Handgreiflichkeiten

„Was zur Hölle machst du da???“

Coco gestikuliert wild vor sich hin und hat dabei fast ihre Kaffeetasse über die Tastatur ihres Laptops geschüttet. Keine Ahnung, was das nun wieder soll.

„Ich übe, MinDrago.“

„Aha. Warum? Das Umkippen von Getränken beherrscht du doch bereits auf Profi-Niveau.“

„Spaßig. Ich lache dann später. Schau mal hier – das ist eine Anmeldung an einer Schule für Gebärdensprache. Im Januar geht’s los.“

„Hä? Du lernst Gebärdensprache? Warum?“

„Mmh, gute Frage. Das hat mehrere Gründe. Der erste ist, dass ich dringend eine neue Herausforderung brauche, weil ich sonst in meinen Jobs vor Langeweile kaputt gehe. Der zweite ist, dass ich selbst genau weiß, wie man sich fühlt, wenn die Kommunikation mit anderen Menschen schwierig ist. Nämlich sehr einsam. Ich mag den Gedanken, für andere eine Art ‚Brücke‘ sein zu können.“

„Und wie bist du auf diese Idee gekommen?“

„Darauf hat mich eine Mitmenschin gebracht. Sie war fasziniert davon, dass ich zwar an manchen Tagen derart holzkopfig bin, dass ich nicht einmal ein Wortspiel kapiere. Dass ich aber gleichzeitig in der Lage bin, an den kleinsten Gefühlsregungen meiner Kater wie Ohrenzucken oder Pfotenstellung abzulesen, in welcher Stimmung das Tier ist und ob es gekrault werden möchte, spielen will oder Hunger hat. Und da habe ich erst gemerkt, dass ich tatsächlich in der Lage bin, solche Signale zu erkennen. Das hat mich auf das Thema Körpersprache gebracht, und von da war es bis zur Gebärdensprache nicht mehr weit. Da fiel mir auch wieder ein, dass ich als Kind jeden Sonntag „Sehen statt Hören“ im Fernsehen geschaut habe, weil mich die Gebärdensprache so fasziniert. Ich habe ein bisschen recherchiert und mich dann für eine solche Ausbildung entschieden. Zumal ich häufig auf Inklusionsveranstaltungen bin und weiß, dass Gebärdendolmetscher händeringend gesucht werden.“

„Interessant. Und eine echte Herausforderung. Deine Gestik ist ja im Normalfall eher…spärlich. He – was bedeutet das denn jetzt? Ein Hexenspruch?“

„Nein, liebe Bestie. Das bedeutet ganz einfach ‚Ich hasse dich‘. Stell dir mal vor…wenn ich das richtig beherrsche, könnte ich den ganzen Tag meine Umwelt wüst beschimpfen, und kaum einer merkt es. Verlockend.“

„Ja. Toll. Wie ich dich kenne, hättest du dann wohl jeden Abend bösen Muskelkater. Was bedeutet diese Geste nun wieder? ‚Halt’s Maul‘?“

„Nein – die steht für ‚Huhn‘.“

„Wie kommst du denn jetzt ausgerechnet darauf?“

„Im Gästebuch unseres Blogs ist eine Nachricht vom ‚irren Huhn‘, über die ich mich total gefreut habe. Dem möchte ich damit Ausdruck verleihen.“

„Sieht schrullig aus. Das kann ja heiter werden.“

„Vielleicht wird es dir ja auch Spaß machen. Guck mal – das ist die Geste für Schokolade.“

„Echt? Cool.“

„Nein, habe ich mir bloß ausgedacht. Hier, nimm ein Stück echte Schokolade, setz dich artig hin und gib Ruhe. Du könntest ja auch etwas Sinnvolles lernen. Vielleicht Braille-Schrift. Dann könntest du im Dunkeln lesen und würdest mich nicht immer mit deiner Leselampe wecken. Obwohl – vielleicht doch keine gute Idee. Mit deinen Schokoladengriffeln würdest du alle Bücher versauen. Musst du eigentlich immer so viel Schokolade essen?“

„Welffe Fokolade? Die iff fon alle. Waf maffst du da?“

„Die passende Gebärde suchen, um dir mitzuteilen, dass du total verfressen bist.“

„Viel Fpaf.“

 


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