Im Januar 2014 habe ich (Coco) anlässlich der Eröffnung einer Frühförderungseinrichtung einen sehr persönlichen Vortrag zum Thema "Asperger" gehalten, den Ihr HIER findet.

 

 

 

Ich muss dazu sagen, dass es mir zu diesem Zeitpunkt deutlich besser ging als heute. Wenn ich den Text jetzt noch einmal schreiben sollte, sähe er wahrscheinlich etwas anders aus, denn inzwischen ist meine "Möhrennase" doch extrem verbeult. Egal - wird auch wieder besser.

 

 

 

 

 

"Mein" Asperger

 

Oder: Mein Leben als Kühlschrank

 

 

 

„Mein“ Asperger – was ist das eigentlich genau?

 

Kein Autist ist wie der andere. Und vor allen Dingen vereint niemand alle gängigen Symptome, schon gar nicht bei Asperger. Deshalb ist jede persönliche Darstellung auch genau das – nämlich persönlich.

 

Wer sich umfassender informieren möchte, dem sei die einschlägige Fachliteratur empfohlen. Als Einstieg bietet sich dabei Tony Attwood an. Interessant ist auch „Aspergirls“ von Rudy Simone, streckenweise allerdings sehr subjektiv und ein bisschen abgedreht. Bestens geeignet und sehr unterhaltsam (und genial gezeichnet) ist auf jeden Fall der Comic „Schattenspringer“ von Daniela Schreiter.

 

Ich habe die Diagnose erst ziemlich spät bekommen, und auch eher durch Zufall, weil bei einem sehr nahen Verwandten das Asperger-Syndrom festgestellt wurde. Erst da kam ich auf die Idee, dass ich vielleicht nicht einfach nur seltsam und chaotisch sein könnte oder einen miesen Charakter habe, sondern dass da mehr dahinter stecken könnte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich, wie viele andere Asperger-Autisten, bereits eine lange Liste möglicher anderer Diagnosen angesammelt, von der Depression bis zur Angststörung mit Panikattacken.

 

Meine Welt ist immer irgendwie chaotisch, ungeordnet, voller Stolpersteine und Schwierigkeiten. Jemand, der mich sehr gut kennt, hat es mal so auf einen Nenner gebracht: „Du gestaltest Dein Leben ein bisschen so, wie Du Deinen Kühlschrank einräumst.“

 

Um die Weisheit dieser Worte voll auskosten zu können, müsste man jetzt einen Blick in meinen Kühlschrank werfen. Vielleicht traue ich mich irgendwann mal, ein Foto hochzuladen. ICH HAB'S GETAN - siehe unten! Mein Kühlschrank ist immer zu voll oder zu leer – in beiden Fällen fehlt aber oft das, was man gerade am nötigsten braucht. Ich miste selten aus, und wenn ich eingekauft habe, stelle ich die frischen Sachen einfach vorne hin, während sich im hinteren Teil langsam aber sicher Schimmelleichen ansammeln.

 

Kurz gesagt – ein ziemlich trauriger Anblick. Der mit mehr Geschick für Organisation und vor allem einem besseren Überblick wahrscheinlich zu vermeiden wäre.

 

Herausforderungen von außen

 

Wie die meisten anderen Asperger-Autisten habe ich Probleme mit bestimmten Reizen.

 

Lärm ist schwer zu ertragen, wobei es da aber Unterschiede gibt. Meinen Mitfahrern im Auto fliegen gern mal die Ohren weg, weil ich sehr laut Musik höre. Wenn aber irgendwo etwas pfeift, piept oder summt, sei es noch so leise, drehe ich gern mal durch. Stimmengewirr im Supermarkt, Fahrstuhlmusik oder Gespräche, denen ich unfreiwillig zuhören muss, nerven mich genauso wie Kinderkreischen oder Baustellenlärm.

