4. August 2014

 

Nostalgie mit Hexe

 

Hexe sitzt vor dem Fernseher. Ausnahmsweise ohne die Kater, die haben die Flucht ergriffen, weil sie heute so viel zappelt. Mir ist nicht ganz klar, was sie sich da ansieht, scheint ein ziemlich alter Film zu sein. Im Moment hüpft eine Gruppe Dudelsackbläser in karierten Strumpfhosen mit absonderlichen Tanzschritten vor einer Pappkulisse herum. Strange.

"Was guckst du denn da bloß, Hexe? Das sieht grauenhaft aus."

"Ein altes Musical, Brigadoon. Mit Gene Kelly."

"Ist das der mit dem Hut?"

"Ja."

"Und warum tust du dir das an? Die Musik ist zum Wegrennen. Und die Ausstattung ist grotesk."

"Ich mochte den Film als Kind sehr gern. Ich war ein großer Gene Kelly-Fan, die alten Filme kamen immer sonntags als Wiederholungen im Fernsehen. Damals wollte ich unbedingt so tanzen können wie er. Ich habe meine Eltern überredet, mich in die Tanzschule zu einem Step-Kurs gehen zu lassen."

"Wow - und? Hast du's gelernt? Zeig mal was!"

"Natürlich nicht. Als ich endlich die teuren Schuhe mit den coolen Beschlägen hatte, stellte sich, nicht allzu überraschend, heraus, dass mir jegliches Talent fehlte. Null Rhythmus und zwei linke Füße. Ein trauriger Anblick. Da fiel selbst der Tanzlehrerin nicht mehr viel Nettes ein. Sie sagte etwas von 'mangelndem Körpergefühl' und empfahl mir einen Gymnastikkurs."

 

Inzwischen tanzt ein Mann im Kilt und mit Federhut durch eine Studiolandschaft.

"Hexe, worum geht es in diesem Film? Das wirkt alles völlig...absurd!"

"Ja, ist es auch. Ein verirrter Wanderer entdeckt im schottischen Hochmoor ein verwunschenes Dorf, das nur alle hundert Jahre auftaucht."

"Das klingt genauso bescheuert wie es aussieht. Warum sind die alle so bunt gekleidet? Und warum singen und tanzen sie die ganze Zeit, statt sich vernünftig zu unterhalten?"

"Ist halt ein Musical. Zugegeben - ein ganz besonders kitschiges."

"In der Tat. Schwer auszuhalten. Wie endet die Geschichte denn?"

"Der Mann fährt heim nach New York. Aber seine Sehnsucht nach dem Dorf ist so groß, dass er nach Schottland zurückkehrt. Und dann geschieht ein Wunder: Das Dorf taucht wieder auf. Quasi außerplanmäßig."

"Ich glaub, mir wird schlecht. Warum ist das Dorf denn eigentlich verwunschen? Ein böser Fluch? Vom Gott des guten Geschmacks?"

"Nein, ein Schutzzauber. Ein Pfarrer hatte Gott um ein Wunder gebeten. Das Dorf wurde bedroht von einer bösen Hexe."

"Hey - das warst du! Ich nehme an, die hatten Angst davor, dass du ihnen mit deinem mangelnden Talent die Tanzerei versaust. - NEIN! Nicht zurückspulen!!!"

"Strafe muss ein."

2. August 2014

 

Bad Vibrations

 

"Was war denn das für ein Knall, Hexe?"

"Das war der Föhn. Ist durchgebrannt."

"WAS? Schon wieder? Der wievielte ist das in diesem Jahr?"

"Der dritte."

"Wie machst du das nur, Hexe? Vorige Woche ist die Glühbirne im Bad explodiert. Du hast die Lüftung in deinem Auto lahmgelegt, einen Kurzschluss mit dem Mixer ausgelöst und den PC zum völligen Absturz gebracht. Alle Achtung."

"Ich weiß auch nicht. Elektrische Geräte mögen mich nicht. Ich arbeite wohl auf der falschen Frequenz. Passiert mir auch oft, dass automatische Türen sich bei mir nicht öffnen. In der Enterprise wäre ich völlig aufgeschmissen. Und letztens ist im Supermarkt der Alarm losgegangen, als ich durch die Schranke wollte."

"Na ja, das mit dem falschen Alarm passiert aber auch anderen."

"Ja, vielleicht, aber doch nicht, wenn man hinein will."

"Tja, du trägst deinen Spitznamen wohl zu Recht. Du solltest dich besser auf Kessel und Besen beschränken. Kein Wunder, dass dein EKG so seltsam aussieht. Oder ist das deine Hyperventilationskurve?"

