Mein Blog und ich

 

MinDrago hat seine gesamte Plätzchenration (und Teile meiner) auf einmal verdrückt und schnarcht nun sanft vor dem Fernseher.

 

Und ich sitze hier und möchte nach vielen Wochen endlich mal wieder einen Blog-Beitrag schreiben. Es fühlt sich ein bisschen an wie eine Reanimationsmaßnahme. Der Spaß an meinem Blog hat sich nämlich ins Jenseits verabschiedet. Durch einen einzigen Satz.

 

Eine ehemalige Freundin schrieb mir nach Jahren eine Mail. Sie schrieb, dass wir ja lange nichts voneinander gehört hätten. Aber: „Ich habe im Internet dein Blog entdeckt und kann nun zumindest erahnen, was in den letzten Jahren in deinem Leben passiert ist.“

 

Zack – Spaß vorbei. Und siehe da – bei der Google-Suche nach meinem Realnamen findet man nicht nur mehr oder weniger interessante journalistische Texte, sondern auch – die „Intelligenzbestie“. Doof von mir, hätte ich ja eher drauf kommen können. Anonym geht natürlich anders. Aber irgendwie hatte ich wohl geglaubt, dass mich im realen Leben niemand googelt…

 

Und dann sitzt du  da und denkst: „Scheiße! Da hast du Depp, ohne darüber nachzudenken, dein Innerstes nach außen gekehrt und der Öffentlichkeit serviert.“ Natürlich war mir klar, dass der eine oder andere wusste, wer hinter dem Blog steht. Am Anfang habe ich meine Texte sogar teilweise als Nachrichtenüberbringer benutzt. Bis mir klar wurde, dass der Adressat zwar fleißig mitliest, die Texte aber höchstens nutzt, um sein Selbstbild aufzupolieren oder später sogar, um sie gegen mich zu verwenden. Ich habe mir aber nie wirklich klargemacht, dass ich hier im Grunde die Hose runterziehe.

 

Was kann man diesem Blog entnehmen, wenn man ihn quasi ohne Hintergrundinformationen liest? Die Antwort lautet: Zu viel. Mein erster Impuls war, die Seite offline zu setzen. Oder sie wenigstens zu zensieren. Aber dann fiel mir ein, welche positiven Reaktionen ich bekommen habe. Mit welchen interessanten Menschen ich ins Gespräch gekommen bin. Und wie gut es manchmal auch einfach tut, die Alltagsprobleme in Worte zu fassen. Wenn ich etwas schreibe, das andere zu lesen bekommen, muss ich es verständlich und logisch formulieren. Das schafft für mich selbst oft Klarheit. Wenn ich ein privates Tagebuch schreiben würde, käme dabei vermutlich meist nur weinerlicher Mist heraus. Für andere Menschen schreiben, bedeutet auch immer, sich selbst von außen zu betrachten.

 

Aber ist der Preis nicht zu hoch? Denn über die eigenen Probleme zu schreiben, bedeutet eben auch, sie zuzugeben, öffentlich zu machen. Ich verstecke im Sommer meine Narben, damit man mich nicht für einen Psycho hält – und zeige hier dann Fotos davon? Ich verschweige, dass ich mich durch einen monatelangen Missbrauchsprozess quälen musste – und poste hier offen über Missbrauch?

 

Wenn ich ehrlich bin – ich bin noch zu keinem Ergebnis gekommen. Ich weiß noch nicht, ob und wie es weitergeht. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es Zeit ist, das Blog aufzugeben. Aber noch hänge ich daran. Das Schreiben hat mich durch dunkle Zeiten getragen.

 

Eines aber weiß ich genau – wenn „Freunde“ lieber voyeuristisch und aus bequemer Entfernung von meinem Leben lesen, statt sich mal zu melden und zu fragen, wie es mir geht, dann verdienen sie den Titel „Freund“ nicht und sollten aus Anstand nicht mehr mitlesen. Für Euch ist dieses Blog nicht gedacht. Ihr könnt ja darauf warten, dass ich irgendwann meine Autobiografie schreibe. Ich schenke Euch dann ein signiertes Exemplar.