Ich reagiere stark auf zu helles Licht, trage manchmal eine Sonnenbrille bei bedecktem Himmel. Wärme und Kälte bringen mich schnell ins Schleudern, ebenso wie unangenehme taktile Reize. Da wird der Kleiderkauf oft zur immensen Herausforderung. Und besonders problematisch sind Gerüche – wenn ich zu nah an einem Bratwurststand vorbeikomme, steht zuhause sofort Duschen auf dem Programm. Die meisten Parfums und Rasierwasser finde ich unangenehm bis widerlich. Friseur geht gar nicht. Im Laufe der Jahre habe ich mir zahlreiche, mehr oder weniger erfolgreiche, Strategien zurecht gelegt, um diese Stressfaktoren zu minimieren. Ausschalten lassen sie sich natürlich nicht. Ist auch immer ein bisschen abhängig von der Tagesform.

 

Soziale Herausforderungen im Alltag – Smalltalk & Co.

 

Kontakte zu anderen Menschen stellen oft ein echtes Problem dar. Die gängigen Alltagsanforderungen habe ich gut drauf. Augenkontakt, Händeschütteln, Lächeln – funktioniert. Ist aber anstrengend. Manchmal schieße ich über das Ziel hinaus. Vor kurzem hat mir jemand gesagt, er hätte noch nie erlebt, wie auserlesen höflich man beim Einkauf von Brötchen sein könne. Das kommt halt dabei raus, wenn man solche Dinge lernt wie aus einem Lehrbuch, das wirkt schnell unnatürlich. Normale Menschen sprechen ja auch nicht wie “Family Scott“ aus dem Englisch-Buch der fünften Klasse. Leider versagen diese unnatürlichen Strategien auch schnell – wenn etwas Unvorhergesehenes passiert oder ich einen wirklich schlechten Tag habe, kippen Alltagssituationen schnell um. Dann  ist es vorbei mit Höflichkeit und stattdessen erkläre ich der Verkäuferin, was ich von ihren Brötchen wirklich halte.

 

Smalltalk ist immer eine große Herausforderung, weil man ja nicht planen kann, was der andere sagt. Und dann komme ich manchmal aus dem Konzept, erzähle zu viel oder die falschen Sachen. Ich bin nicht in der Lage, abzuschätzen, wie das, was ich sage, beim Gegenüber ankommt und kränke deshalb häufig Menschen ohne jede böse Absicht. Ich habe mal meiner Gesprächspartnerin einen langen Vortrag darüber gehalten, was ich von Waldorfschulen halte – und habe dann erfahren, dass ihre Kinder dorthin gehen. Mir fehlt einfach das Gespür dafür, was und wie man es sagen sollte. Ich bekomme oft Schweißausbrüche, wenn mir dann im Nachhinein klar wird, was ich angerichtet habe.

 

Unangenehm sind solche Ereignisse wie gemeinsames Frühstück im Kollegenkreis. Ich gehe linkisch mit Besteck um, esse ungern im Beisein anderer und bin total überfordert, wenn ich dabei auch noch reden muss. Über Themen wie die Farbe der Sandalen des Ehemannes der Sekretärin - ??? So etwas stehe ich dann durch und bin hinterher echt ausgelaugt. Dann ist Alleinsein angesagt, Musik, Katzen.

 

Tretminen und Herzrhythmusstörungen – Freundschaften und Beziehungen

 

Das ist der für mich schwierigste Bereich.

 

Hier kommt im besonderem Maße das Kühlschrank-Prinzip zum Tragen – immer zu viel oder zu wenig oder falsch.

Freundschaften kriege ich ganz gut hin. Das Problem ist, dass ich nur selten Menschen treffe, mit denen ich befreundet sein möchte. Eine Handvoll dieser Menschen gibt es aber, und diese Freundschaften halten teilweise schon sehr lange. Sie entsprechen allerdings wohl nicht immer dem, was andere Menschen sich unter Freundschaft vorstellen. Tägliche Telefonate oder gar so etwas wie „Mädelsabende“ kommen darin nicht vor. Auch keine Spontanbesuche. Wer das jemals bei mir versucht hat, wird es nicht wieder tun. Und das hat nicht nur etwas mit der dürftigen Bestückung meines (realen) Kühlschranks zu tun. Ich bin aber bereit, für die wenigen Freunde, die ich habe, alles mir mögliche zu tun. Und da der harte Kern ja seit Jahren durchhält, muss ich dabei wohl auch einiges richtig machen.

