Ich bin ich

 Ich bin kein Gruppenmensch. Kein echter Teamplayer.

 

 

Bei Autisten nichts Neues? Sollte man glauben.

 

Aber: Es gibt sehr viele Gruppen für Autisten. Facebook-Gruppen, Selbsthilfegruppen und einiges mehr. Die Quadratur des Kreises?

 

Nach der Diagnose suchen wohl fast alle Autisten den Erfahrungsaustausch. Man war so lange allein mit all den Problemen, Selbstzweifeln, der Einsamkeit. Da erscheint es traumhaft, plötzlich Menschen zu treffen, die all das kennen. Bei denen man sich nicht lang erklären muss. Eine innere Heimat.

 

Tolle Sache. Bei mir funktioniert es nicht.

 

Zuerst habe ich es mit SHG probiert. Ich fühlte mich dort fremd. In der ersten Gruppen waren nur Männer, die total andere Probleme hatten als ich. Die zweite Gruppe war gut gemischt. Aus der bin ich rausgeflogen. Der Leiter, ein Therapeut, war mir unangenehm. Er ließ , aus meiner Sicht, sexistische Sprüche ab, und seine Beziehung zu seiner Klientin, die ebenfalls in der Gruppe war, war aus meiner Sicht absolut grenzüberschreitend. Ich sagte nichts dazu, hörte mir artig an, wie die Gruppe von „uns“ und „denen“ sprach. Und fragte mich, ob ich nicht lieber zu „denen“ gehören würde. Später wurde ich von den anderen gefragt, wie es mir gefallen habe. Ich sagte meine Meinung – es erschien mir logisch, offen zu sprechen, wenn man mich direkt fragt. Ein Fehler – man erklärte mir, ich sei zu negativ. Und aufgrund eigener Erfahrungen sei ich einfach zu misstrauisch. Und es sei wohl besser, wenn ich nicht mehr kommen würde.

 

Im Nachhinein muss ich darüber lachen. Bin ich ein „schlechter“ Autist (oder gar keiner), weil ich nicht zu den anderen passte? Oder bin ich ein „guter“ Autist, weil ich ohne Rücksicht auf Verluste meine Meinung sage und darüber hianus offensichtlich kein Gruppenspieler bin?

 

In einer Facebook-Gruppe wurde in den Regeln festgeschrieben, dass man bei seinen Posts keinen farbigen Hintergrund verwenden darf, weil der Admin sich davon überfordert fühlte. Fand ich strange. Ich musste mir die grandiosen Vorzüge einer Einrichtung anhören, deren äußerst zweifelhafte Hintergründe ich aufgrund meiner beruflichen Tätigkeiten nur zu gut kannte. Fluchtgedanken machten sich in mir breit. Und bei Twitter wurde ich als Inklusionsgegner angeprangert, weil ich nach vielen Jahren Arbeit bei einem Träger der Behindertenhilfe anzumerken wagte, dass für manche Kinder die Förderschule ein wichtiger geschützter Raum ist. Zack – Stempel auf die Stirn. Als ich kurz vor der völligen Ratlosigkeit war, fiel mir Nicole Schuster ein. Sie hat so viel für das Verständnis des Autismus in der Öffentlichkeit getan. Unterstützung durch andere Autisten? Fehlanzeige. Sie musste sich absurde Vorwürfe anhören – als „echte“ Autistin dürfe sie nicht in der Lage sein, im Fernsehen aufzutreten. Sich zu schminken. Zu studieren. Zu lachen. Was auch immer.

 

Ich hab’s satt. Ja – ich bin Autistin. Aber ich bin auch Mutter, Schwester, Freundin, Geliebte, Katzenbesitzerin, PR-Referentin, Nachbarin, Kollegin und…und…und. Ja, ich habe eine Behinderung. Aber ich habe auch braune Augen, schwarze Haare, fünf Kilos zu viel, oft schlechte Laune und eine Pollenallergie.

 

Damit mich niemand falsch versteht: Alle diese Gruppen haben ihre Daseinsberechtigung und helfen sicherlich vielen Menschen. Auch ich bin auf Facebook in einigen wenigen Gruppen sehr gern Mitglied. Aber ich brauche dieses „Wir-Autisten-Gefühl“ nicht. Im Gegenteil – es bremst mich aus. Und es grenzt mich aus. Mein Leben ist weder einfach noch besonders glücklich. Aber es ist mein Leben. Ich bin ich. Ich habe gelernt, mit meinen Besonderheiten umzugehen. Und ich werde keinen einzigen Schritt zurückgehen.

 

 

 

Wir erkennen nur ein einziges Gemeinwesen für alle an: die Welt.

 Tertullian 
(um 160 - um 220), eigentlich Quintus Septimus Florens Tertullianus, lateinischer Kirchenlehrer

 

 

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Daniel Rehbein (Montag, 11 September 2017 22:23)

    Ich beobachte solche toxischen Gruppen vor allem bei Menschen, die eigentlich die Welt bessermachen wollen. Ich habe den Eindruck, daß die meisten Menschen nicht ohne Autoritätsperson leben können, sie brauchen zwingend eine Art von Obrigkeit, der sie dann bedingungslos folgen.

