Do

08

Okt

2015

Kollektive Reparatur oder: Alptraum Gruppentherapie

Coco sitzt am Schreibtisch und starrt an die Wand.

 

„Na, mal wieder eine Schreibblockade? Worum geht es diesmal? Kaninchenzüchter-Verein?“

 

„Nicht ganz, MinDrago. Ich muss Dich was fragen. Stell dir mal vor, dein Auto bleibt stehen. Einfach so. Springt nicht mehr an. Was machst du dann?“

 

„Na ja, ich habe ja kein Auto. Aber ich würde mal denken, ich lasse den Wagen in die Werkstatt schleppen und reparieren. Was wird das? Ein Alltagsquiz für minderbemittelte Aspies?“

 

„Okay. Dann nehmen wir mal an, der Wagen ist in der Werkstatt. Der Fachmann schaut drauf und stellt einen Motorschaden fest. Aber er repariert ihn nicht. Stattdessen musst du in einen kahlen Raum, gemeinsam mit ungefähr zehn anderen Leuten, deren Autos ebenfalls kaputt sind, aus den unterschiedlichsten Gründen.“

 

„Häh? Und dann? Bekommen alle einen Crash-Kurs in Reparatur, oder was?“

 

„Nein. Der Fachmann setzt sich dazu und fordert die Leute auf, von den Schäden an ihren Autos zu erzählen.“

 

„Ach, ich verstehe, so eine Art Seminar. Keine schlechte Idee. Der Automechaniker erklärt dann vermutlich, welche Ursachen hinter welchem Schaden stecken können und wie man sie beseitigt. Damit man bei der nächsten Panne besser einschätzen kann, was kaputt ist. Cool.“

 

„Nein, MinDrago, nichts dergleichen. Der Mechaniker sagt gar nichts. Nur die Kunden sollen reden. Jeder kann über sein Auto erzählen, was er möchte. Man darf den Raum nicht verlassen, auch, wenn man nichts über sein Auto sagen will.“

 

„WTF??? Und dann? Was soll das alles?“

 

„Am Ende darf jeder sagen, wie er sich fühlt, und dann zurück zu seinem Auto gehen.“

 

„Und das läuft dann wieder? Haben in der Zwischenzeit die Kollegen des Mechanikers die Autos repariert? Und das Ganze war eine Art abgedrehte Unterhaltungsshow? Kapier ich nicht.“

 

„Nein, mit den Autos ist nichts weiter passiert. Man kann sich in sein Auto setzen und antesten, ob es wieder läuft.“

 

„Warum zur Hölle sollte es wieder laufen, wenn gar nichts mit ihm passiert ist? Was soll der ganze Scheiß?“

 

„Eine berechtigte Frage. Auf die ich leider keine Antwort weiß.“

 

„Warum denkst du dir so einen Mist aus, Coco?“

 

„Ich habe mir das nicht ausgedacht. Wenn du ‚Werkstatt‘ gegen ‚Klinik‘ austauschst, ‚Kunde‘ gegen ‚Patient‘ und ‚Auto‘ gegen ‚Psyche‘ hast du des Rätsels Lösung. Gruppentherapie.“

 

„Oh – jetzt verstehe ich. Ich erinnere mich an deine skurrilen Erfahrungen damit. Wenn ich mich recht erinnere, lief dein Auto hinterher jedenfalls nicht wieder, oder?“

 

„Nein. Im Gegenteil. Es hatte erhebliche Kratzer im Lack. Die man immer noch sieht. Diese Art Werkstatt ist für ein Aspie-Mobil nicht geeignet. Und für die meisten anderen Modelle wohl auch nicht. Keines der Autos ist hinterher wieder angesprungen.“

 

„Und jetzt?“

 

„Jetzt habe ich einen besseren Mechaniker gefunden. Und bis das Auto wieder heil ist, gehe ich halt zu Fuß.“

 

„Wirst du deine Erfahrungen in dieser Werkstatt of Doom aufschreiben?“

 

„Vielleicht. Ich bin mir noch nicht sicher.“

 


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