 

Deutlich weniger erfolgreich bin ich in Zweierbeziehungen. Das mag einerseits daran liegen, dass ich sehr viel Raum und Zeit für mich brauche und zum Beispiel niemals auf ein eigenes Zimmer verzichten würde. Vor allem aber ist mein Umgang mit dem, was man „Liebe“ nennt, eher unbeholfen. In langwährenden Beziehungen lege ich, zumindest laut Aussage der jeweils anderen beteiligten Person, wohl oft zu wenig Enthusiasmus an den Tag, wirke oft ruppig und abweisend. Wenn ich aber verliebt bin, wird die andere Person häufig zum „special interest“, nimmt alle meine Gedanken und Gefühle ein. Einmal durfte (oder musste) ich erleben, eine vermeintliche „soulmate“ zu treffen, das, was man wohl die „große Liebe“ nennt. Dabei habe ich alle Sicherheitsschranken außer Kraft gesetzt, habe vollständig vertraut und alle Bedenken über Bord geworfen. Der Absturz hat mich fast mein Leben gekostet. Ganz schwer für mich, aus so etwas wieder herauszukommen, wie ein Junkie. Statt des üblichen Kopfknasts sitze ich dann im Gefühlsknast. Während die Umgebung kopfschüttelnd staunt. Und Sprüche wie "Schalte doch mal deinen Verstand ein." kann man sich dann locker sparen - diese Bereiche sind bei mir offensichtlich nicht ausreichend vernetzt.

 

Würde man mein Gefühlsleben in einer grafischen Kurve darstellen, sähe diese vermutlich aus wie das EKG eines Menschen mit schwersten Herzrhythmusstörungen.

 

  

Empathie 

Einer der Hauptgründe, warum ich anfangs meine Diagnose immer wieder angezweifelt habe, war der Umstand, dass Asperger-Autisten immer wieder mangelnde Empathie nachgesagt wird. Das ist bei mir nicht der Fall. Mir ist es im Test sogar gelungen, relativ gute Werte beim Erkennen von Gesichtsausdrücken zu erreichen. Und, soweit ich weiß, ist diese Ansicht inzwischen auch längst als Irrtum erkannt worden.

 

Dass ich bei anderen Gefühle erkennen und nachvollziehen kann, bedeutet allerdings leider nicht, dass ich mit diesen Erkenntnissen viel anfangen kann. Ich bin nicht gut darin, jemanden zu trösten oder mich mit jemandem mitzufreuen. Und wenn ich jemanden nicht mag, lässt mich auch das größte Elend ziemlich kalt. Was aber immer funktioniert, ist die Empathie bei Tieren. Ich sammle jeden Regenwurm und jede Schnecke vom Bürgersteig, verabscheue Leute, die Spinnen töten, und verfalle in Verzweiflung, wenn ich von Walfang oder hirnloser Großwildjagd lesen muss. Irgendwie beruht diese geheimnisvolle Verbindung auf Gegenseitigkeit – wenn ich bei Menschen so gut ankäme wie bei Tieren, wäre mein Leben völlig problemlos. Eine besonders tiefe Verbindung habe ich zu Katzen, natürlich in erster Linie zu meinen eigenen. Da ich mit Hunden aufgewachsen bin (die ich auch sehr mag), musste ich später die Katzensprache erst erlernen. Sie ist mir aber, im Gegensatz zur zwischenmenschlichen Kommunikation, niemals als „Fremdsprache“ erschienen. Katzen zeigen deutlich, was sie möchten und was nicht. Man muss nicht lange überlegen, was sie sagen möchten. Und das Verhalten von Katzen hat mich auch noch niemals in das von mir so gefürchtete „Gedankenkarussell“ verfrachtet. In ihrer Gegenwart kann ich mich vollständig entspannen (wenn sie nicht gerade eine Fliege jagen). Und eine tote Maus in meinem Schuh ist eines der nettesten Geschenke, die ich mir vorstellen kann.

 

Ich habe feststellen müssen, dass es Situationen gibt, in denen meine Empathie auf ein Mindestmaß sinkt. In einer wirklich schlimmen Depression scheint meine Kraft nur noch auszureichen, Grundfunktionen aufrecht zu erhalten. Ich vermute aber mal, dass es Nicht-Autisten in echten Tiefs auch so ergehen kann.