 

Und noch widerwärtiger sind mir die Menschen, die hier mitlesen und darauf hoffen, dass es mir schlecht geht. Glücklicherweise sind das nur sehr wenige. Im echten Leben habt ihr es mit ekelhaftem und absurdem Victim Blaming versucht. Hat nicht geholfen. Ich habe es überlebt. Und bin stärker als vorher. Bleibt ihr doch einfach in eurer glücklichen Bilderbuchwelt. Redet euch weiter ein, dass ihr die Guten seid. Viel Spaß dabei. 

 

Ich werde sehen, wie es weitergeht. Denn genau so habe ich überlebt – einfach weitermachen. Ich habe überlebt – und jetzt LEBE ich. Ob ich dies mit oder ohne mein Blog tun werde? Es wird sich zeigen.

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Daniel Rehbein (Donnerstag, 28 Dezember 2017 20:28)

    Man liest Dein Blog nicht "quasi ohne Hintergrundinformationen", Du lieferst doch in Deinen Beiträgen jede Menge Hintergrundinformationen mit. Du formulierst verständlich und logisch. Ich kann vieles, was ich bei Dir lese, sehr gut nachvollziehen, und zwar auch Sachverhalte, die ich selbst nicht kenne. Deshalb habe ich den Eindruck, daß Du durch Deine Veröffentlichungen eher positiv erscheinst als negativ.

    Ich kann mich auch in die beschriebene "ehemalige Freundin" hineinversetzen und sehe das auch nicht negativ. Wenn ich jemanden lange nicht mehr gesehen habe, vielleicht auch gar nicht so einen intensiven Kontakt hatte, und mich schließlich frage "Was ist aus der/dem eigentlich inzwischen geworden?", dann würde ich heutzutage auch mal im Web suchen. Und wenn ich dann auf ein Blog wie dieses stieße, würde ich auch denke "Aha, jetzt habe ich eine ungefähre Vorstellung, was in den letzten Jahren passiert ist". Das wäre doch nichts negatives, sondern ehrliches Interesse.

    Ich kenne auch das Gefühl, wenn man plötzlich auf einen Text angesprochen wird, den man eigentlich für eine anonyme Masse geschrieben hatte, nicht für persönlich bekannte. Es ist so ein "Ertappt"-Moment. Erst neulich sprach mit eine Freundin auf meine Äußerungen zu meinem Liebesleben im Kommentarbereich der Übermedien an - sie hatte bei Google mal "Daniel Rehbein Sexualität" eingegeben. Da habe ich auch erst mal komisch geguckt, aber es war ja dann auch nichts Negatives. Nur eben dieses kurze "Beobachtet"-Gefühl, daß jemand nach meinem Namen im Web sucht.

    Wenn man intensiv sucht, wird man im Usenet Beiträge von mir finden, die über 20 Jahre alt sind - mit Meinungen, die ich vor 20 Jahren vertreten habe, mit Meinungsverschiedenheiten, die ich vor 20 Jahren mit anderen Menschen hatte, mit polemischen Äußerungen, die ich vielleicht heute nicht mehr so äußern würde. Aber es steht immerhin das Datum dabei. Es wäre ja schade, nichts mehr zu schreiben, wenn man eventuell mal später anders über seine Äußerungen denkt.

    Und ja, Du versteckst im Sommer Deine Narben - denn in der Offline-Welt kann Du nicht mal eben einen verständlichen und logischen Text dazu formulieren, der den Anblick erklärt. Wenn Du dagegen hier im Blog Bilder davon veröffentlichst, ist das in den richtigen Rahmen eingebettet, Du hast hier die passenden erklärenden Texte dabei, insgesamt ist das alles in sich stimmig und logisch.

