Kein Happyend

Manchmal kommt sie leise durch die Hintertür.

 

Manchmal kommt sie mit viel Tamtam durch den Haupteingang.

 

Manchmal läuft sie unauffällig mit wie ein durchgehender schwarzer Faden.

 

Und manchmal glaubst du, du hast sie besiegt.

 

 

Aber sie ist immer da.

 

 

Du darfst mit den Kollegen über Schnupfen reden. Über Darmspiegelungen. Sogar über Fußpilz.

 

Aber erwähne niemals deine Depression.

 

 

Sie ist ein Makel. Ein Brandmal.

 

 

Wenn du Tage hast, an denen du das Bett nicht verlassen kannst, leg dir Ausreden zurecht. Wenn du aussiehst wie ein Zombie, dann sag: „Ich habe Eisenmangel.“ Zieh dir warme, dicke Sachen an. Mit Kapuze. In denen du dich sicher fühlst. Eingewickelt. Geschützt. Derbe Boots, die dir das Gefühl geben, einen sicheren Stand zu haben. Einen Schal, der deinen Kopf stützt.

 

 

Wenn es ganz schlimm wird, rät dir die Stimme im Kopf, doch einfach alles hinzuschmeißen. Den neuen Job, in dem du dich nicht wohlfühlst. Die Freundschaft, in der du dich nicht verstanden fühlst. Die Therapie, die dir nichts bringt. Die Medikamente, die dich dick machen, weil sie deinen Sättigungspunkt verschwinden lassen.

 

 

Und es gibt kein Happyend. Der Kampf endet nicht. Er wird niemals enden.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Daniel Rehbein (Montag, 29 Oktober 2018 21:06)

    Es ist wohl ein generelles Problem in der öffentlichen Wahrnehmung von menschlichen Eigenschaften, die sich im Kopf befinden, im Gegensatz zu menschlichen Eigenschaften, die irgendwo an bestimmten Körperstellen lokalisiert sind.

    Unter einem Fußpilz kann sich jeder etwas vorstellen. Das ist vielleicht nicht ganz so appetitlich, aber es ist am Körper örtlich begrenzt, und vor allem hat ein Fußpilz nichts mit der Persönlichkeit zu tun. Ein Fußpilz kann wieder abheilen, ein Fußpilz kann aber auch schlimmer werden, aber das alles wird nicht als Veränderung der Person als solches wahrgenommen.

    Alles, was sich im Kopf abspielt, ist für Außenstehende schwerer zu verstehen, und es ist direkt in die Persönlichkeit integriert. Mit den Kollegen über eine Depression zu sprechen, das müsste man deshalb eher damit vergleichen, mit Kollegen über seine sexuellen Phantasien zu sprechen. Das ist ja eigentlich gar nichts schlimmes, aber trotzdem macht man es nicht. Und wenn man es doch macht, sind plötzlich alle peinlich berührt.

    Wenn man mit Kollegen Smalltalk über Fußpilz hält, dann halten einen die Kollegen für einen schrägen Vogel, aber es wird auch wieder vergessen. Wenn man dagegen etwas über seine eigene Persönlichkeit erzählt, dann bleibt es dauerhaft im Gedächtnis gespeichert. Und vor allem dann, wenn die Kollegen anders darüber denken, dann bleibt es als "Makel" gespeichert.