 

 

 Motorik und Körpergefühl

 

 Ein beliebtes Thema bei Autisten. Ich habe mich sehr gefreut, als ich in Daniela Schreiters „Schattenspringer“ das Kapitel über das Schulschwimmen gelesen habe – ich wusste endlich, dass ich nicht allein bin.

 

 Auch die Einsamkeit des letzten verbliebenen Schülers auf der Bank in der Turnhalle, wenn für Ballspiele „gewählt“ werden musste, ist mir nicht unbekannt. Was für eine miese Demütigung.

 

 Ich bin gar nicht unbedingt grundsätzlich unsportlich, aber manche Bewegungsabläufe schaffe ich nicht so wie andere Menschen. Mein Gefühl für Bälle tendiert gegen Null. Und manchmal werde ich gefragt, warum ich beim Gehen hinke…? Eigentlich gehe ich ganz normal – aus meiner Sicht.

 

 Oft habe ich das Gefühl, dass meine Extremitäten im Weg sind. Wenn ich Lichtschalter betätigen will, fasse ich regelmäßig in die darunter befindliche Steckdose. Ich haue mir Ellbogen und Handknöchel an Ecken und Türen blau, die eigentlich nicht wirklich überraschend aufgetaucht sind. Meine Ärmel und Taschengurte bleiben an Türklinken hängen. Und mein einziges echtes Hinken verdanke ich der Tatsache, dass ich mir den Zeh gebrochen habe, weil mein Fuß mit dem – eigentlich sehr gut sichtbaren – Sockel meines (größtenteils unbenutzten) Hometrainers kollidiert ist.

 

 Ich bin oft neidisch auf die wundervolle Geschmeidigkeit meiner Katzen. Als Kind habe ich mich gern und viel bewegt – manches konnte ich (auf Bäume klettern), manches nicht (Gummitwist). Und so ist es eigentlich geblieben.

 

 Nicht nur rein motorisch fehlt mir ein umfassendes Körpergefühl. Ich kann auch nicht gut einschätzen, wie ich aussehe. Manchmal fühle ich mich attraktiv und sehe dann später auf Fotos aus wie Gollum. Und manchmal bekomme ich Komplimente und frage mich, wie Leute so schamlos lügen können…

 

Sehr aktiv dagegen ist dieses Körpergefühl, wenn man mir zu nah kommt. Wenn man ungefragt meinen Sicherheitsabstand durchbricht, werde ich panisch oder aggressiv. Ich hab viele wirksame Techniken entwickelt, um in der Warteschlange an der Supermarktkasse die anderen Menschen von mir fernzuhalten. Gedränge ist ein Alptraum. Ich habe meine Abscheu vor dem Autofahren nur deshalb erfolgreich bekämpft, um nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren zu müssen.

 Was ich ganz schlecht kann, sind solche Sachen wie Atemübungen oder autogenes Training. Entspannen geht gar nicht auf Kommando. Und ohne Kommando auch nur selten, höchstens bei Musik. Ich sichere mit meinen chronischen Verspannungen den Lebensunterhalt mehrerer Physiotherapeuten.

 

Rituale

 

Als ich ein Kind war, habe ich bemerkt, dass mein Vater, wenn er zu Bett ging, Aschenbecher, Zigarettenschachtel und Feuerzeug in bestimmter Reihenfolge und mit festgelegtem Abstand voneinander auf dem Tisch positionierte. Manchmal habe ich mir einen Spaß daraus gemacht und die Sachen vertauscht oder verschoben. Wenn ich heute daran denke, wünschte ich, ich könnte ihn dafür noch um Verzeihung bitten. Er fand das sicher nicht lustig (hat aber niemals geschimpft).

 

Ich hatte schon immer bestimmte Rituale, sie sind aber im Laufe meines Lebens sehr viel wichtiger und ausgeprägter geworden. Wirklich „schrullig“ sind relativ wenige davon, deshalb fallen sie nur den Menschen auf, die mich sehr gut kennen. Meine Mahlzeiten sind sehr stark ritualgeprägt. Zum Frühstück und zum Mittagessen gibt es monatelang dieselben Sachen, da variieren maximal die Marmeladen- und die Käsesorte. Warm esse ich nur abends. Nein, ich esse nicht jeden Tag Wirsing. Aber die Variationsfreudigkeit hat auch hier Grenzen, was allerdings auch daran liegt, dass ich nicht wirklich gern koche. Wenn meine Mahlzeiten, die ich am liebsten allein einnehme, zeitlich durcheinander geraten, werde ich nervös. Sie bilden feste Orientierungs- und Ruhepunkte in meinem Leben. Dazwischen darf es auch ruhig mal hektisch werden. Wenn diese Fixpunkte aber ganz wegfallen, fühle ich mich nicht gut.

