Herablassende Helfer

 

„Worüber denkst du nach, Coco?“

„Über das Helfen.“

„Hä? Wem sollst du denn helfen? Und wobei?“

„Es geht nicht um konkrete Hilfe, MinDrago, sondern um das Helfen an sich.“

„Verstehe ich nicht.“

„Ich finde das sehr schwierig. Ich glaube, so ziemlich jeder Mensch hilft gern anderen. Aber warum? Weil der andere sich dann freut? Weil man selbst sich dann besser fühlt? Ich war für eine Woche in London. Auf dem Weg zur Tube musste ich jeden Tag über eine Fußgängerbrücke über die Themse gehen. Und dort saß ein Bettler. Ein alter Mann, mit zerzaustem rotem Bart und wenigen Zähnen. Er sah so aus, als ginge es ihm wirklich nicht gut. Und ich habe ihm jeden Tag ein oder zwei Pfund gegeben. Er lächelte mich an und sagte ‚God bless you, Darling.‘“

„Und? Klingt doch gut.“

„Ja und nein. Ich habe diese Segenswünsche geliebt und mich jeden Tag darauf gefreut, ihm zu begegnen. Und irgendwann kam ich mir scheiße vor. Für mich war das ein kleiner Posten im Reiseetat. Für ihn war das vermutlich eine Menge Geld. Ich kam mir… herablassend vor. Arrogant. Als würde ich mir gute Gefühle kaufen.

  Und manchmal habe ich dieses ungute Gefühl auch, wenn ich Menschen sehe, die helfende Berufe ausüben. Der Satz ‚Ich möchte gern mit behinderten Menschen arbeiten‘ zum Beispiel. Warum willst du das? Um zu sehen, dass es anderen schlechter geht als dir selbst? Oder weil du Menschen um dich herum haben willst, die auf dich angewiesen sind? Oder weil du es brauchst, dass man dich für deine Hilfe liebt?“

 

„Du meinst das Helfersyndrom?“

„Ja, das ist wohl die extremste Ausprägung. Und ich denke, dass das Gefahren in sich birgt. Jeder möchte gemocht werden. Und jeder mag Anerkennung im Beruf. Aber wenn man dabei Grenzen überschreitet, wird es ungesund. Dann saugt man einfach gute Gefühle aus anderen Menschen. Man benutzt sie als Gefühlstankstelle. Es ist nichts mehr auf Augenhöhe. Verstehst du, was ich meine?“

„Ja, ich denke schon. Aber kann man das verhindern? Solche Menschen wird es immer geben. Und vielleicht ist es ja auch egal, aus welcher Motivation man hilft.“

„Nein, es ist nicht egal. Man sollte den anderen nicht zum Objekt degradieren. Selbst, wenn derjenige es vielleicht nicht merkt. Es ist irgendwie… unwürdig.“

„Wie hast du das mit dem Bettler gemacht? Ihm nichts mehr gegeben?“

„Doch, natürlich. Er brauchte es ja. Ich habe ihm gedankt und „God bless YOU!‘ gesagt Aber das war natürlich nicht die Lösung. Im Grunde hätte ich ihm anonym etwas geben müssen, aber das war ja nicht möglich.“

„Ganz schön kompliziert, was?“

„Ja. Wie würde mein Freund David sagen? ‚So ist es halt, das Leben.‘“

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Atari-Frosch (Montag, 25 Juli 2016 18:59)

    Ich vermute ja schon länger, daß das Bedürfnis, anderen Menschen zu helfen, zu den natürlichen Grundbedürfnissen von Menschen gehört. Je stärker die Empathie ist, umso mehr. Warum? Weil sich unsere Vorfahren gegenseitig helfen mußten, um als Gruppe zu überleben.

    Die Gesellschaft hat sich gewandelt: Das Bedürfnis ist – durchaus zu recht! – immer noch da. Gleichzeitig hämmert man uns aber immer stärker ein, daß jeder für sich selbst sorgen soll. Eigenverantwortung und so. Einem anderen zu helfen, ohne direkt etwas davon zu haben, gilt in recht vielen Bereichen mittlerweile als dumm. „Wie, Du hilfst jemandem, ohne eine Gegenleistung zu verlangen? Hahaha! Selber schuld!“ Ich mußte mir das schon oft genug anhören.

