Nicht lustig - Missbrauch in der Therapie

 

„Was schreibst du da, Coco?“

 

 

„Einen Info-Text.“

 

 

„Autismus?“

 

 

„Nein. Etwas anderes.“

 

 

„Worum geht es?“

 

 

„Missbrauch.“

 

 

„Lass mich raten – Drogenmissbrauch? Nikotin und Tabletten?“

 

 

„Ich überhöre diese blöde Anspielung jetzt mal. Nein. Es geht um Missbrauch in therapeutischen Beziehungen.“

 

 

„Oh. Gibt es das oft?“

 

 

„Viel häufiger als man denkt. Die Dunkelziffer ist enorm. Nur sehr wenige Fälle werden angezeigt. Und in noch weniger Fällen kommt es zu einer Verurteilung. Die Gesetzeslage ist unklar.“

 

 

„Hä? Entweder, etwas ist verboten, oder nicht. Wo ist da die Unklarheit?“

 

 

„Sei doch nicht so dermaßen naiv, MinDrago. Vergewaltigung ist auch verboten – und schau dir mal die Kapriolen an, die das Gesetz da so dreht. Es ist für Frauen oft ein Ding der Unmöglichkeit, die Schuld des Täters zu beweisen. Und beim Missbrauch durch Therapeuten ist die Gesetzeslage noch viel unklarer. Für Psychotherapeuten gilt das sogenannte Abstinenzgebot. Sie dürfen keine sexuellen Beziehungen zu ihren Patienten und zu deren direkten Angehörigen haben.“

 

 

„Klingt doch ganz eindeutig.“

 

 

„Ja, schon. Aber nicht jeder Therapeut oder Berater ist auch Psychotherapeut. Denk an Seelsorger, Lehrer, Ärzte, Erziehungsberater, Psychologen und…und…und.“

 

„Und die dürfen das dann also?“

 

 

„Nein, eigentlich nicht. Aber der entsprechende Paragraph ist so verschwurbelt formuliert, dass es hundert Hintertürchen gibt.“

 

 

„Vielleicht ist es nicht nötig? Ist denn eine Beziehung zwischen Therapeut und Patient nicht okay? Eine ganz normale Sache zwischen zwei Erwachsenen, die sich halt nur unter besonderen Umständen kennenlernen?“

 

 

„Nein, das ist es nicht. In therapeutischen Situationen gibt es die sogenannte Übertragung. Wenn man das ganz simpel ausdrücken will: Der Patient sieht im Therapeuten eine Art ‚guten Vater‘, eine helfende Figur, zu der er aufsieht. Das ist quasi das Gegenteil einer Beziehung ‚auf Augenhöhe‘. Es besteht ein immenses Machtgefälle zwischen dem Ratsuchenden und dem Ratgebenden. Eine Therapie oder Beratung ist ja im Grunde nur unter solchen Bedingungen möglich. Wer würde Rat annehmen von jemandem, dem er nicht eine gewisse Kompetenz zuschreibt? Und bei psychischen Problemen kann diese Übertragung sehr stark werden. Man kann versucht sein, im Berater eine Art Götterfigur zu sehen und diese tiefe Bewunderung mit Liebe zu verwechseln. Und wenn dieser ‚Gott‘ dann kein guter ist, der diese Übertragung auffangen kann, sondern ein ausnutzender ‚Gott‘, kann das schlimme Folgen haben.“

 

 

„Aber das merkt man doch, wenn man ausgenutzt wird, oder?“

 

 

„Nein, nicht wenn man dem Therapeuten uneingeschränktes Vertrauen und vielleicht eben sogar Übertragungsliebe entgegenbringt. Ganz im Gegenteil, man fühlt sich vielleicht sogar fantastisch, weil man die oder Auserwählte ist, den der Gott zu seinem Gefährten wählt. Fast immer ist es Kombination männlicher Therapeut, weibliche Patientin. Es gibt bei missbrauchenden Therapeuten den sogenannten „Rachetyp“, der sehr direkt und mitunter sogar gewaltsam vorgeht. Viel schwerer zu erkennen aber ist der „Wunscherfüllertyp“. Er zieht die Patientin mehr und mehr in eine Art Traumwelt. Die Patientin wird als „etwas ganz Besonderes“ bezeichnet, als „Lieblingspatientin“. Der Therapeut geht mehr und mehr auf die private Ebene, erzählt von seinen eigenen Problemen, macht die Patienten selbst zu seinem Therapeuten. Er gibt ihr das Gefühl besonderer Wichtigkeit und isoliert sie gleichzeitig von ihren realen Kontakten. Er erklärt, dass sie ihre miese Ehe „nicht verdient“ habe, mehr „an sich selbst denken“ müsse und mit dem richtigen Partner doch viel glücklicher sein könne. Gerade Menschen, die Probleme haben, reagieren oft extrem auf eine solche Aufwertung – es fühlt sich an wie ein Traum: Der ‚beste Mensch der Welt‘ erwählt ausgerechnet sie! Der Schritt zur sexuellen Beziehung ist dann nur noch ein sehr kleiner.“

