"You shall not pass!"

 

Warum denken so viele Menschen, dass eine hohe Intelligenz positiv, ein Geschenk sei?

 

Es mag sein, dass das so ist, wenn man gleichzeitig über eine hohe Resilienz verfügt, also eine große psychische Widerstandsfähigkeit. Wenn man aber psychisch labil ist, kann Intelligenz die perfideste Folter von allen sein.

 

Was nützt es, wenn man blitzschnell Probleme durchschauen kann, sich dann aber endlos verzettelt, weil man jede Lösungsmöglichkeit hundert Mal durchdenkt oder immer neue Wege zu finden glaubt? Wenn man in der Lage ist, sich in tausend Einzelheiten auszudenken, welche schlimmen Dinge passieren könnten? Ich habe gelesen, dass hochintelligente Kinder fast nie motorische Draufgänger sind, weil sie sich jede mögliche Verletzung bestens vorstellen können, die sie erleiden könnten, wenn sie vom Klettergerüst oder von der Mauer fallen. Klar, das meiste davon passiert nicht. Aber es könnte halt, das genügt schon.

 

Mein Gehirn verwendet seine Kapazität in erster Linie, um mich mit Gedanken und Erinnerungen zu quälen. Der gern verwendete Satz „Du musst das jetzt hinter dir lassen“ ist bei mir ungefähr so sinnvoll, als würde man einem toten Fisch vorschlagen, weniger zu stinken. Meine Gedanken führen ein fatales Eigenleben. Lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Ich denke sehr lebhaft, sowohl in Bildern als auch in Worten. Ich sehe meine Gedanken auf einer Art Spruchband. Das hat den Vorteil, dass ich nahezu perfekt in Rechtschreibung bin, denn wenn ein Wort korrekt abgespeichert ist, sehe ich es jedes Mal, wenn ich es denke. Es hat aber auch den Nachteil, dass ich vergangene Gespräche immer wieder neu aufleben lassen kann und sie dann wirklich bildlich durchleiden muss.

 

Ich kam damit klar, bis ich etwas erlebt habe, das sehr einschneidend war. Meine Therapeuten nennen es Trauma, ich nenne es einfach Schmerz. Ganz tiefen Schmerz, der in Schichten meines Bewusstseins oder wohl eher Unterbewusstseins gedrungen ist und irgendetwas geweckt hat, so eine Art Seelen-Balrog. Nur nicht ganz so dekorativ. Und weder „You shall not pass“ noch „Fly, you fools“ hat funktioniert. Er hat es sich bequem gemacht. Und er zwingt mich, immer wieder die Vergangenheit zu durchleben. Immer neu auf die Suche zu gehen nach den Fehlern, die ich gemacht habe, nach meinen Unzulänglichkeiten, meiner Schuld. Und er zwingt mich immer aufs Neue, zu versuchen, einen Sinn zu finden. Irgendetwas halbwegs Gutes zu finden, das es erlauben könnte, Frieden zu schließen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Und wenn ich glaube, es gefunden zu haben, entreißt er es mir wieder und schickt mich erneut auf die Suche.

 

„Ich glaube, ich verliere den Verstand“, habe ich vor kurzem zu jemandem gesagt, der mir nah steht. Und die Antwort lautete: „Macht nix. Danach bist du vermutlich immer noch schlauer als der Durchschnitt.“ Nein, bin ich nicht. Sondern einfach nur unglücklicher.

 

„Was schreibst du da, Coco? Was Wichtiges?“

 

„Nein, MinDrago, nichts Wichtiges.“

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Daniel Rehbein (Samstag, 06 August 2016 22:59)

    Es gibt tatsächlich psychologische Untersuchungen, die zeigen, daß Menschen unglücklicher werden, je mehr Handlungsoptionen sie haben. Und ich sehe es auch bei mir, wie es mich lähmt, über Situationen zu reflektieren.

    Ich fahre mit Bus&Bahn und sehe jemanden, der Hilfe benötigt. Vielleicht jemanden mit Rollator und Problemen beim Einsteigen, jemand mit Gepäck und Kinderwagen. Und bei mir läuft erst mal umfangreiches Kopfkino ab: Ich denke an die Planung von Haltestellenbuchten, die Beschaffenheit von Bordsteinkanten, die Problematik von Straßenbahnhaltestellen in engen Kurvenradien, mir kommt der politische Kampf um die Realisierung von Barrierefreiheit im öffentlichen Raum in den Sinn, ich erinnere mich an Begebenheiten bei anderen Verkehrsunternehmen, die als Vorbild dienen könnten für das Verkehrsunternehmen, mit dem ich gerade unterwegs bin. In der Zwischenzeit ist schon jemand anders herbeigeeilt und hat geholfen. Und dann denke ich: "Oh, Shit! Ich habe doch direkt danebengestanden. Ich hätte doch nur mal eben mit anpacken müssen".

    Vermutlich sind Menschen, die nicht so viele Gedankengänge kennen, wesentlich spontaner und hilfsbereiter. Ich habe kürzlich in einem Artikel gelesen: "Dagegen handelte es sich bei vielen jener Leute, die im Zweiten Weltkrieg Juden versteckten, um ziemlich schlichte Gemüter: Sie waren nicht besonders klug, sie fanden einfach, man dürfe nicht so mit Menschen umgehen." http://www.welt.de/157158388/

  • #2

    Captain (Sonntag, 14 August 2016 23:44)

    Hallo.
    Das klingt nicht nur, das ist wirklich sehr, sehr anstrengend und schmerzhaft, auf diese Weise "gestrickt" (Rw.) zu sein.
    Was die hohe Intelligenz betrifft oder die Fähigkeit, die alltäglichsten Situationen, längst Vergangenes oder Anstehendes zu "durch-denken" - das ist aus meiner Sicht gewiss kein Segen.

    Wie oft habe ich mir gewünscht, "einfach gestrickt" (Rw.) zu sein. Ich kann das echt nachempfinden.

    Aber: Was will man machen? Es wird ganz bestimmt einen oder mehrere Bereiche geben, in dem sich die Intelligenz kreativ austoben kann. Bestimmt. So manch ein Text hier zeugt davon.