Schöne Scheiße!

 

„Oh – alte Fotos! Zeig mal, bist du da drauf?“

 

„Ja. Es sind Fotos aus dem Nachlass meiner Mutter. Wir haben, als ich klein war, immer Urlaub auf dem Bauernhof gemacht. Hier, schau.“

 

„Dieses dürre Wesen bist du? Die Katze, die du auf dem Arm hast, ist fast größer als du.“

 

„Ja. Damals ist meine Liebe zu Katzen erwacht. Die armen Tiere hatten keine Ruhe vor mir. Ich habe aber auch Kühe gestreichelt und Schweine geküsst. Meine Mutter war immer kurz vorm Herzinfarkt. Für mich war es ein Traum – den ganzen Tag durch die Ställe laufen, überall Tiere. Herrlich.“

 

„Hat der Geruch dich nicht gestört?“

 

„Kein bisschen – ich habe den Stallgeruch geliebt! Vor einigen Jahren war ich im Urlaub in einer Käserei. Nachdem ich dort alle Sorten durchprobiert und ein kleines Vermögen ausgegeben hatte, durfte ich in die Kuh- und Ziegenställe. Es war so schön, genau wie in meiner Kindheit. Aber als ich dann wieder draußen war, habe ich gemerkt, dass ich Stallgeruch inzwischen nicht mehr ganz so gern in den Haaren und Kleidern hängen habe.“

 

„Dein Outfit auf dem Foto ist etwas…gewöhnungsbedürftig, wenn ich das sagen darf.“

 

„Es war perfekt! Das T-Shirt habe ich geliebt, mein Vater hatte es mir geschenkt. Tom und Jerry als Musketiere. Ich habe den Nachbarsjungen zutiefst verachtet, weil er ‚Muskeltiere‘ gesagt hat. T-Shirts waren ein Traum – einfach anziehen und fertig. Immer bequem. Diese Shorts hatte ich in mehreren Varianten. Sie waren aus Frottee, keine Knöpfe und kein Reißverschluss. Und Gummistiefel habe ich nicht nur auf dem Bauernhof getragen, sondern auch zuhause beim Spielen draußen. Man schlüpft rein und sie passen. Kein lästiges Schnüren, herrlich.“

 

„Auf dem Foto da siehst du aber nicht sehr glücklich aus. Und du bist total dreckig.“

 

„Das war auch nicht sehr schön, ich denke nicht gern daran.“

 

„Erzähl.“

 

„Ich habe früher Steine gesammelt. Ich fand sie wunderschön. In allen Farben. Sie mussten glatt sein und glänzen. Und möglichst wenige Ecken haben.“

 

„Und?“

 

„An diesem Tag hatte ich den perfekten Stein gefunden – ich war überglücklich! Er lag vor mir in der Sonne. Perfekt rund, glänzend, in einem atemberaubend schönen Karamellton. Ich griff nach ihm – und er war weg.“

 

„Hä? Ein Traum?“

 

„Nein. Ein Häufchen Hühnerscheiße. – Hör sofort auf zu lachen!“

 

„Sorry, aber das ist echt witzig!“

 

„Für mich nicht. Ich war schockiert, habe meine Hand an meiner Kleidung abgewischt. Und als meine Mutter mich fragte, was los sei, habe ich geschwiegen. Ich konnte nicht darüber sprechen. Die Enttäuschung war so schlimm. Und die Demütigung war fast noch schlimmer. Hühnerscheiße an meinen Klamotten. Warum meine Mutter davon nun auch noch unbedingt ein Foto machen musste, ist mir schleierhaft. Vielleicht fand sie es lustig.“

 

„Kannst du nach all den Jahren immer noch nicht darüber lachen?“

 

„Nein, kann ich nicht. Wenn du dich am Ziel deiner Träume siehst und dieses sich dann als Scheiße entpuppt, ist das nicht lustig. Ich habe danach nie mehr Steine gesammelt.“

 

„Und dich stattdessen auf Katzen verlegt, so wie es aussieht.“

 

„Vielleicht aus gutem Grund. Katzen sind nämlich wirklich perfekt. Bei ihnen habe ich noch nie böse Überraschungen erlebt.“

 

„Yoshi hat gerade auf dein Manuskript gekotzt.“

 

„Ist mir wurscht.“

 

„War auch nur ein Test. In Wirklichkeit hat er auf den Teppich gepinkelt.“

 

„Dann habe ich jetzt wenigstens etwas Sinnvolles zu tun. Fotos angucken mag ich eh nicht mehr. Ich verstehe nicht, warum manche Menschen das so gern tun. Mich macht es immer traurig.“

 

„Falls du mal deine Autobiografie schreiben wirst, kannst du sie ja ‚Der perfekte Stein‘ nennen. Wie ich dich kenne, hast du noch hunderte andere ebenso erbauliche Erinnerungen.“

 

„Im Moment erinnere ich mich nur daran, dass wir noch Eis haben. Wie wär’s?“

 

„Gebongt. Solange es kein Karamell ist.“

 

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