Unverblümte Sprechblasen oder: autistische Stolperfallen im Beruf

„Du siehst gestresst aus, Coco.“

„Ja, bin ich, MinDrago. Es ist alles so anstrengend. Meine Jobs kosten mich oft all meine Kraft. Und wenn dann noch private Probleme dazu kommen, ist der Akku manchmal einfach leer. Dann muss ich mir, Geld hin oder her, ein paar Tage Auszeit nehmen.“

„Warum hast du dir denn auch diese Jobs ausgesucht? Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit sind ja nicht gerade autistenfreundlich.“

„Habe ich mir nicht ausgesucht, bin ich so reingerutscht. Mit einem Germanistik-Studium hat man nicht allzu viele Möglichkeiten. Anfangs habe ich es mit Unterrichten versucht, aber das ging gar nicht. Ich mag es, weitgehend selbständig zu arbeiten. Nur der Umgang mit vielen Menschen ist halt aufreibend. Und manchmal ecke ich an.“

„Anecken? Wobei denn?“

„Zum Beispiel bei meiner Arbeit für eine Organisation für Behinderte. Vor einiger Zeit bekam eine unserer Einrichtungen die Zulassung zur Autismus-Therapie. Um das medienwirksam darzustellen, habe ich einen Deal mit einem örtlichen Magazin gemacht. Wir haben eine Seite plus Werbeanzeige gekauft, ich habe den fertigen Text geliefert.“

„Wo war das Problem?“

„Das kann ich Dir sagen. Die Redaktion dieses in meinen Augen eher zweitklassigen Magazins hat meinen Text überarbeitet. Und mir dann eine schleimige Mail geschickt, in der stand, sie würden mir diese Änderungen vorschlagen, um den Text leichter lesbar und ‚attraktiver‘ zu machen. Die Änderungen bestanden darin, dass sie an unmöglichen Stellen wörtliche Rede eingefügt hatten. Und sie haben der Leiterin der Einrichtung Worte in den Mund gelegt, die sie so niemals gesagt hat und auch niemals sagen würde.“

„Was hast du getan? Ich ahne es…“

„Ich habe ihnen geantwortet, dass sie verdammt noch mal den Text so abdrucken sollen, wie ich ihn geschrieben habe. Dass ich allein in der Lage bin, ein Thema adäquat darzustellen, und dass Autismus kein ‚unterhaltsames‘ Thema ist und das auch nicht sein soll, sondern dass es in dem fucking Artikel um Informationsvermittlung geht. Diese Mail, natürlich ohne ‚verdammt‘ und ‚fucking‘, das habe ich, wie ich dachte, nett umschrieben, habe ich im CC an den Chef geschickt.“

„Und dann?“

„Na ja, er sagte mir, dass er das in der Sache genauso sieht, dass ich mich aber um Höflichkeit bemühen solle.“

„Verständlich.“

„Ich fand die Mail aber gar nicht unhöflich, sondern total sachlich! Und da stoße ich dann an meine Grenzen. Ich sage offen, was Sache ist, und das soll dann unhöflich sein. Da fehlen mir einfach die sozialen Skills.“

„Hast Du Ärger bekommen?“

„Nein. Null. Mein Chef hat einfach gesagt, ich bräuchte ihm meine Korrespondenz nicht mehr zu schicken, sondern dürfte alles allein regeln.“

„Ein mutiger Mann.“

„Ein vielbeschäftigter Mann. Der von meinem Asperger weiß. Er schätzt die Vorteile und nimmt dafür tapfer die Nachteile in Kauf. Aber so viel Glück im Job hat nicht jeder. Es gibt einfach Sachen, die ich wohl in diesem Leben nicht mehr lerne. Wenn ich genau weiß, dass ich Recht habe, habe ich keine Lust, Blümchen in meine Sprechblasen zu malen. Viel zu anstrengend. Aber da ist die Asperger-Diagnose schon von Vorteil. Früher war ich unhöflich, jetzt bin ich halt behindert. Strange.“

„Entspann Dich. Geh ein Pferd umarmen. Oder hör dir in Endlos-Schleife die Titelmelodie von ‚Akte X‘ an. Und setz dich hin, dann wächst dir ja früher oder später immer mindestens ein Kater auf dem Schoß.“

„Gute Idee, MinDrago. Was hältst du von einem Kakao?“

„Eine fucking gute Idee!“


Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    meliissandra (Montag, 19 Oktober 2015 19:47)

    danke, heute abend

  • #2

    AspimLab (Donnerstag, 29 Oktober 2015 16:47)

    Ja, so schaut's aus *seufz*

  • #3

    Nadine (Samstag, 28 November 2015 17:54)

    Ich hab da oft den Eindruck, dass die sozialen Skills eher denen fehlen, die keine sachlich-direkte Kommunikation (und das im beruflichen Umfeld!) abkönnen und sich ohne das ganze 'soziale' Geflausche gleich persönlich auf die Füße getreten fühlen. Auch wenn es natürlich von Vorteil sein mag wenn man beides beherrscht.