 

"Weder noch. Das ist ein Ausdruck der Besucherstatistik unserer Website."

"Echt? Sieht gar nicht schlecht aus."

"Yep. Habe mich auch gefreut. Wir haben total nette Gästebucheinträge und Mails bekommen. Und Anfragen, ob man unsere Seite abonnieren kann."

"Ja klar kann man das, über den RSS-Feed."

"Genau. Den Tipp mit dem RSS-Feed und einige weitere wirklich hilfreiche Hinweise habe ich von einem Profi-Blogger bekommen. Das fand ich richtig klasse!"

"Ich habe auch einen Tipp für Dich - schreib endlich mal die Rubrik 'Mein Asperger' weiter, wird ja wohl Zeit."

"Ja, ja, MinDrago, mache ich später. Jetzt muss ich erstmal losfahren. Einen neuen Föhn kaufen."

"Kauf mal lieber gleich mehrere. Lohnt sich sicher. Und bitte bring auch einen neuen Ventilator mit."

"Wieso? Was ist mit dem alten passiert?"

"Äh, weiß ich auch nicht so genau. Irgendwie ging der plötzlich nicht mehr..."

 

 

30.7.2014

 

Schieflage

 

"Der Kater hat mir eine tote Maus in den Schuh gelegt."

"Hexe - das ist ja eine Katastrophe!"

"Na ja, es ist ein bisschen unappetitlich. Aber eine Katastrophe? Er hat es ja lieb gemeint. Habe schon weitaus blödere Geschenke bekommen."

"Hexe, wie ich Dich kenne, wirst du die Schuhe jetzt erst wieder anziehen, wenn auch in dem anderen eine tote Maus gelegen hat."

"MinDrago - willst du damit auf meinen Symmetrie-Tick anspielen?"

 

In der Tat. Hexe hasst alles Asymmetrische. Sie könnte niemals einen Seitenscheitel tragen. Und in den Zeiten, als sie noch zum Friseur gegangen ist, hat es sie hinterher wahnsinnig gemacht, wenn nicht beide Seiten absolut spiegelgleich geschnitten waren. Da hat sie dann auch mal selbst zur Schere gegriffen, um nachzuhelfen. Meist mit verheerenden Folgen. Sie hängt schiefe Bilder gerade und kann nicht einschlafen, wenn ihr Kopfkissen nicht genau in der Mitte liegt. Und als sie eine Frau interviewen musste, die eine verrückte asymmetrische Brille trug, hat sie Schweißausbrüche bekommen. Die Szene im "Herrn der Ringe", in der Frodo bei der Versammlung bei den Elben den Ring auf den Steintisch legt, hätte mit Hexe Jahre gedauert, weil sie sich nie sicher gewesen wäre, ob der Ring nun auch genau in der Mitte liegt.

Das Ganze hat sich nochmal deutlich verschlimmert, seit ihr Leben so in Schieflage geraten ist. Aber so, wie sie mich gerade anschaut, sollte ich das Thema lieber nicht vertiefen.

 

"Ja, ein tolles Geschenk. Aber vielleicht solltest du dir Gedanken über dein Gewicht machen - wenn selbst die Katzen versuchen, dich mit Essen zu versorgen."

"Und mir ein Beispiel an dir und deinem kugelrunden Schokoladenbauch nehmen?"

"Apropos, Hexe, ich könnte ein bisschen Nachschub - "

"Ich muss weg."

 

 

26.7.2014

 

Blessed Are The Pure Of Heart

 

Da stimmt was nicht. Hexe steht schon geraume Zeit vor dem Spiegel, ist sonst nicht ihre Art.

"Warum fummelst du denn die ganze Zeit an deinen Ohren herum, Hexe? Stimmt was nicht mit deinem Piercing?"

"Ich überlege, ob man die Dinger irgendwie anspitzen könnte."

"Deine Ohren anspitzen? Wieso das denn?"

"Ich habe beschlossen, Vulkanier zu werden."

"Oh - das könnte schwierig werden. Du kriegst ja nicht mal den Vulkanier-Gruß hin, weil du deine Finger nicht unter Kontrolle hast."

"Ja, und leider sind die Finger nicht das einzige, was ich nicht unter Kontrolle habe. Ich hab's satt. Ich bin so etwas wie ein Gefühlsanalphabet. Wenn ich ein Geschenk bekomme, denken die Leute immer, ich freue mich nicht, weil ich nicht weiß, wie man das richtig zeigt. Ständig werde ich gefragt, ob ich schlechte Laune habe, weil ich so 'ernst' aussehe. Und wenn ich wirklich heftige Gefühle empfinde, komme ich damit nicht klar, drehe am Rad und schade mir selbst und anderen."

