In meiner Kindheit gab es eine Fernsehwerbung für Dosengemüse, die mich damals sehr beeindruckt hat. In dieser Werbung versuchten Zeichentrickmännchen, die wahlweise einen Erbsen- oder einen Möhrenkopf hatten, durch Schablonen in der Wand zu springen. Nur die besten schafften dieses Kunststück und landeten dann als „Belohnung“ in der Dose mit dem feinsten Gemüse. Einerseits mochte ich diesen Spot, weil er lustig gezeichnet war, andererseits erfüllte er mich mit leisem Unbehagen, denn ich war mir sicher, dass ich, wenn ich an diesem zweifelhaften Wettbewerb hätte teilnehmen können, zu den gescheiterten Männchen gehört hätte, die mit böse verbeultem Erbsenkopf oder verbogener Möhrennase verschämt von dannen gezogen wären.

 

Ich hatte nämlich früh gelernt, dass ich im Alltag mancher Anforderung nicht gewachsen war. In der Schule war ich die Klassenbeste, lernte mühelos Lesen, Schreiben und Rechnen, versagte aber kläglich, wenn es darum ging, die Uhr abzulesen oder eine Schleife zu binden. Im Handarbeitsunterricht gelang es mir erst, eine Reihe Luftmaschen zu fabrizieren, als die anderen längst ihre erste Topflappen-Kollektion an die Verwandten verteilt hatten. Im Sportunterricht hing ich wie ein nasser Sack am unteren Ende der gefürchteten Kletterseile, der Schwimmunterricht im gruseligen Katakomben-Schwimmbad der benachbarten Schule versetzte mich dermaßen in Panik, dass ich im ersten Schuljahr versuchte, Entschuldigungsschreiben zu fälschen – aufgrund meiner nahezu unleserlichen Handschrift waren diese frühen kriminellen Gehversuche allerdings zum Scheitern verurteilt.

 

Ich lernte, meine Unzulänglichkeiten geschickt zu verbergen. Ich trug keine Uhr (hätte ja auch ohnehin keinen Sinn gehabt) und machte mich im Sportunterricht, so gut es ging, unsichtbar. Das Binden einer Schleife erlernte ich mit einem Pixie-Buch und unendlich vielen Versuchen. Nach Aussage meiner Familie stelle ich mich allerdings bis heute seltsam dabei an, weil ich eine Art „Zwischenschritt“ einlege, den andere nicht machen, der aber notwendig ist, um sicherzustellen, dass beide Schuhe genau gleich fest geschnürt sind, denn mangelnde Symmetrie kann ich nicht ertragen. Mützen, Schals und insbesondere Strumpfhosen waren unerträglich für mich, die meisten Materialien waren zu kratzig oder zu steif, die Kleidungsstücke wahlweise zu eng oder zu weit.

 

Der Umgang mit Gleichaltrigen gestaltete sich häufig schwierig für mich, weil ich ihre Verhaltensweisen seltsam und unverständlich fand. Obwohl ich sorgsam darauf bedacht war, meine eigenen Defizite zu verschleiern, zeigte ich geringe bis gar keine Toleranz meinen Mitschülern gegenüber. Den Flötenkurs verließ ich nach wenigen Wochen, weil ich es nicht aushalten konnte, dass die anderen Kinder die Noten immer noch nicht lesen konnten und weil die verhasste Claudia immer die Zunge zwischen die Schneidezähne steckte und in die Flöte spuckte. Lautes Schreien auf dem Schulhof, Gedränge im Bus, starke Gerüche und vieles mehr, das meine Umgebung nie zu stören schien, überforderte mich schnell.

 

Im Laufe der Jahre lernte ich mühevoll, was man tun und sagen durfte und was nicht. Ich schaute mir Verhaltensweisen bei anderen ab, geriet aber schnell ins Schleudern, wenn ich in Situationen geriet, auf die ich nicht vorbereitet war. Alltag, Schule und später das Berufsleben boten ständige Herausforderungen und kosteten mich sehr viel Energie, zumal ich mir ein Berufsfeld ausgesucht habe, das in manchen Phasen intensiven Kontakt zu anderen Menschen erfordert. Ich gehe niemals zum Friseur, kann montags nicht bei Edeka einkaufen, weil es dann nach Frikadellen riecht, und muss Menschen viele Male gesehen haben, bevor ich mir ihre Gesichter einprägen kann. Vor einiger Zeit sah ich im Fernsehen einen Bericht über einen fast blinden Mann, der es geschafft hatte, durch einen unglaublichen Organisationsaufwand den Beruf eines Kellners auszuüben. Er zahlte einen hohen Preis dafür, stürzte ab in Drogensucht und Depressionen. Es ist auf Dauer eine hohe Belastung, den Alltag in einer Welt zu organisieren, die in vielen Aspekten eine fremde Welt ist. Nicht zufällig wird das Asperger-Syndrom auch das „Wrong Planet Syndrome“ genannt.

