Medium Talk

Coco bastelt eine Excel-Tabelle. Scheint eine schwierige Aufgabe zu sein.

„Was wird das? Die hundertste ToDo-Liste?“

„Nein, viel kniffliger. Es soll eine Art Baukasten werden.“

„Zeig mal. Mh, auf mich wirkt das wie eine Ansammlung hohler Phrasen. ..Geht es mal wieder um Small Talk?“

„Nein. Eher so was wie Medium Talk. Small Talk kriege ich ja einigermaßen hin. Problematisch werden die Gespräche mit Menschen, die irgendwas zwischen ‚entfernte Bekannte‘ und ‚Kollegen‘ sind. Die von dir mehr Info erwarten als die Verkäuferin an der Brottheke, die aber verstört wären, wenn du ehrlich antworten würdest. Extrem heikel für mich.“

„Beispiel?“

„Ehemalige Nachbarin, die in meiner Abi-Stufe war. Wenn du die im Supermarkt triffst, fragt sie, wenn du Glück hast, nur ‚Wie geht es dir?“ Die nächste Schwierigkeitsstufe wäre ‚Wie geht es euch?‘. Und richtig doof wird es, wenn sie eine der beiden Fragen erweitert durch die besorgte Feststellung ‚Du siehst aber schlecht aus.‘ oder ‚Du bist aber schmal geworden.‘ Dann komme ich ins Schwimmen.“

„Wie wäre es mit einer ehrlichen Antwort?“

„Eine ganz schlechte Idee. Das geht nur, wenn die Ursache gesellschaftstauglich ist. ‚Viel Stress‘ kann funktionieren, das beziehen die meisten Leute auf den Beruf. Was auch geht, ist ‚Mein Auto ist kaputt.‘ Das klappt natürlich nur, wenn du der Person nicht ausgerechnet auf dem Parkplatz begegnest. ‚Meine Mutter ist gestorben.‘ geht auch noch durch. Und wenn du diesem Thema besondere Dramatik verleihen willst, dann sagst du sogar ‚Meine Mama ist gestorben.‘ Dann hast du das Gespräch im Sack.“

„Du bist zynisch, Coco.“

„Ja, mag sein. Aber stell dir mal vor, du sagst ‚Ich habe eine schwere Depression, eine Asperger-Diagnose und eine beschissene Trennung hinter mir. Und ich trage nicht ohne Grund nur noch langärmlige Sachen.‘ Kannst du dir die Reaktion vorstellen? – Hör sofort auf zu lachen, das Thema ist ernst!“

„Was ist mit deiner üblichen Taktik? Verstecken, wenn du einen Bekannten siehst?“

„Das geht nicht immer. Und bei Kollegen schon gar nicht. Und dann stehst du da und weißt nicht genau, wieviel dieser Kollege durch den allgemeinen Bürotratsch über deine momentane Situation weiß. Wenn du davon ausgehst, dass er oder sie nichts weiß, geht Wetter und Gesundheit. Das kann aber nach hinten losgehen, wenn derjenige eben doch besser informiert ist. Wenn du dann smalltalkst, ist der Gesprächspartner vielleicht beleidigt, weil du ihn oder sie nicht für vertrauenswürdig hältst. Oder noch schlimmer – er fragt präzise nach. Manche Menschen haben das Feingefühl von Nilpferden. ‚Ist die Scheidung schon durch?‘ oder ‚Hat dir die Klinik geholfen?‘ oder so was. Ein Alptraum! Das bringt mich dann völlig aus dem Konzept. Und dann erzähle ich oft zu viel und frage mich hinterher dann, was ich mir dabei gedacht habe.“

„Und deshalb bastelst du jetzt an dieser Liste? Meinst du, das funktioniert?“

„Keine Ahnung. Jedenfalls kann ich nicht andauernd tagelang zuhause bleiben, weil ich nicht reden will. Obwohl das die beste Lösung wäre. Warum zur Hölle ist das so schwer? Die geschriebene Sprache ist die Grundlage meines Berufs, und ich bin ja auch durchaus erfolgreich damit. Aber das gesprochene Wort ist purer Stress. In meinem nächsten Leben werde ich eine Katze.“

„Dann wirst du sicher als Problemfall im Tierheim landen.“

„Dankeschön, liebe Bestie, sehr liebenswürdig.“

„Gerne. Du – ich glaube, diese Sätze da solltest du aber streichen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Gelegenheit gibt, die problemlos anzubringen. ‚Fuck off!‘ und ‚Ich kann mir deinen Namen nicht merken – darf ich dich einfach Arschloch nennen?‘ kommt ganz sicher in keiner Gesprächssituation gut an.“

„Schau doch richtig hin, MinDrago. Das steht in der Spalte ‚Nothilfe‘ und ist nicht dafür gedacht, ausgesprochen zu werden. In dieser Rubrik stehen die Vorschläge für meinen inneren Monolog, wenn eine Unterhaltung trotz penibler Vorbereitung aus dem Ruder läuft. Dann kann ich mich wenigstens in Gedanken austoben.“

„Mh – okay. Manchmal bist du etwas strange.“

„Moment, wo war es denn gleich…ach hier: ‚Schön, dass wir geredet haben. Man sieht sich.‘“

„Schon gut, ich habe verstanden. Und denk nicht so laut.“


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Kommentare: 1
  • #1

    Sara (Samstag, 03 Oktober 2015 19:34)

    Hach, ja, ich bin zwar nicht Autistin, nur meine Tochter, aber ich bin auch depressiv. Da ist es irgendwie ähnlich, zu viel möchte man nicht erzählen, dass es mir schlecht geht, braucht keiner wissen, weil es eh viele nicht verstehen würden. Wie meine Mutter sagte: "Aber Euch geht es doch gut, Du hast doch keinen Grund..." Sie hat wohl Depression noch nicht verstanden.
    Ich erzähle dann gerne was von den Kindern, auch mal was Negatives, irgendwie wird das besser verstanden...
    Liebe Grüße
    Sara