"Ja, da ist was dran. Wie wäre es mit einem Vulkanier-Crash-Kurs? Schau mal hier: Blessed Are The Pure of Heart. Das wäre vielleicht das Richtige für Dich. Ich würde Dir ganz besonders Punkt 5 sehr ans Herz legen."

 

Hexe liest. Und seufzt.

"Hättest du mir das nicht schon eher zeigen können, MinDrago? Hätte viel Schaden verhindern können."

"Pff, du hörst ja eh nie auf mich. Immer mit dem Kopf durch die Wand. Und dann über die Beulen beschweren. Oder das Smartphone ins Klo werfen. Oder das - "

"Ja, schon gut. Es reicht. Ich glaube, ich werde mir lieber gleich Data als Vorbild nehmen."

"Das wird wohl kaum klappen, Hexe. Versuch doch für den Anfang etwas Leichteres...wie wäre es mit Gollum? Dann könnten auch die Ohren so bleiben wie sie sind."

"Besten Dank, my precious! Und viel Spaß ohne Schokolade."

 

 

 

 

26.7.2014

 

Continental Divide

 

"Hexe, weißt du, an wen du mich erinnerst?"

"Ich rate jetzt mal lieber nicht."

"An Ernie Souchak."

"Aha."

"Ernie Souchak - aus dem Film Continental Divide. John Belushi spielt dort einen Journalisten, der sich in Chicago mit einem korrupten Politiker anlegt. Sein Verleger schickt ihn zu seinem eigenen Schutz in die Wildnis. Er soll in den Rocky Mountains eine Vogelkundlerin interviewen.

  Das ist wirklich ganz wunderbar. Der Großstadtmensch leidet in der Wildnis vor sich hin, fürchtet sich vor jedem Insekt und dreht am Rad, als sein Zigarettenvorrat zu Ende geht. Na ja, aber dann verliebt er sich in die Frau und findet Gefallen am Leben in den Bergen. Und dann kommt er zurück nach Chiago."

 

"Sehr spannend."

"Das ist echt witzig - denn jetzt findet er sich in der Großstadt nicht mehr zurecht, läuft mit Waldschratmütze und Wanderstab durch die Häuserschluchten."

"Und was hat das mit mir zu tun?"

"So kommst Du mir auch vor - du bist immer irgendwie am falschen Ort. Und wenn du dich dran gewöhnt hast, kommst du irgendwo anders hin und bist wieder falsch."

"MinDrago - du weißt wirklich, wie man jemanden aufbaut. Vielen Dank."

"Och, Hexe, ist doch nicht böse gemeint."

"Schon okay. Du hast ja recht. Im Moment fühlt es sich wirklich so an, als wäre ich im falschen Film. Mit Wanderstab im Großstadtdschungel. Man nennt es übrigens 'Anpassungsstörung'."

"Hat der Abrissbirnen-Fan-Club wieder getagt?"

"Ja, sehr heftig. Hat ja auch genug Mitglieder. Waren heute gleich mehrere aktiv."

"Scheiß drauf. Komm, wir schauen einen Film."

"Aber bitte nicht den falschen."

 

23.7.2014

 

Für die Katz

 

Ein seltener Anblick - Hexe ist auf dem Sofa eingeschlummert. Mit Kater Nr. 1 auf dem Bauch.

Ich ahne allerdings, dass die Idylle gleich ein Ende haben wird, denn von links nähert sich Kater Nr. 2.

Ja - und Schluss mit dem Nickerchen! Nr. 2 hat Nr. 1 einmal kräftig aufs Ohr gehauen. Das war's mit dem Nickerchen. Verständlich, dass Hexe nicht unbedingt gut gelaunt wirkt.

 

"Hexe, was ist denn mit Dir los? Tagsüber schlafen? Hattest Du gestern spät einen Termin?"

"Nein. Ich habe die halbe Nacht auf der Terrasse sitzend verbracht."

"Was hast Du denn da gemacht? Kette geraucht? Oder noch einen Zeh gebrochen?"

"Nein. Ich habe gewartet."

"Och Hexe, Du weißt doch, dass es keinen Sinn -"

"MinDrago, spar Dir bitte Deine Vorträge. Ich habe nicht auf Zeichen und Wunder gewartet, sondern auf dieses dicke Katerexemplar. Der Kerl hatte gestern keine Lust, wieder reinzukommen. Und wenn ich die Tür für ihn offen gelassen hätte, wäre der Kleine auch noch auf Nachtwanderung gegangen. Also habe ich mich rausgesetzt, um den Dicken bei seiner Rückkehr reinzulassen."