    Das Helfersyndrom erscheint mir dann als die andere Seite der Medaille: Weil alles, was wir tun, als Leistung bewertet wird, auch wenn es da gar nichts zu bewerten gibt, übertreiben es manche und überschreiten ihre Grenzen – in beide Richtungen, nämlich sowohl sich selbst als auch Hilfesuchenden gegenüber (im Sinne von Aufdringlichkeit).

    Ich finde es nicht herablassend, jemandem zu helfen, einfach weil ich in der Lage dazu bin. Das ist das Schöne an der Arbeitsteilung: Es gibt zu viel, als daß jeder alles könnte. Wenn jeder das gibt, was er kann, ist auch wieder allen geholfen. Also, theoretisch zumindest …

  • #2

    Daniel Rehbein (Montag, 25 Juli 2016 23:34)

    Geldfragen sind immer riesige Stolpersteine. Es fängt ja schon damit an, daß Menschen mit unterschiedlichem Budget zusammentreffen. Da gehe ich z.B. mit Menschen aus meiner Nachbarschaft spazieren, und dann kehren wir ein in einer Eisdiele. Beim Bezahlen runde ich auf, so wie auch im Restaurant. Die andere kramen dagegen aus dem Portemonnaie ihre Münzen zusammen und zahlen genau abgezählt, und sie überlegen, der wievielte des Monats es gerade ist. Hätte ich nun auch auf's Aufrunden verzichten sollen? Oder hätte ich die anderen einladen sollen?

    Im Dortmunder Hauptbahnhof kommen immer wieder Menschen auf mich zu, die ein paar Münzen in der Hand halten und sagen "Ich muß heute noch nach Köln zurück, aber mir fehlen noch 50 Cent für die Fahrkarte". Manchmal sehe ich, wie sie von anderen Passanten Geld bekommen, und dann trotzdem weitermachen. Sollte ich diesen Menschen von vornherein aus dem Weg gehen? Aber es könnte doch tatsächlich mal jemand nach dem Weg fragen wollen, nach der Bedienung des Fahrkartenautomaten oder nach Hilfe beim Lesen der Abfahrtstafel. Dem will ich doch dann helfen.

    In der Fußgängerzone wird aggressiv gebettelt, nämlich von Junggesellinnenabschieden. Gruppen leicht betrunkener junger Frauen in auffallenden Neon-Farben, denen man aufgrund der Größe der Gruppe kaum entkommen kann, wenn sie mit ihren Bauchläden auf einen zukommen und eine Rolle Klopapier oder sonstigen Schnickschnack verkaufen wollen.

    Aber es sitzen da auch die Bettler, die zwar still sind, aber körperliche Behinderungen zur Schau stellen. Mit Krücken, mit dick bandagiertem Fuß, mit Rollstuhl. Das ärgert mich, daß da eine körperliche Behinderung mit dem Verlangen nach Almosen, nach Mitleid verknüpft wird. Was mag denn ein ganz gewöhnlicher Rollstuhlfahrer denken, der (so wie andere Menschen auch) in der Fußgängerzone auf jemanden warten möchte? Oder der einfach mal stillstehen und innehalten möchte? Oder der sich in Ruhe Schaufenster ansehen möchte? Ein Rollstuhlfahrer, der sich nicht bewegt, der auf der Stelle bleibt, muß ja davon ausgehen, für einen Bettler gehalten zu werden, für einen Leidenden, der Mitleid und Almosen braucht. Aufgrund der tatsächlichen Bettler in der Fußgängerzone habe ich ja auch dieses Bild vor Augen. Das will ich nicht!

    Im Grunde geht auch der Berufswunsch "Ich möchte gern mit behinderten Menschen arbeiten" in diesen Richtung. Die Vorstellung ist, daß da Menschen sind, die leiden, und die dankbar sind, wenn sich jemand ihres Schicksals erbarmt. Es gibt Richter, die verurteilen jugendliche Straftäter zu gemeinnütziger Arbeit in Behinderteneinrichtungen. Es ist also eine Strafe, sich um Behinderte zu kümmern!

    Das Helfersyndrom "Ich möchte gern mit behinderten Menschen arbeiten" geht dann auch gerne einher mit der Wunsch nach Kontrolle: "Der behinderte Mensch ist ja so arm dran, er leidet ja so sehr, also muß ich ihm nun sein Leben schön gestalten". Es wird also sein Leben geplant und kontrolliert, es werden genaue Uhrzeiten und Aktivitäten für den Tagesablauf festgelegt. Aber, oh Wunder, dem Menschen gefällt gar nicht, was da in bester Absicht mit ihm passiert. Der ist gar nicht dankbar dafür, daß man ihn so aufoperungsvoll zum unmündigen Objekt degradiert. Der gibt sogar noch Widerworte und will dagegen aufbegehren - dabei meint man es doch so gut mit ihm.