 

Zähneputzen, duschen, anziehen – Reihenfolge und Ablauf aller Tätigkeiten sind streng festgelegt. Wenn ich gestört werde, finde ich oft nicht zurück in den richtigen Rhythmus, weil die Handlungen sich so fest eingespielt haben, dass sie zum großen Teil unbewusst ablaufen. Manche Rituale sind mir manchmal regelrecht lästig – wenn ich zum Beispiel sehr spät nach Hause komme und am nächsten Tag früh raus muss, aber genau weiß, dass ich nicht zu Bett gehen kann, bevor das vorgesehene Programm abgespult ist.

 

Ein bisschen nervig für andere sind manche meiner Rituale wohl schon. Ich glaube, mein Ex-Mann freut sich immer noch, dass er das Besteck nun nicht mehr in streng festgelegter Reihenfolge in die Schublade sortieren muss. Und ich freue mich immer noch, dass mir nun niemand mehr diese Reihenfolge durcheinander bringt.

 

Dankenswerterweise sind Katzen die Asperger der Tierwelt und stören sich nicht nur nicht an Ritualen, sondern machen sie begeistert mit. Ob Essenszeiten, Ausflüge in den Garten oder Mittagsschläfchen auf dem Sofa – meine Kater und ich haben viele individuelle und auch gemeinsame Rituale, die der jeweils andere klaglos respektiert.

 

Feste Gewohnheiten strukturieren meinen Tag, geben meinem Leben eine Art Gerüst. Wenn sie wegfallen, gerät manches ins Wanken, mir geht es dann nicht richtig gut. Ich bin nicht völlig unflexibel - wenn ich zum Beispiel umziehen muss, ist das sehr schwierig für mich, aber nach einer bestimmten Zeit habe ich meine Rituale dann den neuen Gegebenheiten angepasst. Umgekehrt habe ich aber erleben müssen, dass einschneidende Erlebnisse meine Rituale zeitweise außer Kraft setzen können. Und ich habe gemerkt, dass dieser Umstand für meine Umwelt ein echtes Alarmsignal ist. Wenn ich abends die Zeitung noch nicht gelesen habe, die Katzennäpfe nicht gespült sind und der Kaffeefilter nicht gereinigt ist, bedeutet das höchste Alarmstufe. Zu Recht. Denn dann stimmt in der Tat etwas nicht mit mir.

 

Bevor ich meine Diagnose hatte, habe ich oft versucht, meine festen Gewohnheiten abzulegen oder zu lockern, weil sie mir irgendwie seltsam oder auch einfach spießig erschienen. Jetzt akzeptiere ich sie, weil ich weiß, dass ich sie brauche und sie mir gut tun.

 

Zweifel und Verleugnung

 

Es war für mich nicht einfach, mit der Diagnose umzugehen, zumal ich sie sehr spät bekommen habe. Drei Jahre vorher hatte ich bereits von meiner Hochbegabung erfahren. Auch diese zu akzeptieren fiel mir schwer.

 

Einerseits war die Diagnose Asperger eine unglaubliche Erleichterung – endlich hatten meine vielfältigen Probleme einen „würdigen“ Namen. Rückblickend betrachtet machte plötzlich vieles einen Sinn, ließ sich schlüssig erklären. Nach anfänglichen Zweifeln bekam ich, wie viele andere, eine Art „autistischen Schub“ – ich versuchte nicht mehr krampfhaft, mich in allem anzupassen, gestand mir selbst Schwächen zu. Ich las viel zum Thema und fand mich in vielen Aspekten wieder.