 

Wow, nicht schlecht. Für diese Biester tut Hexe wirklich alles. Na ja, für Bestien eigentlich auch. Ich wohne ja nicht zufällig hier.

 

"Wann kam er denn zurück?"

"So gegen drei Uhr. Bis dahin habe ich alle Sternbilder studiert, Glühwürmchen gesehen, mindestens drei Grillen oder Heimchen auf unterschiedlichen Frequenzen gehört und mehrere Fledermäuse gesichtet. Und zwei neue Katzen kennen gelernt. Das ist so eine Art Imbiss-Treff hier, im Schuppen wohnen nämlich massenhaft Mäuse."

"Klingt doch super - eine Expedition in die heimische Tierwelt! Das Abenteuer vor der Haustür."

"Ja, toll. Bin schwer begeistert. Das werde ich jetzt jede Nacht machen."

"Echt??? Kann ich da mal mitkommen?"

Hoppla - Hexe macht einen Facepalm. War wohl nicht ganz ernst gemeint.

 

 

21.7.2014

 

Perfektion im Alltag

 

"Worüber lachst Du, Hexe? Hast Du heute etwas Schönes erlebt?"

"Wie man es nimmt, MinDrago. Eher etwas Bemerkenswertes. Eine Form der Perfektion des Alltags."

"Du machst mich neugierig. Erzähl."

"Also - stell Dir vor, Du möchtest eine Szenario für einen möglichst deprimierenden Tag entwerfen. Wo fängst Du an?"

"Natürlich beim Wetter. Passt heute punktgenau - Regen, Grau in Grau, total trüb."

"Yep. Und dazu gehört eine passende Tätigkeit."

"Mh, lass mich mal überlegen...Briefmarken sortieren?"

"Nicht schlecht. Ich sammle aber keine Briefmarken. Wie wäre es mit einem Besuch im Altenheim?"

"Ja, klingt gut."

"Und zwar in einem etwas weiter entfernten Altenheim in der trostlosesten Kleinstadt im Umkreis von 100 Kilometern. Mit Navi-Aussetzer, Umweg, Stau vor einem Bahnübergang. Und der USB-Stick mit Musik liegt zuhause auf dem Schreibtisch."

"Perfekt."

"Nicht ganz. Denn dann kommt der Sahnetupfer: Du machst vor dem Heim eine Rauchpause und landest im "Zwergen-Kräuter-Gärtlein." Und stehst dort zwischen abartig grinsenden Gartenzwergen, bunt bemalten Blumentöpfen und pitschnassen Windspielen. Das ist perfekt. Und so dermaßen absurd, dass ich beim Gedanken daran immer noch lachen muss."

"Die Szene hätte ich gern gesehen."

 

19.7.2014

 

Verschnupft

 

"Du bist ein Lügner, MinDrago."

"Wie bitte? Wieso das denn?"

"Du hast zu mir gesagt, mir ginge es so mies, dass es jetzt nur noch bergauf gehen könne. Und jetzt sieh mich an."

"Mh, lass mal sehen. Eigentlich siehst Du so aus wie immer - verquollene Augen, Tränensäcke, rote Nase...keine Ahnung, was Du meinst."

"Danke. In diesem Fall nennt man es 'Erkältung'."

"Ach, hör auf. Nicht mal ein Unglücksrabe wie Du schafft es, bei 35 Grad im Schatten eine Erkältung zu bekommen. Da müsste man sich schon sehr anstrengen."

"Nein, ging ganz leicht. Verspätet zum Bahnhof, Kampf mit dem Fahrkartenautomaten, Sprint zum Bahnsteig. Und dann eine Stunde in einem hervorragend klimatisierten Regionalzug. Aufgrund von Problemen mit der Signalanlage dauerte die Fahrt durch ständige Zwischenstopps allerdings gefühlte drei Stunden. In dieser Zeit hatte meine Schweißschicht sich in eine Art Eisschicht verwandelt, die selbst Ironman zum Absturz gebracht hätte."

"Okay, Hexe. Ich habe keine Ahnung, wie Du das schaffst, aber Du scheinst Katastrophen im Moment wirklich magisch anzuziehen. Wie kann das nur sein?"

"You know who I am."