    Menschen, die Munition gegen Dich suchen, werden immer etwas finden - völlig egal, ob Du ein Blog hast oder nicht. Wenn sie nicht aus Deinem Blog zitieren können, werden sie etwas anderes finden. Wenn Du wegen dieser Menschen Dein Blog abschaltest oder zensierst, hast Du ihnen dann damit nicht auch Macht über Dich zugestanden, Macht über Deine Aktivitäten und Deine Kommunikation?

  • #2

    svoe (Dienstag, 09 Januar 2018 18:32)

    Hallo,
    falls es dich stört, dass diese Seite über deinen Klarnamen gefunden wird, kannst du den & die meisten anderen Angaben auch aus dem Impressum entfernen.
    Soweit ich sehe, ist das eine rein private, persönliche Seite, mit der du keinerlei unternehmerische Ziele (z.B durch Anzeigen von Werbung, Knüpfen von Geschäftsbeziehungen) verfolgst, die brauchen nach dem Telemediengesetz kein Impressum. (Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Impressumspflicht, https://www.beckmannundnorda.de/tdgimpressum.html)

    Im Zweifel solltest du das natürlich noch weiter recherchieren. Ich hatte das Thema in der Fachinformatikerausbildung, bin also auch nur Laie was Recht angeht.
    VG
    Svö

  • #3

    Anna Lühse (Sonntag, 14 Januar 2018 11:04)

    Liebe Schreiberin,

    als ich deinen vorletzten Beitrag "ich bin ich" gelesen habe, dachte ich: "Super, jetzt hat sie es geschafft." Denn es war zu erkennen, dass dir klargeworden ist, dass diese dauernde Beschäftigung mit dem Anderssein zu nichts führt. Meine Meinung ist ähnlich. Ich mache, was ich für richtig halte, egal ob andere mich für unsozial oder sonstwas halten. Alte Bekannte interessieren mich nicht mehr, nervige Familienmitglieder und deren Erwartungen gehören der Vergangenheit an. Ich habe alles abgebrochen und mir geht es so gut wie nie zuvor. Das Leben ist schön, wenn man es sich schön macht, das muss man sich aber trauen.

    Ich sehe nicht mehr ein mir zu schaden, um eine Fassade aufrecht zu erhalten, die den anderen nicht halb so viel bringt, wie dieses Theater mir abverlangt. Also - logische Konsequenz nach vielen Jahren des vergeblichen Bemühens: sollte einem wurscht sein, fertig. Zu erwarten, dass irgendwer dafür Verständnis hat, ist vergeudete Energie, ebenso sich ein Leben lang zu erklären. "Ich bin ich" ist ein toller Satz! Wenn du nur einen Menschen hast, mit dem du klarkommst, ist die Welt in Ordnung - und wie ich weiß, hast du mehr als einen.

    Ich habe oft über deine Beiträge gelacht, weil du toll schreibst, Humor hast. Manchmal war ich auch betroffen, weil dich vieles sehr mitgenommen hat, weil du so sehr versucht hast, dich anzupassen. Umso mehr freue ich mich über "ich bin ich" und das, was es aussagt. Und nichts mehr von dir zu lesen, heißt, dass du im realen Leben zu tun hast, das ist super!

    Übrigens: die "Freundin", die sich bei dir gemeldet hat, würde ich höchstens als Bekannte bezeichnen und die braucht man nicht. Leute wie wir wissen, was Freundschaft bedeutet - und wie selten es sie gibt. Ich habe nur einen Freund - naja, mehrere, aber die anderen haben Fell ;-)

    Ich würde verstehen, wenn du deine bisherigen Beiträge zensierst, du entscheidest, was du preisgeben willst. Und ja, es ist mutig, riskant, vielleicht auch naiv sein Innerstes nach außen zu kehren. Ich hätte mich das nicht getraut, habe mich aber gefreut, dich auf diese Weise irgendwie "kennengelernt" zu haben, so vieles war und ist ähnlich. Alles Gute und: Mach dein Ding!

    Ganz liebe Grüße wünscht dir Anna Lühse!