Plan B - von einseitigen Erwartungen, falschen Freunden und gruseligen Gruppen

 

„Was riecht denn hier so fies? Legt der Nachbar wieder fragwürdige Sachen auf den Grill?“

„Nein, MinDrago. Ich habe gerade versucht, meinen Schwerbehindertenausweis zu verbrennen.“

 

„What the fuck? Spinnst du? Warum das denn???“

 

„Habe keine Lust mehr, ‚behindert‘ zu sein. Immer anders zu sein als andere.“

 

„Aha. Und wenn du den Ausweis verbrennst, dann geht auch die Behinderung in Rauch auf? Wie doof ist das denn, Coco? Das ist so, als würdest du die Augen schließen und denken, dass die anderen dich dann nicht mehr sehen.“

 

„Oh – das funktioniert nicht? Mist – das war Plan B.“

 

„Sehr witzig.“

 

„Nein, so witzig ist das gar nicht. Ich habe es echt satt. Am Anfang dachte ich, dass der Ausweis zumindest beruflich nützt. Aber dann habe ich festgestellt, dass die Leute zwar schwer begeistert sind, wenn man sich als ‚hochbegabte Autistin‘ bewirbt, dann aber entweder automatisch erwarten, dass man ein genialer Computer-Nerd ist, oder enttäuscht sind, wenn sie dann, wie immer, im Gespräch ‚gar nichts davon merken‘. Als wäre ich verpflichtet, möglichst behindert zu erscheinen. Bekloppt.“

 

„Und privat?“

 

„Noch übler. Wenn du es sagst, glaubt es keiner. Und wenn du dann mal so reagierst, dass die anderen verunsichert oder genervt sind, haben sie den Autismus längst vergessen. Oder du versuchst, dich mit anderen Aspergern zu treffen. Das fand ich fast noch schwieriger. Da gibt es dann oft die „Wir-Autisten-Gruppe“, die sich fast ausschließlich über ihre Diagnose definiert. Ich bin mal aus einer SHG rausgeflogen, weil ich Kritik geübt habe. Dabei habe ich das nur auf ausdrückliche Nachfrage gemacht. Ich sollte unbedingt sagen, wie ich es fand. Habe ich dann getan. Und da hieß es dann, ich hätte wohl ‚nicht die richtige Einstellung‘, und außerdem sei ich ja ‚traumatisiert‘. Kann ich drauf verzichten. Ich denke, zwischen Autisten gibt es genauso Sympathien und Antipathien wie zwischen allen Menschen. Ich habe auch einige Asperger kennengelernt, die voll auf meiner Wellenlänge liegen. Aber dieses allgemeine ‚Wir-Gefühl‘ geht mir ab.“

 

„Hihi – ist doch klar: Du weißt ja – Asperger und Gruppen.“

 

„Ja, sehr lustig… Ein einziges Mal hatte ich das Gefühl, dass mich jemand genau so mag, wie ich bin. Mit Problemen und Marotten und Eigenheiten. Hatte das Gefühl, echt angekommen zu sein und verstanden zu werden. Und bin dann zum ‚verhängnisvollen Irrtum‘ erklärt und eiskalt ausgetauscht worden gegen eine Bilderbuch-Nicht-Autistin. Das reicht für den Rest meines Lebens. Ich denke, eine Handvoll gute Freunde und mindestens zwei Katzen sollten mir genügen. Und dafür brauche ich keine Diagnose und keine Selbsthilfegruppe. Ich habe damals die Diagnose als immense Erleichterung empfunden, weil ich endlich wusste, warum ich anders bin und dass nicht alles meine eigene Schuld ist. Leider habe ich aber übersehen, dass das Wissen, warum man anders ist, rein gar nix an der Tatsache an sich ändert. Mir hat die Diagnose im Endeffekt Unglück gebracht. Was machst du da, MinDrago?“

 

„Ich suche den Flammenwerfer.“

 

 

 

 

 

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