 

15.7.2014

 

Fehltritt

 

Hexe ist eindeutig eine Perfektionistin. Das ist in manchen Bereichen eine wunderbare Sache. So sind ihre Texte im Normalfall fehlerfrei, mehrfach überarbeitet, und jede Formulierung sitzt - jetzt mal abgesehen von spontanen und emotionsgeladenen Mails (siehe "Queen of Nachtrag"). In anderen Bereichen allerdings bremst sie sich durch diesen Hang zur Perfektion ständig selbst aus. Kuchen backen? Nein, der sieht ja hinterher nie so aus wie im Backbuch. Zeichnen? Nur im Notfall und dann nur diese Krikelkrakelbilder von mir, besten Dank. Hexe kann eigentlich ganz gut zeichnen, aber das Ergebnis entspricht nie (!) ihren Vorstellungen. Gut, dass sie sich nicht schminkt. Das würde sicher länger dauern als der Bau des Kölner Doms.

 

Heute aber hat sie echt was zu bieten.

"Hexe - phantastisch! Du hast dein Erscheinungsbild perfektioniert!"

"Was meinst Du denn, MinDrago? Hab nix gemacht."

"Hey - du trägst wie immer Schwarz, hast eine große Nase, auf Deiner Schulter sitzt gern mindestens ein Kater, vor der Haustür parkt Dein als verbeulter Kleinwagen getarnter Besen - und jetzt hinkst Du! Genialer Kunstgriff."

"Nein, schmerzhafter Fehltritt. Habe mir den Zeh gebrochen. Am Crosstrainer."

"Das glaube ich Dir im Leben nicht! Du und eine Sportverletzung?"

"Hör genau hin, MinDrago. Ich sagte 'am', nicht 'auf dem'. Ich war nachts auf dem Weg zur Terrasse, um zu rauchen. Barfuß. Hat sehr wehgetan."

 

"Boah, wie unwürdig. Aber steht ja auch auf den Schachteln: 'Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit.'"

"Was für ein blöder Kalauer."

"Was für eine blöde Sucht. Stinkt und ist teuer."

"Na und? Ich hab ja sonst keine Hobbies."

"Wenn Du so weiter qualmst, brauchst Du bald auch keine mehr."

"Umso besser."

 

15.7.2014

 

Gepierct

 

Auf Hexes Schreibtisch wird es nie langweilig. Wenn man gewillt ist, sich dem Chaos, das dort herrscht, zu stellen, kann man die interessantesten Dinge finden. Weil Hexe ziemlich unordentlich ist, lässt sie dort die Unterlagen ihrer Pressetermine liegen. Theaterprogramme, Ausstellungskataloge, Informationen über abgedrehte Projekte und Initiativen.

Heute habe ich etwas besonders Spannendes gefunden.

"Was ist das hier, Hexe? Hast Du einen Bericht über ein Tattoo- und Piercingstudio geschrieben? Der Flyer ist echt cool! Meinst Du, dieses Drachenmotiv würde mir stehen?"

"Wenn Du noch einen guten Meter wächst - vielleicht. Sonst wird es wohl kaum passen."

"Also erzähl schon - worüber hast Du denn da geschrieben?"

"Das war kein Pressetermin. War privat da."

 

"Privat? Du hast Dich PIERCEN lassen???"

"Nein, habe ich nicht. Oder doch. Also, ich habe lediglich ein Piercing aus alten Zeiten reaktivieren lassen."

"Wow! Davon wusste ich ja gar nichts. Wo ist das denn? Etwa - "

"MinDrago, bevor Deine bestialische Phantasie mit Dir durchgeht: Das Piercing ist oben an meinem Ohr, hier."

"Pfff, wie langweilig."

"Mag sein. Dafür war es in dem Studio aber kein bisschen langweilig. Da hingen überall Fotos von Tattoos und Piercings, und an jeder Ecke standen Totenschädel und Kerzenleuchter, total gruftig. Und gleichzeitig ging es da so sauber und steril zu in einem OP. Ein wirklich interessanter Gegensatz."

"Und die Leute da? Lauter Freaks und Hell's Angels?"

 

"Nein. Waren alle sehr nett. Da habe ich mich deutlich wohler gefühlt als letztens beim Empfang eines Nobelclubs, über den ich berichten musste. Ich mag es, wenn die Leute...wie soll ich sagen...'echt' sind. Offen und geradeaus. Und das ist bei Menschen, die es vielleicht nicht ganz so hoch nach oben geschafft haben, einfach häufiger anzutreffen. Damit komme ich gut klar. Dann kann ich mich auch selbst ein bisschen entspannen. Wenn ich davon ausgehen kann, dass mein Gegenüber mir nichts vormacht, nicht irgendetwas darstellen will, das ich dann sowieso nicht verstehe. Oder einfach doof finde. Gerade vor Pressevertretern legen manche 'wichtigen' Leute richtig los. Das nervt dann. Kann ich nichts mit anfangen. Allerdings habe ich auch schon anderes erlebt. Bei einer Vernissage ist mir mal ein richtig hochrangiger Polititker begegnet, der sehr entspannt und freundlich war, kein bisschen aufgesetzt. Hat Spaß gemacht."

