Friend to rent

 

Ich habe MinDrago mit einer Tafel Schokolade in die Schreibtischschublade gesperrt. Heute will ich mal auf seine Kommentare verzichten. Und allzu lustig wird es auch nicht. Aber mir liegen einige Gedanken am Herzen, die ich hier aussprechen möchte.

 

Der Großteil meiner Leser sind Autisten. Und sehr viele von ihnen haben Kinder, die ebenfalls autistisch sind. Eltern autistischer Kinder sind im Regelfall sehr viel Kummer gewohnt – und zwar keinesfalls mit ihren Kindern, sondern mit der Umwelt, die auf diese Kinder oft ablehnend und voller Vorbehalte und Vorurteile reagiert. Da wird den Eltern schlechte Erziehung vorgeworfen, mangelnde Fähigkeit zur Kritik und… und… und. Es geht meist schon in der Krabbelgruppe los und setzt sich dann im Kindergarten und in der Schule fort. Hat man endlich die Diagnose und denkt, jetzt würde alles besser, weil die Menschen doch verstehen müssen – Fehlanzeige.

 

Man sitzt da, freut sich über das eigene Kind, das so viele wunderbare Eigenschaften hat, und muss doch erleben, dass dieses Kind (und auch man selber) immer wieder auf Ablehnung stößt. Das ist – Verzeihung – echt scheiße! Es geht an die Substanz, man gerät leicht sozial ins Abseits, bekommt das Anderssein, das doch auch so viele positive Seiten hat, immer wieder als latenten oder auch direkten Vorwurf zu spüren.

 

So weit, so schlecht. Und dann kann es passieren, dass man endlich Menschen trifft, die Verständnis haben. Die dein Kind (und vielleicht auch dich) mit offenen Augen und Fachwissen betrachten. Das können Therapeuten sein, aber auch Lehrer oder einfach Berater. Und dann siehst du, wie dein Kind aufblüht. Wie wunderschön es ist, endlich so angenommen zu werden, wie man ist. Und weil so ziemlich nix im Leben einfach nur schön und unkompliziert ist, lauert genau da eine immense Gefahr, die man nicht unterschätzen sollte.

 

Selbstverständlich gehören Vertrauen und Sympathie zu einer guten Arbeitsbeziehung absolut dazu. Aber: Es ist und bleibt eben eine Arbeitsbeziehung. Es ist keine Freundschaft! Ein guter Therapeut/Lehrer hält innere und äußere Distanz. Macht das Kind nicht abhängig, sondern zeigt ihm Möglichkeiten auf, selbständig mit den Problemen und Herausforderungen klarzukommen. Und Ihr solltet immer bedenken: Dieser Mensch, der da so nett zu Eurem Kind ist, bekommt Geld dafür. Es ist sein Job.

 

In sozialen Berufen aber tummeln sich leider viele Leute, die diese nötige Distanz nicht wahren können oder wollen. Dafür mag es viele Gründe geben. Einige haben als Kinder selbst so viel Ablehnung erfahren, dass sie es anderen ersparen wollen. Andere brauchen die Selbstbestätigung, von Patienten/Klienten/Schülern und ihren Eltern verehrt zu werden. Wieder andere kapieren vielleicht erst gar nicht, was ihre zur Schau getragene Zuneigung bei einem Kind auslösen kann, das bisher nur Ablehnung erfahren hat. Emotionaler Missbrauch ist oft schleichend und verdeckt. Und er setzt keinesfalls einen bösen Willen voraus, sondern entspringt häufig ganz einfach falschen Motiven und mangelnder fachlicher Qualifikation.

 

Was aber passiert, wenn dein Kind den Therapeuten oder Lehrer als besten Freund betrachtet? Im besten Falle gar nichts oder nur Positives. Die Therapie hilft, das Kind kann sich irgendwann lösen und behält eine gute Erinnerung. Was aber, wenn es irgendwann bemerkt, dass dieser „Freund“ gar keiner ist? Dass man selbst nur Mittel zum Zweck ist, damit der „Freund“ sich gut fühlt? Dann kann es ungeahnte Folgen haben, die bis hin zu Traumata reichen können.

 

Seid vorsichtig! Wenn der Therapeut/Lehrer dem Kind das „Du“ anbietet, ihm Geschenke macht, ihm erklärt, er sei „immer“ für das Kind da und immer erreichbar, auch im Privatleben - das kann echt in die Hose gehen. Mangelnde Distanz kann sehr viel schlimmere Folgen haben als zu viel Distanz.

 

Leider machen viele Einrichtungen die fehlende Distanz zu einer Art festem Konzept. Wenn eine Schule damit wirbt, dass das Verhältnis zu den Lehrern besonders eng sei, man sich duze und befreundet sei – dann sollte man an die Ereignisse in der Odenwaldschule denken. Distanz schützt – Euch und Eure Kinder! Und lasst Euch keinesfalls zu Werbeträgern dieser distanzlosen Einrichtungen machen! Lasst Euch in Eurer Begeisterung, dass sich endlich jemand (scheinbar selbstlos) um Eure Kinder bemüht, nicht hinreißen, Leute zu Gutmenschen zu erklären, die sehr gutes Geld mit diesem zweifelhaften Konzept verdienen.

 

Ich weiß, wie schwer das ist, aus eigener (nicht sehr spaßiger) Erfahrung. Und ganz sicher sind das nicht lauter Bösewichte, die Eure Kinder benutzen wollen, auf keinen Fall. Vielleicht sind sie wirklich die wunderbaren Menschen, die Ihr in ihnen seht. Die Eure Kinder mögen, ihnen helfen wollen, vielleicht sogar ihre Freizeit für sie opfern. Trotzdem ist jeder Therapeut und jeder Lehrer am Ende nur ein „friend to rent“.

 

Und passt nicht nur auf Eure Kinder auf, sondern auch auf Euch selbst. Dankbarkeit macht unkritisch. Haltet bitte die Augen auf!

 

 

 

So – jetzt darf MinDrago wieder aus der Schublade.

 

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