Ganz normal...

 

Ich arbeite an drei bis vier Tagen in der Woche als PR-Referentin bei einer Organisation für Menschen mit Behinderungen. Ich habe dort ein Büro, das ich mir mit einer Kollegin (oder eher Freundin) teile. Wir sind perfekt aufeinander eingespielt, es funktioniert also sehr gut. Was wohl auch daran liegt, dass sie der sozial kompetenteste Mensch ist, den ich kenne. Und darüber hinaus einfach nur großartig. Sie liest oft meine Mails auf unbeabsichtigte Unhöflichkeiten gegen, während ich ihr am PC weiterhelfe, mit dem sie auf Kriegsfuß steht und den sie liebevoll „Arschloch“ nennt.

 

Vor zwei Jahren habe ich mir das Rauchen wieder angewöhnt. Das bedeutet, dass ich alle ein bis zwei Stunden meinen sicheren Büro-Hort verlassen muss.

 

Ich stehe vom Schreibtisch auf, ziehe die Jacke an und stecke die Zigaretten ein. Dann gehe ich an die Bürotür und schaue, ob jemand im Flur ist. Nein, niemand da. Also los. Nicht schnell genug, denn genau in dem Moment begegnet mir Sekretärin M. auf dem Weg zum Kopierer. Jetzt muss ich blitzschnell überlegen – habe ich sie heute schon gesehen und gegrüßt? Wenn nicht, sage ich freundlich „Hallo!“ und rausche an ihr vorbei. Schwieriger wird es, falls wir uns bereits gegrüßt haben. Was sagt man dann? „Schönes Wetter.“ Oder: „Na, wieder fleißig?“ Das alles funktioniert aber nur in der ersten Zigarettenpause. Für die nächste brauche ich dann anderes Repertoire. Oder ich lächle unbestimmt und gehe vorbei. So – bis ins Treppenhaus geschafft. Zu früh gefreut. Dort lauert L., ein Mensch mit Handicap, der hier die Botengänge erledigt. L. ist ein echter Charmeur, und wenn ich ihn sehe, möchte ich gern ganz weit weg sein. Er begrüßt mich immer mit Namen und Handkuss und erklärt mir, was für ein „hübsches Mädchen“ ich sei (nicht ganz meinem Alter angemessen). Und wenn ich Pech habe, gibt es auch mal einen Kuss auf die Wange. Ich habe aber wenigstens ein bisschen Glück, denn L. ist nach oben unterwegs, während ich hinunter gehe. Ein längeres Gespräch fällt also flach.

 

Nach zwei Etagen habe ich den rückwärtigen Ausgang erreicht. Früher war ich damit bereits am Ziel, denn hier stand ein Aschenbecher. Leider ist im Sommer aber eine Spielgruppe in die Räume der unteren Etage gezogen, die nun das Außengelände mitnutzt. Da es für die kleinen Kinder nicht sehr erbaulich wäre, ständig auf rauchende Menschen zu schauen, ist hier nun Rauchverbotszone. Dummerweise ist gerade Pause und die Kinder und die Betreuerinnen sind draußen. Jetzt wird es schwierig. Ich schaue unbestimmt in ihre Richtung und passe den Moment ab, in dem eine von ihnen grob in meine Richtung schaut. Dann grüße ich schnell und gehe weiter. Ich kann mir weder ihre Gesichter noch ihre Namen merken, obwohl ich bereits mehrere Gespräche im Büro mit ihnen hatte. Peinlich.

 

