Di

27

Okt

2015

Zartbitter

„Ich weiß nicht, ob du es schon gemerkt hast, Coco – dein Aquarell-Kasten hat noch andere Farbtöne außer grau. Was ist denn das für eine graue Masse? Das Innere deiner Lunge?“

„Nein. Ich weiß selbst nicht genau, was das ist. Es ist irgendwie…mein Leben.“

„Ach du Scheiße! Immer noch depressiv?“

„Darum geht es dabei gar nicht. Weißt du, ich bin ziemlich viel unter Menschen, wenn auch meist unfreiwillig. Und sie kommen mir vor wie eine unbekannte Masse. Oder eher wie etwas…anderes. Sie sind alle anders als ich.“

„Das erinnert mich an den Witz von dem Autofahrer, der im Radio die Warnung erhält, dass ihm ein Falschfahrer entgegenkommt, und er sagt: ‚Einer? Hunderte!‘ Du bist anders als die anderen.“

„Das ist doch Haarspalterei. Fakt ist, dass ich mich allein fühle. Das Bild vom falschen Planeten ist ja inzwischen reichlich abgegriffen, aber es hat doch etwas für sich. Ich laufe im Raumanzug über einen fremden Planeten. Die Bewohner dieses Planeten machen sich Gedanken über Dinge, die mich nicht interessieren. Oder nicht…berühren. Sie sprechen eine andere Sprache, die ich nur bruchstückhaft beherrsche. Ich rede mit ihnen, ich lache mit ihnen…aber ich bin allein. Nur ganz selten taucht eine andere Gestalt im Raumanzug auf.“

„Na ja, im Laufe der Zeit hast du ja einige gleichgesinnte Außerirdische gefunden. Denen du Zugang zu deinem Raumschiff gewährt hast.“

„Ja, glücklicherweise. Aber ich verstehe immer noch nicht, was mich so anders macht. Früher dachte ich, ich sei doof. Das sei der Unterschied. Dann habe ich erfahren, dass ich viel intelligenter als die meisten anderen bin. Half auch nicht. Dann bekam ich die Asperger-Diagnose. Aber ich kann doch ein einigermaßen normales Leben führen, weshalb werde ich nicht wirklich heimisch? Und man kann nicht sagen, dass ich es nicht versucht hätte. Ich habe jahrelang Leben gespielt. Habe geheiratet, Blümchen in meinen Reihenhaus-Vorgarten gepflanzt, bin zu Betriebsfeiern und Eltern-Stammtischen gegangen. Es war anstrengend. Und es hat nie richtig funktioniert. Und jetzt? Alles gescheitert. Aus den Blümchen ist seltsames Kraut geworden, das den Gehweg überwuchert und mir böse Blicke von den Nachbarn einträgt.“

„Was nicht besser wird durch den Plastikgrabstein und den Zombie-Gartenzwerg, mit denen du das Kraut dekoriert hast.“

„Ich habe einfach keine Energie mehr, so zu tun, als könnte ich das alles. Ich kann es nur mit äußerster Anstrengung. Und noch wichtiger – ich WILL es nicht. Der ganze Mist interessiert mich einfach nicht. Aber man kann sich nicht völlig ausklinken.“

„Du musst weiter wandern und die wenigen Außerirdischen aufsammeln, die du findest. Du weißt, es gibt sie. Und außerdem hast du etwas Wichtiges außer Acht gelassen – die vielen Außerirdischen, die nicht auf zwei, sondern auf vier Beinen laufen. Einer davon sitzt gerade auf deinem Schoß.“

„Ja, MinDrago, du hast recht. Aber einsam fühle ich mich doch. Und es ist wirklich wie beim Falschfahrer – es ist schwierig, sich für ‚richtig‘ zu halten, wenn doch fast alle anderen anders sind.“

„Kategorien wie ‚richtig‘ und ‚falsch‘ sind Bullshit! Du bist doch kein Text, der lektoriert werden muss. Sieh es mal so – die anderen sind Vollmilch, du bist zartbitter. Was mich übrigens auf eine Idee bringt…“

„Die Schokolade ist in der linken Schublade. Zartbitter.“

„Super – meine Lieblingssorte!“

 


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Kommentare: 1
  • #1

    AspimLab (Donnerstag, 29 Oktober 2015 16:20)

    Juppiiiie ! Zartbitter !! Im Topf zum Schmelzen bringen !!! Über Cornflakes gießen !!!! Mit zwei Löffeln zu unförmigen Haufen formen !!!!! Abkühlen lassen !!!!!! Aufessen !!!!!!!