  • #3

    Christin E. (Dienstag, 26 Juli 2016 09:57)

    Daniel Rehbein greift ganz zum Schluss einen wichtigen Punkt auf: "Der ist gar nicht dankbar dafür, daß man ihn so aufoperungsvoll zum unmündigen Objekt degradiert. Der gibt sogar noch Widerworte und will dagegen aufbegehren - dabei meint man es doch so gut mit ihm."
    Diesen Effekt habe ich in letzter Zeit häufig gesehen. Zum Einen bei Flüchtlingen - Menschen spenden ihre ALTKleider (teilweise ungewaschen, teilweise untragbar), und sind enttäuscht, dass sie kein Danke bekommen. HALLO?!? Geht's noch? Wenn ich die Kleidung, die ich nicht mehr möchte, spende, dann gibt mir das ein warmes Gefühl - schließlich bin ich gleichzeitig umweltbewusst und sozial. Es fühlt sich soviel besser an, die Sachen zu spenden, statt einfach wegzuwerfen. Dieses warme Gefühl ist es mir wert, dass ich die Klamotten vor dem Weggeben wasche, und ordentlich zusammenlege.
    Zum Anderen habe ich diesen Effekt beobachtet, als meine Oma pflegebedürftig wurde. Sie war ihr Leben lang eine sehr ordentliche, reinliche Frau. Unheimlich tough, und sehr stolz. Und es haben alle von ihr erwartet, dass sie nun voller Dankbarkeit ist, oder es aber zumindest still "genießt", dass sie nun Windeln trägt, im Rollstuhl gefahren wird. Keinen Einfluss auf ihr Essen, ihren Tagesrhythmus, ihr Sozialleben hat.

    Helfen und pflegen sind wichtig, und bleiben wichtig. Ab und an sollte man sich nur fragen, warum man hilft, und was man dafür erwartet. Ich finde Cocos Lösung ganz wunderbar - sich bei dem Bettler zu bedanken, das ist eine wirklich schöne Geste!

  • #4

    Daniel Rehbein (Mittwoch, 27 Juli 2016 23:57)

    Ja, genau so etwas meine ich. Es ist keine neue Erscheinung, die erst durch das Spenden für Flüchtlinge entstanden ist. Ich erinnere mich an einen Artikel aus der Anfangszeit der Obdachlosenzeitung "Bodo" (Bochum-Dortmund) aus den 90ern, wo das bereits beschrieben wurde: Menschen kommen mit dem Kraftfahrzeug zur Obdachloseninitiative, liefern dort Kleidung und alte Möbel ab, erwarten eine Entschädigung für den verfahrenen Sprit, sind beleidigt, daß sie diese nicht bekommen, fahren dann wütend schimpfend wieder weg, und die Sachen stellen sich nachher als unbrauchbar heraus und müssen noch entsorgt werden.

    Und wie das mit dem Alter wird, das ist auch noch so ein Punkt. Wir werden ja alle mal alt werden - das hoffe ich jedenfalls. Ich möchte jedenfalls möglichst alt werden, denn ich bin neugierig. Ich will wissen, wie es mit der Welt weitergeht. Ich will wissen, ob man das Rätsel löst, wohin die Antimaterie verschwunden ist, die beim Urknall in gleicher Menge wie Materie entstanden sein muß. Ich will wissen, welche Erkenntnisse man über Dunkle Materie erlangt und ob sich daraus ein neues Standardmodell der Teilchenphysik ergibt. Ich will aber auch erfahren, wie es gesellschaftlich weitergeht, welche Transportsysteme, welche Kommunikationsnetze wir zukünftig benutzen. Und deshalb hoffe ich darauf, daß im Alter zumindest mein Geist fit bleibt, wenn ich auch körperlich gebrechlich werden sollte. Und so stellt sich aber die Frage, wie dann das Verhältnis zu Helfern aussehen will, wie mein Sozialleben sein wird, was ich womöglich alles erdulden muß, wenn ich auf Hilfe angewiesen sein werde.

    Im Moment sehe ich das alles noch in weiter Ferne - Aber die Zeit vergeht doch schnell. Es hat doch gerade erst das Jahr 2013 angefangen, oder?