Bin ich genug?

„Was schaust du dir denn da an? Gruftie-Klamotten?“

 

 

„Nein, MinDrago. Armreife. Mit Motivationssprüchen.“

 

 

Meine Bestie springt mir auf die Schulter und schaut auf den Monitor.

 

 

„Au weia… auf so einen Kitsch stehst du doch gar nicht. Sehen aber gar nicht sooo schlecht aus. Welchen Spruch würdest du nehmen?“

 

 

„Gute Frage. Vielleicht den hier, guck mal.“

 

 

MinDrago rückt seine Brille zurecht.  ‚Everything happens for a reason.! Naja. Glaubst du das denn wirklich? Welchen Sinn hat es, dass du dir vorhin den Finger am Wasserkocher geklemmt hast? Und dir direkt danach der Schnürsenkel gerissen ist? Welchen Sinn hat der gigantische Pickel an deinem Kinn und die fiesen – „

 

 

„Schon gut!!! Dann eben der hier: ‚Believe in yourself‘. Das wär doch was.“

 

 

Meine Bestie scheint auch damit nicht ganz einverstanden zu sein: „Boah, das machst du doch sowieso nicht! Das könnte man in einen Mühlstein gravieren und dir ans Bein binden – und trotzdem fändest du immer Gründe, warum es sich nicht lohnt, an dich zu glauben. Wäre vielleicht auch keine gute Idee mit dem Mühlstein – vermutlich würdest du damit zur nächsten Brücke kriechen.“

 

 

Ich denke kurz darüber nach, ob MinDrago ein solcher Stein nicht vielleicht gut als Halskette stehen würde, verwerfe den Gedanken aber, weil ich etwas Neues entdeckt habe: Hier! „Never give up‘ – was hältst du davon?“

 

 

„Ganz ehrlich? Den brauchst du echt nicht.“

 

 

„Warum nicht? Ich habe doch genug Baustellen in meinem Leben.“

 

 

„Ja, klar. Aber du beackerst sie doch alle. Mal mehr, mal weniger, mal mit Elan, mal mit geringem Antrieb. Aber du bist immer noch da – also hast du ja nie aufgegeben, oder? Und das wirst du auch in Zukunft nicht tun. Dafür brauchst du keinen Motivationskram.“

 

 

„Hey – das ist ja fast ein Kompliment, liebe Bestie. Dann guck ich mal weiter…‘Think positive‘? Oder vielleicht ‚Choose happiness‘ oder ‚Carpe diem‘?“

 

 

„Alles Quatsch. Lass mich mal gucken, ich such dir was Schönes aus.“

 

 

MinDrago schiebt mich beiseite und übernimmt die Maus. „Hier – das ist das Richtige für dich: ‚I am enough‘. Das wird jetzt bestellt!“

 

 

„WTF? Echt? Warum?“

 

 

„Weil du genau da Motivation brauchst. Es ist total wurscht, dass du nicht jedem gefällst. Dass du vielleicht keine Modelmaße hast oder deine Nase zu groß ist. Dass du keine tolle Karriere gemacht hast und kein dickes Auto fährst. Du bist du. Und als du bist du einfach genau richtig. Und bis du das kapierst, wirst du dieses fucking Armband Tag und Nacht tragen! Und guck mal – das da bestellen wir gleich noch mit: ‚Perfectly imperfect‘. Zack! Bestellt!“

 

 

„Na toll. Danke, dass du mir wenigstens ‚Love yourself‘ erspart hast…“

 

 

„Das hätte keinen Sinn. Das tust du eh nicht. Wir fangen mal klein an. Und bis du es schaffst, dich selbst zu lieben, übst du mal an mir. Deine geliebte Bestie hätte nach getaner Arbeit jetzt nämlich gern Kakao und Kekse.“

 

 

Okay – verdient ist verdient…

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Anna L. (Mittwoch, 01 August 2018 15:16)

    "Du bist du. Und als du bist du genau richtig" - ja, genau so solltest du es sehen!
    Wenn du dir das dann irgendwann auch wirklich glaubst, kannst du auch wieder sagen: "ich bin ich" und es vielleicht ergänzen mit "... und das ist gut so!"
    Alles Gute! Anna :-)

  • #2

    Daniel Rehbein (Freitag, 03 August 2018 00:05)

    Diese Kriterien, wann man etwas erreicht hat, klingt doch sehr nach Fremdbestimmung. Vor allem der Punkt "Dickes Auto" ist mir aufgefallen. Ich bin in den 80ern zur Schule gegangen, da machten meine Klassenkameraden fast alle mit 18 Jahren ihren Führerschein und fuhren dann mit dem Auto zur Schule. Da war eine Zeit, da wurde Fahrradfahren eher als eine Spinnerei belächelt. Ich wollte aber nicht mitmachen beim Autofahren, mich hat das eher geärgert, wie viel Blech in der Stadt herumsteht, die Bürgersteige vollparkt und die Straßen verstopft. Und wenn ich mir in den Kopf gesetzt habe, etwas nicht mitzumachen, dann mache ich das nicht mit. Dann ist es egal, ob die anderen darüber lachen. Ich habe doch meinen eigenen Kopf. Wenn man möchte, daß ich irgendetwas mitmache, dann soll man mir erklären, warum. Und wenn man mir das nicht verständlich erklären kann, dann taugt es nichts.

    Genauso mit der großen Nase: Wenn jemand meint, daß meine Nase ein Problem ist, dann soll er mir das erklären. Und zwar logisch und nachvollziehbar, so daß ich es verstehe. Wenn er mir das nicht so erklären kann, daß ich es nachvollziehen kann und verstehe, dann ist das ja nichts wert. Dann habe ich keinerlei Erkenntnisgewinn davon, dann kann man es auch gleich sein lassen.

    Ja: Ich bin ich, und ich tue das, was ich als richtig erachte. Wenn die Welt möchte, daß ich irgendetwas anders machen, dann soll sie mir erklären, warum. Und zwar so erklären, daß es in sich logisch und schlüssig ist. Komisch gucken oder Auslachen ist keine Erklärung, damit kann ich nichts anfangen. Wenn die Welt etwas von mir will, dann soll ich auf mich eingehen und sich mir gegenüber verständlich erklären. Wenn die Welt das nicht kann, dann muß sie damit leben, daß ich anders bin als sie es erwartet. Dann ist das so.