 

 

„Und dann? Happyend?“

 

 

„Nein. Wenn es wirklich Liebe wäre, müsste der Therapeut sofort die Therapie beenden und in Supervision gehen. Und dann gibt es eine Art Sperrfrist, bis zu zwei Jahre, in denen er und die Patientin keinen Kontakt haben dürfen. Erst, wenn danach noch Gefühle da sind, ist eine Beziehung erlaubt.

In missbräuchlichen Beziehungen verspricht der Therapeut  ein Happyend. Aber die Realität ist grausam. Zuerst verpflichtet er die Patientin zur Geheimhaltung, aus diversen Gründen – seine Ehe, die Therapie, die Kollegen…Das isoliert die Patientin zusätzlich. Sie kann mit niemandem darüber reden und wird so noch stärker auf den Therapeuten fixiert. Es gibt viele Gründe, aus denen Therapeuten so handeln. Selbstwertsteigerung in Lebenskrisen, eigene Traumatisierung und vieles mehr. Keiner dieser Gründe aber rechtfertigt ein solches Verhalten. Selbst wenn die Gründe nachvollziehbar erscheinen, verrät dieser Mensch damit seinen Beruf. Und es geht niemals gut. Die Psychologin Monika Becker-Fischer, die sich seit Jahren intensiv mit dem Thema befasst, drückt es absolut treffend aus:

 

 

Spätestens das Ende, egal, durch wen es herbeigeführt wurde, ist qual- und grauenvoll. Letztlich kulminiert die inhärente Zerstörungskraft in den schwerwiegenden Schädigungen der Patientinnen. Sie dringt in die familiären oder partnerschaftlichen Bindungen der Frauen ein.

 

 

Die psychischen Schädigungen des sogenannten professionalen Missbrauchstraumas können entsetzlich sein. Sie werden verglichen mit den Folgen von Inzest – der extreme Vertrauensbruch durch eine enge Bezugsperson ist der Kern dieses Traumas.“

 

 

„Was sind denn die Folgen?“

 

 

„Die sind vielfältig. Das Selbst- und Weltbild wird zutiefst erschüttert. Es ist leider der Normalfall, dass die Therapeuten, sobald ihnen klar ist, dass die Sache Folgen für sie haben kann, die Frauen fallenlassen und nicht bereit sind, auch nur ein klärendes Gespräch zu führen. Aus ‚Du bist die wundervollste Frau der Welt‘ wird dann ‚Das ist jetzt dein Problem – bitte lass mich in Ruhe! Und erzähl niemandem davon.‘ Das ist für die betroffenen Frauen kaum zu ertragen:

 

 

Der gute, verständnisvolle, geliebte Therapeut entpuppt sich plötzlich als sein Gegenteil, als egoistisch, eiskalt, unempathisch, brutal. Die Patientinnen sehen sich mit seiner abgespaltenen Schattenseite konfrontiert.

 

 

Die Patientin kann es nicht fassen, leugnet den offensichtlichen Verrat und Missbrauch und gibt sich selbst die Schuld. Sie kann nicht ertragen, dass es keine Liebe war, hält an der Vorstellung fest, um nicht ertragen zu müssen, dass man sie wie eine Prostituierte benutzt hat. Dieser emotionale Spagat kostet enorme Kraft. Hinzu kommt ein Gefühl der Verwirrung und Orientierungslosigkeit – sie hat das Gefühl., ihren eigenen Gefühlen nicht mehr trauen zu können.“

 

 

„Und der Therapeut?“

 

 

„Zeigt im günstigsten Fall Desinteresse, im ungünstigsten stellt er die Frau als Täterin hin, die ihn verführt habe. Und die meisten Frauen übernehmen dann auch artig diesen Part. Sie klagen sich selbst an, den Therapeuten durch ihre Verliebtheit in Schwierigkeiten gebracht zu haben. Sie verlieren jedes Selbstwertgefühl:

 

 

Indem die Opfer die Schuldgefühle und das Verantwortungsbewusstsein übernehmen, das die Therapeuten im Regelfall vermissen lassen, versuchen sie auf Kosten ihrer Gesundheit das erschütterte Grundvertrauen in  eine sichere und kontrollierbare Welt wiederherzustellen und werden dabei immer kränker.