 

Nachdem ich die Diagnose bekommen hatte, änderte sich vieles. Ich musste aber sehr schnell lernen, dass es nicht sinnvoll ist, diese Diagnose vorschnell anderen mitzuteilen. Ich hatte mir natürlich erhofft, dass meine Umgebung nun meine Eigenheiten besser verstehen könnte, merkte aber schnell, dass ich bei der Kompensation offensichtlich zu gut gewesen war. Während meine Familie die Diagnose Asperger in der Tat als Erleichterung empfand (schon vorher nannte sie mich liebevoll „Monk“), bekam ich von anderen Menschen, die mir nicht so nahe standen, meistens die Reaktion: „Was, du? Nie im Leben.“ Viele dieser Menschen aber haben im Allgemeinen keine Probleme damit, mich in Phasen, in denen meine Tarn- und Schutzschilde aus den unterschiedlichsten Gründen nicht so gut funktionieren, deutlich auf meine Verfehlungen oder Absonderlichkeiten hinzuweisen. Und wenn ich bei seltenen Gelegenheiten meinen Schwerbehinderten-Ausweis zücke, merke ich meistens, dass mein Gegenüber mich verstohlen mustert und wahrscheinlich nach einem Holzbein oder einem Glasauge sucht. Ich stellte fest, dass man es offensichtlich nur falsch machen kann und behalte deshalb, von wenigen Ausnahmen abgesehen, die Diagnose inzwischen für mich.

 

Vermutlich werden Sie sich nun fragen, warum ich dann heute hier stehe und Ihnen von meiner Asperger-Diagnose erzähle. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Ich habe in der letzten Zeit mehrfach Beiträge in den Medien hören, sehen und lesen müssen, in denen Autismus so grundlegend falsch dargestellt wurde, dass es mich und viele andere Menschen in ähnlichen Situationen sehr wütend gemacht hat. Jeder durchgeknallte Amokläufer stellt sich früher oder später als Autist heraus, jeder Autist hat natürlich eine unglaubliche Inselbegabung – „Rainman“ lässt grüßen – und in der Sendung mit der Maus, deren Fan ich eigentlich seit meiner Kindheit bin, musste ich hören, dass es „Autisten nicht so mit dem Lesen und Schreiben haben“.

 

Vor kurzem habe ich in einer Rede eines vorgeblichen Fachmannes „gelernt“, dass Autismus eine „Krankheit“ sei  (was nicht zutrifft) und Autisten niemals Schauspieler sein könnten – wenn das stimmen würde, bekäme ich meinen Alltag sicher nicht auf die Reihe. Immerhin erklärte er dem staunenden Publikum, dass man inzwischen wisse, dass Autisten entgegen früheren Annahmen doch Gefühle hätten und dass es die Aufgabe der „Gesunden“ sei, diesen bedauernswerten Geschöpfen den Weg ins normale Leben zu zeigen. Eine begeisterte Therapeutin teilte mir nach dem Vortrag die bahnbrechende Erkenntnis mit, dass es auch erwachsene Autisten gebe – ich habe festgestellt, dass dieser Umstand viele Menschen erstaunt, warum auch immer – und dass man „mit denen sogar befreundet sein könne“.

 

Es gibt nicht „den Asperger“ oder „den Autisten“. Ich möchte auch ganz deutlich darauf hinweisen, dass ich hier natürlich nur aus meiner Sicht sprechen kann. Selbstverständlich ist Asperger nicht zu vergleichen mit anderen, meist schwereren Formen des Autismus. Alle Menschen mit der Diagnose Autismus haben es aber verdient, ernst genommen und nicht als wandelnde Klischees behandelt zu werden. Und vor allen Dingen haben sie das Recht auf eine angemessene Förderung.

 

Und diese Förderung kann und sollte nicht ausschließlich darin bestehen, eine größtmögliche Anpassung um jeden Preis zu erreichen.

 

Im Mittelpunkt einer Therapie sollte nicht das Bestreben stehen, so schnell wie möglich unauffällig in der Menge zu verschwinden. Sicher, man kann alle erwünschten Verhaltensweisen lernen wie eine Fremdsprache. Aber genau das bleiben sie dann auch - fremd.

 

Viel wichtiger ist es, dass jeder Einzelne seinen individuellen Weg findet, ohne sich verbiegen zu müssen, und dass er seine Stärken erkennen und nutzen kann. Das Leben als Autist ist oft anstrengend. Deshalb ist es notwendig, Möglichkeiten zu finden, ohne Selbstverleugnung mit den Anforderungen des Alltags klarzukommen.

 

Eine gute Therapie muss immer maßgeschneidert  und auf die individuellen Bedürfnisse und Schwierigkeiten des Einzelnen abgestimmt werden.

 

Ich freue ich mich sehr, dass nun auch die XXX, für die ich seit einigen Jahren arbeite, plant, in naher Zukunft eine spezielle Therapie für Kinder und später auch für Jugendliche und Erwachsene mit einer Diagnose aus dem Bereich der Autismus-Spektrum-Störungen anzubieten.

 

Ich definiere mich nicht über meine „Besonderheit“, aber sie ist ein Teil von mir – oft anstrengend, häufig aber auch eine Bereicherung. Ich habe eine Familie und gute Freunde, nicht wenige davon mit vier Pfoten, die mich so mögen, wie ich bin und mir helfen, meinen Alltag zu meistern.

 

Die Werbung mit den Gemüsemännchen könnte ich heute ein wenig entspannter schauen. Eine verbeulte Möhrennase aber werde ich mir sicher auch in Zukunft immer wieder holen.

 

Vielen Dank!