"Na, dann hast Du ja richtig Glück, dass ich immer so authentisch bin."

"Ja. Und so bescheiden."

 

13.7.2014

 

Käse

 

"Was ist das, Hexe???"

"Ein Plüschkäse."

"???"

"Ein Andenken aus Holland."

"Musst Du eigentlich immer so seltsam sein, Hexe? Andere bringen sich eine Windmühle oder Holzschuhe aus dem Urlaub mit. Aber bei Dir muss es ein Plüschkäse sein?"

"Das war kein Urlaub. Ich habe mal einige Monate in Utrecht gewohnt. Das war ein Erasmus-Stipendium während des Studiums."

"Wow - und wie war das?"

"Käselastig."

"Nein, im Ernst - hat es Dir gefallen?"

"Ja, war okay. Für meine Fächer gab es kaum Veranstaltungen. Da habe ich dann einfach ein Semester Kunstgeschichte eingeschoben. War ganz nett. Ich mochte die Atmosphäre, alles sehr offen und locker. Nur das viele Fahrrad fahren war nervig."

"Und wie bist Du sonst so klar gekommen?"

"Ging ganz gut. Habe viel gelesen und Fernsehen geschaut. Derrick mit deutschen Untertiteln. Danach war ich zumindest sprachlich fit."

 

"War aber bestimmt auch stressig, oder?"

"Ja, klar, die fremde Umgebung, raus aus den gewohnten Ritualen. Aber als ich jünger war, habe ich mich einfach immer sehr bemüht, 'normal' zu sein, zu tun, was andere auch schaffen. Habe mich echt abgezappelt."

"Vielleicht solltest Du jetzt auch mal ein bisschen zappeln."

"Mache ich ja, MinDrago, mache ich. Fällt mir aber viel schwerer als früher."

"Weil Du so traurig bist?"

"Ja. Und weil alle meine Strukturen zusammengebrochen sind."

"Fehlt er Dir immer noch?"

"Jeden Tag mehr. Ich habe noch niemals in meinem Leben jemanden so sehr vermisst. Es zerreißt mich fast. Verdammter Defekt im Stachelmechanismus. Aber es war eben etwas Besonderes.The one and only. Und deshalb tut es besonders weh."

...

"Komm, wir backen einen Kuchen."

"Und dann?"

"Dann gucken wir Derrick. Mit holländischen Untertiteln."

"Sind das eigentlich Bissspuren im Plüschkäse?"

 

Tipp: Woody Pitney, "You can stay" 

10.7.2014

 

Von Landwirten und Baustellen

 

"Steh auf, Hexe, ist schon spät."

"Nein."

"Hexe - der Plan mit dem Verrotten klappt nicht, weißt Du doch."

"Ist aber einen weiteren Versuch wert."

"Vielleicht morgen. Jetzt musst Du aufstehen, Du hast gerade einen Auftrag bekommen."

"Was Spannendes?"

"Äh...nicht wirklich. Die aktuellen Ernteprobleme der ansässigen Landwirte."

"Boah, lass mich in Ruhe! Dafür stehe ich ganz bestimmt nicht auf."

"Gut, dass Du kein Landwirt bist. So würde das wohl nix."

"Pff, als Landwirt hat man wenigstens etwas vorzuweisen, Gemüse und so'n Zeug. Sein Geld mit Schreiben zu verdienen ist meistens ziemlich unbefriedigend. Hätte mir was anderes aussuchen sollen."

"Ja, vielleicht Klempner, dann wäre es leichter gewesen, das Smartphone aus dem Klo zu fummeln."

"Ich hab keine Lust auf die Landwirte-Story. Wie wäre es mit was Spektakulärem? Hexenverbrennung wäre doch was."

 

"Ein bisschen destruktiv heute? Und wie willst Du über ein Ereignis berichten, bei dem Du die Hauptrolle spielst?"

"Die Kollegen können ja auch mal was machen. Wenn die WM vorbei ist, freuen die sich über solche Großereignisse."

"Hexe - Kopf hoch! Wird auch wieder besser."

"Glaub ich nicht. Sind diesmal einfach zu viele Baustellen. So scheiße war's noch nie. Wenn ich mit meinem Leben die Felder düngen könnte, hätten die Landwirte bestimmt keine Probleme mehr."

"Na - siehst Du? Selbst der größte Mist ist noch für was gut."