 

Andererseits brachte die Diagnose aber auch vieles ins Wanken, nicht zuletzt meine Ehe. Mir wurde klar, wie stark ich mich angepasst hatte, weil ich das Gefühl, „nicht richtig“ zu sein, mein Leben lang erlebt und fest verinnerlicht hatte. Bei Problemen, die in einer Beziehung über die Jahre unweigerlich auftreten, hatte ich früher oder später den Fehler immer bei mir gesucht. Das wurde nun anders. Was eine ziemliche Krise zur Folge hatte. Vermutlich ist so etwas durchaus normal und gehört zum Verarbeitungsprozess dazu. Nur hatte ich leider das Pech, ausgerechnet in dieser Situation dem falschen Menschen zu begegnen. Ein anerkannter und erfolgreicher Autismus-Experte, selber Asperger. Es war magisch – als hätte ich jahrelang in die Wüste gerufen und nun endlich Antwort bekommen. Es fühlte sich an wie Seelenverwandtschaft – die gleichen Gefühle, die gleichen Ansichten und vor allem, zum ersten Mal in meinem Leben, das Gefühl, so akzeptiert zu werden wie ich bin. Und nicht nur akzeptiert, sondern auch gemocht. Ich lebte plötzlich in einer wunderbaren Aspie-Welt. Und hatte den einen und einzigen Menschen gefunden, der zu mir passte. Ich hatte unendliches Vertrauen und fühlte mich absolut geborgen.

 

Kurz gesagt – es ging schief. Gnadenlos. Der „einzigartige Mensch“ kannte seine beruflichen Grenzen nicht, überschritt sie massiv und richtete damit unfassbaren Schaden an. Der Soulmate erwies sich als ängstlicher Egoist, erklärte das, was ich für ehrliche Gefühle gehalten hatte, zum "Irrtum" und ließ mich abrupt fallen, und ich landete hart, sehr hart. Diese falsche Beziehung traf mich im verwundbarsten Moment meines bisherigen Lebens. Die Folge: Ich wollte keine Autistin mehr sein.  Andere Therapeuten versuchten, die Verletzung zu heilen oder zumindest den Schaden zu begrenzen. Aber bei mir war nur haften geblieben: Du bist doch falsch. Selbst auf deinem „eigenen Planeten“ will man dich nicht haben. Du bist selbst für andere Autisten nicht „richtig“. Diese Erkenntnis hatte (und hat) traumatische Qualität für mich.

 

Im Grunde besitzt diese Situation ihre ganz eigene Ironie – ich versuchte, die Diagnose zu leugnen, und das genau in dem Moment, in dem meine autistischen Züge durch die schreckliche Situation so stark zutage traten wie nie zuvor. Mangelndes Selbstwertgefühl, Hilflosigkeit im Umgang mit Gefühlen, die Unfähigkeit, sich innerlich zu distanzieren. Tiefe Schuldgefühle, als ich versuchte, mich zu wehren. Dazu kamen neue Symptome, die auf das psychische Trauma zurückzuführen waren und die ich aufgrund der Trigger-Gefahr hier nicht näher schildern möchte. Selbst Menschen, die vorher aufgrund meiner hervorragenden Alltagsstrategien meine Diagnose angezweifelt hatten, sahen mich plötzlich in anderem Licht, waren fassungslos über meinen völligen Mangel an Selbstschutzmechanismen und Resilienz. Und wohl auch über meine grenzenlose Naivität und mein tiefes Vertrauen. Nun glaubten es alle – und genau jetzt wollte ich kein Asperger mehr sein. Absurd.

 

 

Ich kann nicht sagen, dass ich inzwischen „meinen“ Weg gefunden habe, mit der Diagnose umzugehen. Weder das uneingeschränkte Annehmen noch das rigorose Leugnen haben mich an die Stelle gebracht, an der ich sein möchte. Ich lebe zwischen den Welten, gehöre nirgendwo dazu und fühle mich oft sehr allein - was ich, objektiv betrachtet, auch bin, da ich fast meine gesamtes bisheriges, sehr strukturiertes Leben hinter mir gelassen habe. Ich bin ein Außerirdischer, ohne meinen Heimatplaneten zu kennen.

  

Sorry, dieses Kapitel macht wohl nicht allzu viel Mut. Aber es ist ja auch kein Ratgeber, sondern einfach „Mein Asperger“.