 

 

Sie richten ihre Wut nicht gegen den Therapeuten, sondern gegen sich selbst. Depressionen, Selbstverletzungen, Drogenmissbrauch, Suizidgedanken  sind normal. Es klingt unglaublich, aber Langzeitstudien haben gezeigt, dass die Belastung der Opfer professionalen Missbrauchs noch nach Jahren dieselben Werte zeigt wie die von Folteropfern. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Frauen ja schon zu Beginn der Therapie psychische Probleme hatten, sonst hätten sie die Therapie ja nicht gebraucht. Nicht wenige von ihnen haben sogar schon zu einem früheren Zeitpunkt Missbrauch erlebt.“

 

 

„Und das alles ist nicht verboten???“

 

 

„Na ja, theoretisch halt schon. Aber die meisten Frauen erstatten keine Anzeige, oft, weil sie den Therapeuten wirklich lieben und ihm nicht schaden wollen. Manchmal erstatten die Partner Anzeige. Was folgt, ist entweder eine Einstellung des Verfahrens gegen lächerliche Geldstrafen oder monatelange Verfahren, an denen die ohnehin labilen Frauen fast kaputt gehen. Sie müssen zu Gutachtern, müssen Beweise bringen, immer wieder aussagen. Sie erleben heftige Formen des Victim Blaming, werden als rachsüchtige verlassene Frauen hingestellt, die dem untreuen Liebhaber eins auswischen wollen. Viele der Täter-Therapeuten haben fachlich einen guten Ruf, niemand traut ihnen so etwas zu. Wer glaubt da einer Frau, die vielleicht schon etliche Therapien oder Klinikaufenthalte wegen Depressionen oder ähnlichem hatten? Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Und immer wieder heißt es, die Frau habe ja freiwillig mitgemacht, wo denn da der Missbrauch sei? Und wenn es wirklich mal zu einem Urteil kommt, ist es fast immer ein Freispruch. Der Bundesgerichtshof hat 2011 ein in Fachkreisen mehr als umstrittenes Urteil gesprochen, das besagt, dass es sich, trotz Beratungs- oder Behandlungsverhältnisses, nicht um einen Missbrauch handle, wenn es eine „echte“ Liebesbeziehung war. Der Therapeut braucht also vor Gericht einfach nur zu behaupten, dass er die Frau wirklich geliebt habe – und zack, hat er den Freispruch. Warum er die Frau dann so eiskalt hat fallenlassen, fragt der Richter meist nicht. Und wenn doch, sagt der Therapeut halt, die Liebe sei eben erloschen oder er habe sich geirrt oder habe seine Ehe retten wollen. Such is life“

 

 

„Das ist irgendwie…ekelhaft.“

 

 

„Mehr als das. Es ist grausam. Ich habe mehrfach beruflich mit Frau Dr. Becker-Fischer gesprochen. Und sie hat mir von Fällen berichtet, die mich sprachlos gemacht haben. Da werden Teilnehmer eines Trauerbewältigungskurses missbraucht, und der Richter sagt dann: ‚Was wollen Sie denn? Ist doch total nett, dass der Therapeut sich auch privat noch gekümmert hat.‘ Oder die Behandlung oder Beratung wird als ‚Freundschaftsdienst‘ innerhalb einer Beziehung gewertet – ungeachtet dessen, dass diese Freundschaft und spätere sexuelle Beziehung erst in diesem Beratungsverhältnis entstanden ist. Übrigens sind auch oft Asperger-Autisten getroffen. Da heißt es dann gern: ‚Na ja, die sind halt behindert. Die reagieren über, wenn sie endlich mal Zuneigung bekommen. Zum Kotzen.“

 

 

„Kümmert sich denn da niemand?“

 

 