 

 

8.7.2014

 

Schwierige Navigation

 

"Schau mal, Hexe, das habe ich für Dich gemacht, eine Zeichnung."

"Das ist aber lieb, MinDrago! Äh, was genau soll das sein?"

"Na, schau doch richtig hin - wonach sieht es denn aus?"

"Ein toter Hund mit Piercings?"

"Boah, Hexe, Dein Kunstverständnis ist echt verkümmert. Das ist natürlich ein Katzigel."

"Aha."

"Ein Katzigel - das ist eine Kombi aus Katze und Igel. So eine Art Wappentier für Dich."

"Mh, Katze okay, der Vergleich ist jetzt nicht soo neu. Aber Igel? Weil ich so langsam bin? Oder schmatze ich beim Essen? Oder willst Du mich überfahren?"

"Nein. Es geht natürlich um die Stacheln. Wenn Dir jemand zu nah kommt, rollst Du Dich ein und stellst alle Stacheln auf."

"Na und? Ist doch eine gute Taktik, die sich sehr bewährt hat. Probleme gibt es doch nur, wenn dieser wunderbare Abwehrmechanismus mal nicht funktioniert."

"Ich hab ja auch nicht gesagt, dass das eine schlechte Vorgehensweise ist. Hol mal Dein Smartphone, dann kannst Du das Bild fotografieren und als Hintergrund benutzen."

 

"Das geht im Moment nicht. Mein Smartphone ist...nicht einsatzbereit."

"Warum nicht? Schon kaputt? Ist doch noch ganz neu."

"Ich hab's ins Klo geworfen."

"WIE BITTE? Hast Du sie noch alle? Warum???"

"Schien mir eine gute Idee zu sein."

"Ach Hexe. Müssen es denn immer gleich Radikallösungen sein?"

"Du weißt doch - erst handeln, dann nachdenken. Das wäre vielleicht ein passender Wappenspruch zu Deinem Bild. Ist ungefähr genauso erhaben wie der Katzigel."

"Und jetzt?"

"Jetzt bastel ich am Smartphone, damit es wieder funktioniert. Mir ist nämlich leider zu spät aufgefallen, dass ich es als Navi brauche."

"Ich glaube, ein Navi bräuchtest Du auch in anderen Lebensbereichen."

"Ja, das ist ja eine geniale Idee - stell Dir mal vor, ein Asperger-Navi! Das Dir sagt, was Du wann tun musst.  'Bei der nächsten Person bitte lächeln, Augenkontakt und Hand schütteln.' Oder 'Achtung, diese Frage ist nicht wörtlich gemeint, also bitte nicht wahrheitsgemäß beantworten.' Das wäre super!"

"Ja, toll. Oder 'Bitte nicht das Smartphone ins Klo werfen.'"

"Schon gut. Ich hole jetzt mal den Föhn."

 

7.7.2014

 

Ohne Worte

 

"Hast Du was verloren, Hexe?"

"Ja."

"Was Kleines?"

"Nein, etwas ganz Großes."

"Soll ich Dir suchen helfen?"

"Nein. Hat keinen Sinn. Ist weg."

 

 

5.7.2014

 

Mondnacht & Arschgesicht

 

"So wie Du aussiehst, Hexe, sitzt wieder ein fetter Gefühls-Idiot auf Deinem Gesicht."

"MinDrago - ich habe ja inzwischen verstanden, dass meine Metaphern nicht Dein Wohlgefallen erregen. Du solltest Dir aber wenigstens die Mühe geben, sie korrekt zu zitieren. Ich sprach davon, dass die Gefühle wie fette Idioten auf dem Gesicht meines Verstandes sitzen, nicht auf meinem."

"Als würde das einen großen Unterschied machen. Poetischer wird das blöde Bild dadurch auch nicht. Lass mich mal raten - Lyrik ist wohl nicht Dein Schwerpunkt?"

"Das stimmt. Aber da gibt es auch Ausnahmen. Die Galgenlieder von Morgenstern mag ich."

"Mh, sehr romantisch..."

"Okay, lass mal überlegen. Die Lyrik der Romantik ist wirklich nicht so mein Ding. Außer Eichendorffs 'Mondnacht', das ist wunderschön. Wenn ich ehrlich bin, mag ich eigentlich die englische Lyrik lieber als die meisten deutschen Sachen. Byrons 'She walks in beauty' finde ich unglaublich schön. Hier, lies mal."

...

"Ja, okay, das ist echt ganz nett."

"Englisch ist in Bezug auf Lyrik einfach irgendwie...weicher und runder als Deutsch."