    Da gibt es Gruppen, die bemühen sich um eine gerechtere Welt, da geht es um Umweltschutz, um Bio-Produkte, um Fair-Trade mit der Dritten Welt. Diese Menschen glauben von sich, Obrigkeit abzulehnen, vom Staat oder von Konzernen wollen sie sich nichts sagen lassen. Statt dessen schaffen sie sich dann Ersatz-Obrigkeiten. Das können zum Beispiel die Autoren bestimmte Bücher sein. Was die dann sagen, wird nicht diskutiert, das ist quasi Gesetz. Und wehe, jemand möchte doch mal über die Inhalte diskutieren, äußert Kritik an einzelnen Thesen: Das wird dann sofort als Angriff auf die ganze Gruppe gesehen. Es gibt ein klares Schwarz-Weiß-Denken, als Trennung zwischen "Wir" und "Die". Wer das "Wir" der Gruppe nicht bedingungslos akzeptiert, wird zum "Die" gemacht - Zwischenstufen gibt es nicht.

    So eine Ersatz-Obrigkeit kann aber auch schlicht ein Gruppenleiter sein (ich meine diese Formulierung durchaus geschlechtsneutral, in Weltverbesserer-Gruppen habe ich da tatsächlich häufig Frauen erlebt). Das hat dann zur Folge, daß in dem Fall, daß der Gruppenleiter eine Meinungsverschiedenheit mit einer anderen Person hat, automatisch auch alle Gruppenmitglieder diese Person nicht mehr mögen. Es spielt dabei überhaupt keine Rolle, ob die Gruppenmitglieder überhaupt wissen, worum es dabei ging, oder welche Argumente ausgetauscht wurden. Sie folgen blindlings dem Gruppenleiter, es wird nicht mehr eigenständig gedacht, sondern der gottgleichen Autorität gefolgt.

    Es hat aber auch keinen Sinn, Gruppenmitglieder darauf anzusprechen, daß sie einer Art Ersatz-Obrigkeit folgen. In ihrem Selbstverständnis lehnen sie Obrigkeit vollständig ab (wobei sie darunter wahlweise den Staat, die Gesellschaft oder internationale Konzerne verstehen). Statt dessen wird der Kritiker beschuldigt, ihre Ablehnung von Obrigkeit torpedieren zu wollen. Es ist völlig egal, ob eine Gruppe sich solchen Themen wie die Harmonie zwischen allen Menschen, die gewaltfreie Kommunikation oder der freien Meinungsäußerung verschrieben hat: Wer auch nur den Hauch einer Andeutung wagt, daß irgendeine Äußerung des Gruppenleiters diskussionswürdig ist, wird direkt zur Persona-non-grata.

    Es lebt sich wesentlich angenehmer, wenn man nirgendwo dazugehört. Man kann sich entspannt zurücklehnen in dem Bewusstsein, daß man keiner Obrigkeit hinterherläuft, sondern seinen eigenen individuellen Kopf behält - und aus diesem Bewusstsein heraus kann man dann besser mit einzelnen Menschen in Kontakt treten anstatt mit ganzen Gruppen. Am glücklichsten wird man doch, wenn man sich selbst die innere Heimat ist.

  • #2

    Daniel Rehbein (Montag, 18 September 2017 23:52)

    Ich habe woanders kommentiert zu dem Film "Fifty Shades of Grey", wo wiederkehrende Grenzüberschreitungen und dauerhaftes Stalking als besonders romantisch verklärt werden:

    http://uebermedien.de/20082/

    Und nun geht mir der Zusammenhang durch den Kopf zu dem, was ich hier kommentiert habe über die Menschen, die ohne eine Art von Obrigkeit nicht leben können. Für Menschen, die nicht frei sind, sondern die sich immer wieder eine Art Ersatz-Obrigkeit suchen, muß das wohl tatsächlich total romantisch sein, wenn jemand sie stalked und bevormundet. Für diese Menschen verkörpert wohl tatsächlich Mister Grey eine Art Obrigkeit, eine Art absolutistischer Herrscher, wenn er mit seinem Privatjet hinter der Studentin hinterherfliegt, die eigentlich erst mal Abstand gewinnen will, sie im Cafe überrumpelt und sich ihren Eltern als der aktuelle Lebensgefährte ihrer Tochter vorstellt.

    Diese Menschen, die sich eine Obrigkeit suchen, die jemanden brauchen, den sie anhimmeln und dem sie bedingungslos folgen können, sind wohl recht viele. Das kann den Erfolg dieses Films erklären. Die Menschen, die wirklich frei sind, sind eine kleine Minderheit. Das ist echt traurig.

    P.S.: Mir begegnen öfters Themen woanders noch ein zweites Mal. Hatten wir ihr nicht vor einiger Zeit auch mal darüber gesprochen, ob man zu Klassentreffen hingehen soll oder ob man die Leute eher nicht wiedersehen möchte? Dazu habe ich gerade eben etwas kommentiert:
    https://yowriterblog.wordpress.com/2017/09/17/quickshot-ich-hab-dich-vermisst/