Eine Nacht bei den Zwergen

Coco sitzt an ihrem Laptop. Und schreibt. Und schreibt. Und mir ist sooo langweilig.

 

"Schreibst Du für unser Blog?"

 

Unwilliges Murmeln. und ein genuscheltes "Nein."

 

"Solltest du aber. Und vielleicht solltest du auch mal erklären, warum wir so lange offline waren.

"Zwerge."

"Wie bitte?"

"Hörst du schlecht, MinDrago? ZWERGE!"

 

Jetzt spinnt sie wohl ein bisschen. Oder spielt sie vielleicht auf die Fruchtzwerge an, die ich gestern Nacht...? Ich hatte nach dem langen Lesen ein bisschen Hunger...

 

"Öh - tut mir leid. Du kannst ja neue kaufen. Ich gebe dir dafür den Rest meiner Schokolade."

 

Coco schaut endlich auf. Und ist verwirrt.

 

"Was meinst du denn?"

"Na ja, die Sache mit dem Quark..."

 

Coco runzelt die Stirn.

 

"Ich rede von realen Zwergen, nicht von überzuckertem Kinderzeugs."

 

Wow - jetzt geht's aber los!

 

"Reale Zwerge? Hast du sie noch alle? Oder meinst du diesen grusligen Gartenzwerg, den du in den Vorgarten gestellt hast und der die Nachbarskinder zum Heulen gebracht hat? Du weißt schon - dieser Zombie mit dem blutigen Beil."

 

Coco schüttelt den Kopf.

 

"Die Nachbarskinder heulen doch sowieso immer. Sie hauen sich gegenseitig ihre Schüppe auf den Kopf oder kippen ihren Saft um oder sonst was. Da macht so ein kleiner Zomie auch nix mehr aus."

 

Coco greift zum längst kalt gewordenen Kaffee und schielt zur Zigarettenschachtel.

 

"Nein, MinDrago. Ich rede von den Zwergen im Berg. Als ich klein war, habe ich mich quer durch die Kinderbücherei gelesen. Und bin irgendwann bei den Volkssagen gelandet. Da gab es die Geschichte eines Mannes, der bei einer Wanderung einem Zwerg begegnet. Der Zwerg nimmt ihn mit in den Berg, wo er mit seinen Mitzwergen lebt. Dort erlebt der Mann eine wunderbare Nacht - er bekommt zu essen und zu trinken, es gibt Musik und Tanz, und er darf sich den sagenhaften Schatz der Zwerge anschauen. Am Morgen bringt man ihn wieder hinaus, der Berg schließt sich hinter ihm."

 

"Na ja. Da habe ich schon spektakulärere Geschichten gehört, wenn ich ehrlich bin."

"Nun warte doch ab. Die Pointe kommt ja noch. Der Mann geht nach Hause in sein Dorf. Und dort begegnet er lauter Fremden. Niemand kennt ihn, und er kennt auch niemanden. Die eine Nacht bei den Zwergen hat im echten Leben hundert Jahre gedauert."

 

Aha. Das soll mir jetzt wohl irgendetwas sagen. Bestimmt wieder so ein symbolischer Germanisten-Kram. Das nächste Mal werde ich mich lieber bei einem Naturwissenschaftler einquartieren.

 

"Was genau willst du mir damit sagen, Coco?"

"Dass man manchmal Dinge erlebt, die nicht für einen bestimmt sind. Die dafür sorgen, dass man sein gewohntes Leben verlässt und auch nicht wieder dorthin zurückfindet. Dinge, die dich so verändern, dass dir nachher alles fremd ist."

 

Coco dreht sich wieder zum Monitor und schreibt weiter.

 

"Und was ist mit den Zwergen? Was machen die?"

"Die feiern weiter, MinDrago. Als wäre nichts gewesen."

"Und was ist aus dem Mann geworden?"

"Keine Ahnung. Wahrscheinlich hat er sich erhängt."

 

Uih - diese Geschichte ist ebenso kindergeeignet wie der Zombie im Vorgarten. Und die Fruchtzwerge.

Apropos - ich werde mal schauen, was noch so im Kühlschrank ist.

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Kommentare: 3
  • #1

    Irres Huhn (Mittwoch, 29 Juni 2016 10:47)

    .

  • #2

    AiL (Mittwoch, 29 Juni 2016 18:18)

    Ups.
    Das Ende hat ja mal wieder einen Schrecken.

    Aber lachen musste ich trotzdem ( ich hoffe, es war mir erlaubt ... ) - und zwar hgier: "Da macht so ein kleiner Zomie auch nix mehr aus"

    Mein Hirn so: "Da macht so ein kleiner ZONIE auch nix mehr aus."
    Mein Hirn weiter, inzwischen ein Unterausschuss zu Dechiffrierung von Rätselworten: "Zonie? Frau Merkel? Nee, zu politisch. Zonen-Gaby? Zonie. Was auch immer."

    Aber dann zum Schluss: "... wie der ZOMBIE im Vorgarten." Hach ja. Ich. Und mein Freund, das Hirn.

  • #3

    Daniel Rehbein (Samstag, 02 Juli 2016 22:56)

    Das ist eine schöne Parabel, mit der man dem seit einigen Jahren wieder extrem zunehmendem Fremdenhaß und Rassismus entgegentreten kann. Da werden Menschen einsortiert in "Wir" und "Ihr", und es wird als Ziel angesehen, daß Deutschland von Menschen bevölkert wird, die zur Gruppe "Wir" gehören. Ganz extrem ist die identitäre Bewegung, die von "Der große Austausch" faselt, davon, daß es quasi einen Geheimplan gäbe, die deutsche Bevölkerung gegen andere Menschen auszutauschen.

    Wenn man, so wie der Mann in der Geschichte, einen Zeitsprung von hundert Jahren in die Zukunft machen würde, dann wären ohnehin alle Menschen fremd - ganz unabhängig von Einwanderung. Wenn man sich erst mal klargemacht hat, daß wir die Menschen, die in hundert Jahren hier leben werden, ohnehin nicht kennen, dann muß doch auch klar sein, daß völlig egal ist, von wem diese Menschen abstammen. In hundert Jahren bilden die Menschen, die dann hier leben, das Volk, und es ist ihnen zu wünschen, daß sie glücklich und in Frieden leben.

    Wenn dann noch jemand sagt, daß ihm doch nicht egal ist, wie die Abstammung der Menschen, die hier in hundert Jahren leben, ist, dann offenbart er damit ja unmittelbar seinen Rassismus. Dann gibt es keine Ausrede mehr, warum ihm die Abstammung von Menschen wichtig ist.