 

 

 

 

Der schwarze Schatten - Komorbiditäten

 

Man hört immer wieder, dass sehr viele Asperger-Autisten vor ihrer Diagnose eine ganze Liste anderer Diagnosen angesammelt haben. Die Komorbiditäten, also die begleitenden Probleme, verdecken oft die eigentliche Ursache. Das mag inzwischen besser geworden sein, weil viele Fachleute heute einen geschärften Blick haben und schneller den Kern der Probleme erkennen können. Bei mir war das noch nicht so. Was wohl auch daran liegt, dass ich, wie viele andere (besonders weibliche) Autisten eine ausgeklügelte Anpassungsstrategie entwickelt habe und in der Lage war und bin, erwünschte soziale Verhaltensweisen zu erlernen.

 

Rückblickend hatte ich bereits in früher Kindheit Probleme. Am auffälligsten daran waren Tics und Zwänge. Ich wusch mir gefühlte hundertmal am Tag die Hände, zog mich ständig um, weil meine Kleidung mich störte. Ich hatte eine ruckartige Kopfbewegung, um vermeintlich störende Haare aus dem Gesicht zu entfernen. Ich überdehnte mein Kinn, weil ich das Gefühl hatte, es sei zu nah am Hals. Ich wurde nervös, wenn ich bestimmte Rituale nicht in Ruhe ausführen konnte und musste sie dann endlos wiederholen. Schlimmer aber (wenn auch für meine Umwelt wohl weitgehend unbemerkt) waren die Ängste. Ich habe als Kind wahnsinnige Angst gehabt, es könne in unserer Wohnung brennen. Im Kopf hatte ich detaillierte Evakuierungspläne für einen solchen Fall entwickelt. An erster Stelle auf dieser Liste standen immer meine Haustiere. Auch hatte ich riesige Angst, meiner Mutter könne etwas passieren. Wenn sie allein wegging, bekam ich Panik. Ich hatte Angst vor Krankheiten, vor Ärzten, vor Kindergeburtstagen und vielem mehr.

 

Als ich ungefähr 15 war, kam etwas dazu, das mich bis heute nicht verlassen hat – Depressionen. Sie kamen schlagartig, als ich mich zum ersten Mal richtig verliebt hatte. Natürlich unglücklich. Ganz plötzlich fühlte es sich an, als sei ich völlig allein in einer eigenen, trostlosen Welt. Ohne Licht, ohne Hoffnung, ohne jemanden an meiner Seite. Seitdem gehört dieser Fluch fest zu meinem Leben. Manchmal schlummert dieser schwarze Schatten eine Weile. Aber er wacht immer wieder auf. In den letzten beiden Jahren hat er mich niemals losgelassen und eine Heftigkeit erreicht, die mir manchmal die Luft zum Atmen nimmt. Als es ganz schlimm war, konnte ich nichts mehr – essen, schlafen, arbeiten, das Haus verlassen – rien ne va plus. Ich verlor so viel Gewicht, dass mein BMI im Bereich Magersucht angesiedelt war. Treppen steigen war eine sportliche Herausforderung. Medikamente helfen, aber nur eingeschränkt. Ich mache dreimal die Woche Sport, was anfangs gut half, inzwischen aber kaum noch (außer, dass ich jetzt so etwas wie Muskulatur entwickle).

 

Ich zwinge mich dazu, den Alltag zu bewältigen. Das ist oft eine unfassbare Anstrengung, ist aber trotzdem ganz wichtig, denn wenn ich allein bin, kopple ich mich oft so vollständig von allem ab, dass es durchaus gefährlich werden kann. Ich gehe dann auf meinen eigenen Körper los. Am schlimmsten ist das Gefühl absoluter Wertlosigkeit. Dumm, hässlich, ungeliebt, schlechter Charakter – meinem Gehirn fallen immer wieder neue Vorwürfe ein. Tiefste Schuldgefühle machen es mir unmöglich, nach vorne zu sehen. Stattdessen zerfleische ich mich mit den Fehlern der Vergangenheit.

 

 

Dass ich nun weiß, dass die Depressionen (neben familiärer Häufung) wohl zu einem großen Teil meinem Asperger geschuldet sind, macht es nicht leichter. Im Gegenteil. In diesem Fall ist die Diagnose wie ein „Lebenslänglich“.