euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.
Khalil Gibran

Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe 
so müd geworden, dass er nichts mehr hält. 
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe 
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, 
der sich im allerkleinsten Kreise dreht, 
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, 
in der betäubt ein großer Wille steht. 
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille 
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein, 
geht durch der Glieder angespannte Stille - 
und hört im Herzen auf zu sein.
Rainer Maria Rilke


Queen of Exil:


Mein aktuelles Lieblingsgedicht ist aus einem Film, dessen Hintergrund auf einer wahren Geschichte beruht. (Das Meer in mir)

Im Film geht es um aktive Sterbehilfe, für mich ist das Gedicht vor allem der Traum den ich in der Depression spinne und die Sehnsucht nach ihm.


Ins Meer hinein, ins Meer,
in seine schwerelose Tiefe,
wo die Träume sich erfüllen,
und Zwei in einem Willen sich vereinen,
um zu stillen eine große Sehnsucht.

Ein Kuss entflammt das Leben
mit einem Blitz und einem Donner,
und sich verwandelnd
ist mein Körper nicht mehr Körper,
als Dräng ich vor zum Mittelpunkt
des Universums.

Die kindlichste Umarmung
und der reinste aller Küsse,
bis wir beide nicht mehr sind
als nur noch eine große Sehnsucht.

Dein Blick und mein Blick
wortlos hin und her geworfen,
wie ein Echo wiederholend: tiefer, tiefer,
bis weit jenseits allen Seins,
aus Fleisch und Blut und Knochen.

Doch immer wach ich auf
und immer wär ich lieber tot,
um endlos mich mit meinem Mund
in deinen Haaren zu verfangen.

– Ramón Sampedro –


Es lohnt sich, die Geschichte zum Verfasser nachzulesen oder anzuschauen.




Das erste Werk hier aus eigener Feder: Erschienen als Glosse im Jahr 2013..


Stephan H.:


Wörterfund in


Wattenscheid


Von Stephan H.


Räusper. Ähem. Jetzt kommt


ein Gedicht, zu Ehren eines


Wortes, das ich vorgestern fand...


Jüngst traf ich am Straßenrand


auf ein gar ulkig Wort.


Und bis ich seinen Sinn verstand


war ich schon wieder fort.


Bei Thyssen-Krupp zu Wattenscheid


hab ich’s schwarz auf weiß gelesen:


man melde sich zur Öffnungszeit,


beim „Fremdfirmenausweiswesen“.


Vor dem Tor, da steht ein Truck


er kommet wohl von Ferne.


Auf dem Kennzeichen stehet Prag.


Der Fahrer, der sieht Sterne.


Wie soll er ahnen, was nun wird,


wie kommt er aufs Gelände?


Er sieht das Wort, erfasset’s nicht.


Die Fahrt ist hier zu Ende.


Hätte er geklopft am Pförtnerhaus,


wär’s behilflich gern gewesen.


Es ist ja nicht bös, nur sehr genau


das Fremdenausweiswesen.


Fragt: „Fremder, wohin des Wegs?


Wer schicket Dich ins Revier?


Geh mir nicht so auf den Keks.


Hier brauchst Du ein Papier!“


Kein Fremder schreite durch das Tor


ohn’ des Deutschen schönste Tugend:


Ein Stempel hier, ‘ne Marke dort.


So lernt es schon die Jugend.


Wanderer, kommst du nach Wattenscheid,


verkündige dort, du habest Lizenz


Sei ruhig forsch und lächle breit,


mime dazu Kompetenz.


So hilft dir von jenseits vom Tresen


das Fremdfirmenausweiswesen.



Amy:


Mein Lieblingsgedicht ist das 116. Sonnet von Shakespeare. Es war der erste Text, den ich überhaupt im Original von Shakespeare gelesen habe und mich hat die Sprache unglaublich beeindruckt. Diese Melodie, der Rhythmus in den Worten, die Kraft die dahinter steht - wow! Auch der Inhalt... profan, irgendwie, und sehr kitischig, aber so schön dabei.


Let me not to the marriage of true minds
Admit impediments. Love is not love
Which alters when it alteration finds,
Or bends with the remover to remove:
O no; it is an ever-fixed mark,
That looks on tempests, and is never shaken;
It is the star to every wandering bark,
Whose worth's unknown, although his height be taken.
Love's not Time's fool, though rosy lips and cheeks
Within his bending sickle's compass come;
Love alters not with his brief hours and weeks,
But bears it out even to the edge of doom.
   If this be error and upon me proved,
   I never writ, nor no man ever loved.

 

talyn...:

da ist mir doch noch eins eingefallen, was ich seit Jahren nicht mehr aus dem kopf bekomme.

hab das seinerzeit in der poesieabteilung des "orkus"magazins gefunden...

Wie ein Licht in düsterer Nacht

Einst sah ich ein Feuer,
in finsterer Nacht,
und halb [schon] erfroren,
schritt ich unbedacht

entgegen dem Lichte,
wobei ich fast rannte,
und das Feuer erreichend,
lebendig verbrannte.

Dave Biesemann

MinDrago:


So schön traurig.


Stop all the clocks, cut off the telephone,
Prevent the dog from barking with a juicy bone,
Silence the pianos and with muffled drum
Bring out the coffin, let the mourners come.

Let aeroplanes circle moaning overhead
Scribbling on the sky the message He Is Dead,
Put crepe bows round the white necks of the public doves,
Let the traffic policemen wear black cotton gloves.

He was my North, my South, my East and West,
My working week and my Sunday rest,
My noon, my midnight, my talk, my song;
I thought that love would last for ever: I was wrong.

The stars are not wanted now; put out every one:
Pack up the moon and dismantle the sun;
Pour away the ocean and sweep up the woods:
For nothing now can ever come to any good.


W. H. Auden
The Collected Poetry of W. H. Auden
Random House 1945

Hexe:

 

Wunderschöne Worte, vollendeter Klang.

 

She Walks in Beauty

 

She walks in beauty, like the night
   Of cloudless climes and starry skies;
And all that’s best of dark and bright
   Meet in her aspect and her eyes;
Thus mellowed to that tender light
   Which heaven to gaudy day denies.


One shade the more, one ray the less,
   Had half impaired the nameless grace
Which waves in every raven tress,
   Or softly lightens o’er her face;
Where thoughts serenely sweet express,
   How pure, how dear their dwelling-place.


And on that cheek, and o’er that brow,
   So soft, so calm, yet eloquent,
The smiles that win, the tints that glow,
   But tell of days in goodness spent,
A mind at peace with all below,
   A heart whose love is innocent!

Lord Byron (George Gordon)

@grayishme:


Bin immer auf Sinnsuche, eine Freundin hatte mir das in mein Poesiealbum geschrieben (ja, ich hatte sowas noch) und ich mag das... Weil das so viel mehr wert ist und so viel mehr Sinn hat als alles, was man an materiellen Werten jemals erreichen könnte.

Wenn durch einen Menschen
ein wenig mehr Güte und Liebe,
ein wenig Licht und Wahrheit
in der Welt war,
hat sein Leben einen Sinn gehabt.
- Alfred Delp


Ein anderes, was ich sehr mag, ist das hier:

Wir träumen davon,
einen Menschen zu finden,
der ganz eins mit uns ist.
Weder wird sich dieser Traum erfüllen,
noch wird er vergebens geträumt.
Wer ihn nicht träumt,
hat von der Liebe
nie etwas erfahren.
- Friedrich Georg Jünger