Märchenhaft

"Was liest du denn da?"

 

"Märchen."

 

"Wie bitte? Warum das denn?"

 

"Ich liebe Märchen. Als Kind habe ich sie gelesen, mir vorlesen lassen, Schallplatten gehört. Ganz nebenbei hat sich dabei mein Wortschatz erweitert um wunderbare Begriffe wie 'Hagestolz' und 'Muhme'. Damit habe ich regelmäßig meine Grundschullehrerin verzückt."

 

"Und warum liest du sie jetzt?"

 

"Weil ich mich darin wiederfinde."

 

"Hoppla - die schöne Prinzessin oder die böse Hexe?"

 

"Weder noch. Die schöne Prinzessin war ich als Kind. Oder die mutige Gretel, die die Hexe verbrennt. Jetzt finde ich ganz andere Parallelen zu meinem Leben."

 

"Und welche?"

 

"Die Stiefschwester von Aschenputtel, die sich ein Stück vom Fuß absäbelt, um in den schönen Schuh zu passen. Alles tun, um einmal die begehrte Heldin zu sein. Die kleine Meerjungfrau, die jeden Abend verzückt das Leben der Menschen aus der Ferne betrachtet. Und doch selbst nach der Verwandlung, für die sie so große Opfer bringt, immer eine Fremde unter ihnen bleibt, die man nicht versteht."

 

"Verstehe. Autistische Märchengestalten. Wie wäre es mit der Prinzessin auf der Erbse?"

 

"Jaaa, das wäre toll - wenn die taktile Überempfindlichkeit ein einziges Mal keine Zickigkeit, sondern eine Auszeichnung wäre."

 

"Und Rapunzel?"

 

"Wenn, dann wohl eher ohne Zopf und Prinz. Nur allein. Warum lachst du?"

 

"Ich stelle mir das gerade vor. Lisbeth Salander im Turm, die dem Prinzen ein freundliches 'Verpiss dich!' zuruft. Oder ihn auffordert, sich an ihren Piercings hochzuziehen."

 

"Sehr lustig. Für dich bliebe die Rolle als Rumpelstilzchen. Du könntest dämonisch um die Schokolade tanzen."

 

"Apropos - "

 

"Linke Schublade. Und gib mir bitte auch welche. Ich brauche ein bisschen Stärkung, um die 'Schneekönigin' zu lesen."

 

"Wir könnten versuchen, aus den Schokostückchen das Wort 'Ewigkeit' zu legen."

 

"Schau an - da liest wohl noch jemand gern Andersen. Lass uns die Schokolade lieber essen."

 

"Okay."

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0