"Na, siehst Du, da haben wir ja doch noch eine poetische Ader in Dir entdeckt. Muss ja nicht immer das Arschgesicht sein."

"Verschwinde."

 

4.7.2014

 

Gabel, Messer...

 

"Was hast Du denn in der Küche für einen Höllenlärm gemacht, Hexe?"

"Ich konnte endlich die Besteckschublade neu sortieren - und endlich so, wie es richtig ist."

"Wie - richtig?"

"Gabel, Messer, Löffel, kleine Löffel, von links nach rechts."

"Aha. Und wer sagt, dass das so richtig ist?"

"Ich."

"Verstehe. Ist das so was wie die Sache mit den Geldscheinen? Dass Du sie immer richtig herum und nach Wert sortiert in Deine Brieftasche steckst?"

"Ja."

"Und wie bei Deinen Schuhen, die Du - "

"JA DOCH, MinDrago. Willst Du mir was sagen?"

"Nein, nein, schon okay."

 

3.7.2014

 

Moralfragen

 

"Boah, Hexe, das war aber nicht nett!"

"Was meinst Du?"

"Hexe, es kann jedem mal passieren, dass er eine falsche Handynummer anruft."

"Aber nicht gefühlte hundert Mal. Und bitte nicht meine."

"Trotzdem hätte man das sicher auch netter ausdrücken können."

"Ich weiß nicht, was Du meinst. Ich habe doch vernünftige Worte gewählt."

"Okay, rhetorisch gesehen war das Ganze einwandfrei. Aber inhaltlich hätte man einige Passagen vielleicht diplomatischer formulieren können. Oder lieber ganz weglassen."

"Meine liebe Bestie - nett sein muss ich im Job. Und das reicht auch. Und im Restleben diene ich gerade als Inspiration für die Gründung des neuen "Hexe-hat-mir-mein-Leben-versaut"-Vereins. Die Mitgliederzahl kann sich übrigens durchaus sehen lassen. Ich habe als Logo die obligatorische Abrissbirne vorgeschlagen."

 

"Hexe - lass mal Dampf ab. Wie wäre es mit ein bisschen Gartenarbeit? Dann freuen sich auch die Nachbarn."

"Nein. Das Thema Gartenarbeit ist für diese Saison durch. Mit dem Segen der Nachbarn."

"Echt? Wie hast Du das denn geschafft? Hast Du ihnen Deinen Behindertenausweis unter die Nase gehalten?"

"Nein, war viel einfacher. Die Nachbarin hat mich so seltsam gefragt, ob alles okay sei, ich hätte so viel abgenommen. Hatte den Eindruck, sie vermutet eine schwere Krankheit."

"Na, gut, dass sie damit falsch liegt. Aber warum...hey - Moment - Hexe, das hast Du nicht getan, oder?"

"Ich habe gar nichts getan. Nur ein bisschen gehustet und das Thema gewechselt. Und da hat sie sich sogar angeboten, den Einkauf für mich zu machen."

"Mensch, Hexe, ich wusste gar nicht, dass Du so......unmoralisch sein kannst."

"Man lernt dazu."

 

 

Moral grounds [...] are always the last refuge of people who have no sense of beauty.

Oscar Wilde, The Truth of Masks

 

2.7.2014

 

Do not Beam Me Down, Scotty!

 

"Mist!"

"Was genau machst Du da, Hexe?"

"Ich versuche, diesen blöden Aufkleber von meinem Laptop abzukriegen."

"Warum?"

"Weil ich ihn nicht mehr sehen mag! Deshalb!"

"Komm, ich helf Dir. Kann ja nicht klappen, wenn Du Deine Fingernägel immer so kurz abraspelst, dass sie quasi nicht mehr existent sind. Lass mal sehen. Den hier? 'Autism Awareness' mit dem bunten Schmetterling? Ich dachte, Du magst ihn?"

"Nein. Nicht mehr."

"Und warum nicht?"

"Asperger ist nichts Schönes. Und Autismus ist keine neue Evolutionsstufe auf dem Weg zum Genie. Es ist einfach nur die Garantie, ein möglichst unglückliches Leben zu führen, immer außen vor zu stehen und anderen beim Leben zuzusehen. Und dann sitzt Du da und phantasierst Dir was zusammen, abgedroschenen Mist vom 'richtigen Planeten', auf dem Du Dich zuhause fühlen würdest. Weißt Du was? Das ist bullshit. Ein dämlicher Traum."

"Und wenn es einen solchen Planeten gäbe?"

"Dann würde ich sicher als einziger Bewohner nach kurzer Zeit gewaltsam in ein Raumschiff verfrachtet und zurück zur Erde geschickt."