„Doch. Glücklicherweise. Es gibt viele Menschen, Fachleute, die das Problem schon lange kennen. 1991 hat sich das ‚Verbändetreffen gegen Grenzverletzungen und sexuellen Missbrauch in Psychotherapie und psychosozialer Beratung‘ gegründet. Ihm gehören alle wichtigen Verbände aus Psychotherapie und Beratung bundesweit an. Sie haben das Verbändetreffen damals gegründet, um die Verankerung im Gesetz durchzusetzen. Anlässlich eines aktuellen ziemlich schlimmen Falles, der mit Freispruch endete, haben sie nun beschlossen, an einer weiteren Verbesserung der entsprechenden Paragraphen zu arbeiten und setzen nun auch vor allem auf Weiterbildung für Juristen, damit die endlich kapieren, was da passiert.“

 

 

„Wenigstens ein kleiner Hoffnungsschimmer. Du, Coco? Wie kriegen wir denn da die Kurve zu einem Schlussgag?“

 

 

„Gar nicht. Manches ist einfach nicht zum Lachen, MinDrago.“

 

 

„Komm, wir machen uns einen Kakao.“

 

 

 

 

[Die kursiv gedruckten Zitate sind aus dem Buch „Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie“ von Monika Becker-Fischer und Gottfried Fischer. Asanger Verlag, Kröning: 2008]

 

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Talyn (Donnerstag, 07 Januar 2016 20:39)

    Guter Text und wichtiges Thema.
    Du sprichst die Brisanz für asperger autistinnen an.
    Dazu möchte ich einen Effekt anmerken, der mir besonders aufgefallen ist.
    So wie ich gestrickt bin und bedingt durch meine generelle Neigung, alles psychologische/psychiatrische rein aus Interesse zu lernen, schafft sich automatisch eine andere Basis. Ich wurde oft eher als "Fachkollege" behandelt bis hin zu jobangebot in einem Fall. Ein Umstand der durchaus hilfreich war - denn grade privat hat man selten Gelegenheit ausführlich zu fachsimpeln... Selbst ohne Faible für Psychologie wird denke ich vielen autisten grade der sachliche Aspekt gefallen. Das ohne schelte "schlau schwätzen "zu dürfen...Und dabei verstanden zu werden (inhaltlich), nicht direkt Ablehnung zu erfahren für komplexe reden...

    Hatte mich immer gefragt und gewundert, wie schnell wirklich dann persönlich geredet wird, Beispiele aus dem Leben des Arztes angeführt werden... Eher ein Gespräch zur Klärung als Therapie Sitzung...

    Bei mir wurde es nie ausgenutzt. Aber alleine die Idee. Das wäre der Untergang. Vor vier Jahren hätte ich vermutlich vor Gericht mit erörtert freiwillig, welcher deffekt meiner maroden Seele dazu beigetragen hat, jetzt auch noch Fachleute in Schwierigkeiten zu bringen. Dann wäre es schwer geworden - so wie ich mich kenne, wäre ich freiwillig stationär gegangen um das zu beheben, nicht ohne absolut vorsichtig zu sein, nicht wieder wen in meinen "Wahn" zu involvieren...

    Im übrigen reden pädophile auch von freiwilligen liebesakten. Die ebenso vor Gericht enden (zu selten) wo echte liebe nix zu suchen hat. Spätestens dann sollte klar sein, dass etwas falsch gelaufen ist und im Kern nicht richtig.

    Warum werden so oft Opfer zu Mittätern gemacht?

    Wenn es liebe wäre wäre der einzige respektable weg die Therapie sofort zu beenden und sicherzustellen, dass ein Kollege übernimmt...

    Ich kann mir nur vorstellen, dass niemand glauben will, dass Seelsorger egal welcher berufbezeichnung auch nur Menschen sind... Und damit anfällig für mit unter gefährlichen Störungen.
    Was du oben beschrieben hast deutet durchaus auf kranke Tendenzen. (ich spar mir Ferndiagnosen)
    Dann wäre es die Furcht selber mal an einen irren zu geraten, wenn man Hilfe braucht...

    So oder so, aus Sicht einer noch nicht ganz sanierten Seele, beängstigend. Sowohl dass sowas vorkommt aber auch wie es "zur Kenntnis genommen " wird... Macht hilflos.
    Passiert ja auch oft genug im normalen Leben, dass eigene Schwächen als ausrede für andere herhalten.

  • #2

    Canulienka (Freitag, 08 Januar 2016 23:40)

    Gibt es den Berichte über den aktuellen Fall? Und wird einem da nicht die Therapieberechtigung entzogen?

  • #3

    MinDrago (Samstag, 09 Januar 2016 01:41)

    Ja, es gibt Berichte, aber die möchte ich hier aus mehreren Gründen nicht verlinken.
    Und nein --in den allerwenigsten Fällen gibt es ein Berufsverbot.