Schnell über das Außengelände, über den Parkplatz und rüber zur Werkstatt, wo nun die Aschenbecher stehen. Sieht gut aus – niemand außer mir da. Ich vermeide es, durch die Glasscheibe in den Empfang zu schauen, weil ich sonst A. grüßen muss, die dort den Pförtner spielt. Denn wenn ich sie grüße, erwartet sie, dass ich reinkomme und plaudere. Ich stelle mich in eine Ecke und zünde meine Zigarette an. Die Glastür geht auf. Herr K. kommt raus. „Mahlzeit!“ Warum sagen Leute „Mahlzeit“, nur weil es auf 12 Uhr zugeht? Ich esse mittags nie etwas. Ich murmle „Hallo“ und zücke mein Smartphone, weil ich nicht weiß, wohin ich schauen soll. Herr K. geht weiter, ohne den gefürchteten Satz „Ah, wie gut, dass ich Sie sehe!“ zu sagen. Weil ich leider für alle Abteilungen zuständig bin, hat ständig irgendwer ein Anlegen an mich. Als die Zigarette zur Hälfte geraucht ist, kommen einige der Mitarbeiter der Werkstatt zum Rauchen. Das ist höchst kompliziert. Ich kann bei den meisten nicht einschätzen, wie ausgeprägt ihre Behinderung ist. Das heißt, ich weiß nicht, wie und über was ich mit ihnen reden kann.  Ich beschließe, die halbe Zigarette zu opfern und zu verschwinden. Ich mag niemanden kränken, habe aber einfach keine Energie, mich schwierigen Diskussionen zu stellen. Ich drücke also die Zigarette aus und verschwinde zurück in Richtung Verwaltung. Dabei muss ich gefühlte 20mal irgendwen grüßen, der mir vage bekannt vorkommt. Dann kommt auch noch Kollegin H., die – wie immer – sagt: „Na – wieder geraucht?“ Sehr scharfsinnig. Ich habe alle Varianten nichtssagend-fröhlicher Antworten in den letzten Monaten durchgespielt. Heute entscheide ich mich für „Tja, die Sucht!“ und gehe schnell weiter. Ich ziehe die Schultern hoch und wünschte, ich wäre im sicheren Büro geblieben.

 

Ich entschließe mich, den Aufzug zu nehmen, um nicht noch einen Kuss von L. zu riskieren, der immer noch auf den Etagen unterwegs ist. Das war aber ein böser Fehler, denn in der ersten Etage steigt S. ein. Er wohnt im gleichen Stadtteil wie ich und fragt mich IMMER nach der Umleitung auf der Hauptstraße. Ich möchte mich jetzt endgültig in Luft auflösen. Im Flur steht M. immer noch am Kopierer. Mir fällt nichts mehr ein, ich gehe einfach vorbei. Leider wartet vor meinem Büro eine etwas entnervte Frau auf mich. Da sie mich mit Namen begrüßt, muss ich sie wohl kennen. Ich erinnere mich undeutlich an eine Besprechung beim Leitungstreffen und vermute, dass sie in der Gärtnerei arbeitet. Ihr Name würde mir aber auch in hundert Jahren nicht einfallen und ihr stark geschminktes Gesicht sagt mir gar nichts. Das kann übel sein, falls sie mich später bitten wird, sie anzurufen. Sie will mit mir über die Foto-Genehmigung der Werkstatt-Mitarbeiter reden und über die externe Festplatte, die immer noch nicht wieder erreichbar ist, weil Herr E., unser Fachmann, Murks gemacht hat. Ich versuche, so kompetent wie möglich zu wirken. Schließlich dackelt sie ab, nachdem ich ihr versichert habe, dass ich mit dem Netzwerk nix zu tun habe, sondern nur die Webseiten verwalte.

 

Geschafft! Ich falle völlig entnervt auf meinen Bürostuhl. Jetzt wäre eine Zigarette eigentlich schön…

 

Die ganze Aktion hat ungefähr 15 Minuten gedauert. Für mich ist das anstrengender als zwei Stunden am PC. Und das war nur eine PAUSE. Manchmal habe ich Besprechungen, Arbeitsgruppen und Konferenzen.

 

Wenn ich das nächste Mal das altbekannte „Was? Du sollst eine Autistin sein?“ zu hören bekomme, werde ich mir meinen SBA an die Stirn kleben und einen ganzen Tag lang nur noch auf meinem Stuhl wippen. Und währenddessen natürlich das Telefonbuch auswendig lernen und die Zahl Pi aufsagen.

 

"Well I feel like they're talking in a language I don't speak,
and they're talking it to me..."
Coldplay, Talk

 

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Kommentare: 1
  • #1

    AiL (Samstag, 18 Juni 2016 21:35)

    Hach, wie Du den alltäglichen Wa- was-acuh-immer so beschreiben kannst, dass ich dennoch schmunzeln muss.