Das dritte Auge


„Hey – wie wäre es mit aufstehen? Es ist schon Mittag! Und du hast den DHL-Mann verpasst, der meine neue DVD abliefern wollte!“

„Hau ab, MinDrago. Lass mich weiterschlafen. Oder bring mir wenigstens einen Kaffee.“


„Was ist denn das auf deiner Stirn? Ein Pickel?“


„Nein. Da wächst mir ein drittes Auge.“


„WIE BITTE?“


„Ein drittes Auge. Das ist dafür da, um in die Dunkelheit der eigenen Seele zu schauen.“

„WTF?“


„Habe ich gestern gelernt. Ich konnte nicht schlafen und habe im Fernsehen Akte X geguckt. Da ging es um einen seltsamen Sekten-Guru. Dem ist es dank bewusstseinserweiternder Drogen gelungen, Zugang zur inneren Finsternis zu bekommen. Oder so ähnlich. So ganz habe ich den Plot nicht durchschaut. Aber es gab eine Menge Blut. Viele Tote. Sehr verworren.“

„Ach du Scheiße. Als ob du dafür ein drittes Auge bräuchtest. Du marschierst doch sowieso als Zombie durchs Leben.“

„Ja schon, aber so ein Auge sieht cool aus. Macht sich bestimmt gut an Halloween, wenn die Kinder klingeln.“


„Dafür reicht auch deine übliche Frankenstein-Maske. Nach deinem Auftritt im letzten Jahr traut sich hier eh kein Kind mehr hin. Da kannst du schon froh sein, wenn nicht stattdessen die Eltern kommen. Mit Mistgabeln und Fackeln. Aber mal im Ernst – was ist das auf deiner Stirn?“


„Leider nur eine simple Beule. Mir war eine Macadamia-Nuss in den Shaggy-Teppich gefallen. Als ich versucht habe, sie zu suchen, ist der eine Kater von meinem Schoß gefallen und dann, direkt vor meiner Nase, mit dem anderen Kater an meinen Füßen in Streit geraten. Und als ich mich aus der Kampfzone zurückziehen wollte, bin ich mit der Stirn gegen den Tisch geknallt.“

„Ich hätte nicht fragen sollen…ich hole dir jetzt mal einen Kaffee. By the way – sind noch welche von den Nüssen da?“


„Ja, im Teppich.“


„Na besten Dank. Soll ich dir ein Kühlpack mitbringen?“

„Nein danke. Ich werde die Beule wenigstens als Auge schminken. Oder behaupten, ich hätte die Pest. Oder einen Chestburster, der den richtigen Weg nicht kennt und nun hinter der Stirn festsitzt. Oder ich könnte sagen, es ist ein verzweifelter Fluchtversuch meines Gehirns.“


"Wenn du ehrlich sein willst, mal' lieber ein Biohazard-Zeichen drauf. Und jetzt rühr dich nicht von der Stelle, bis ich mit dem Kaffee da bin."


 


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