Abenteuer Alltag oder "backe, backe, fluchen"

„Möchtest du ein Stück Schokolade?“

„Nein, danke, MinDrago. Ich musste heute in der Pause ein Stück Kuchen essen. Hatte eine Kollegin mitgebracht.“

„War er lecker?“

„Ja, war ganz okay. So was ganz Aufwendiges mit Schokoladencreme. Und als ich die Kollegin gefragt habe, wie sie es schafft, nach Feierabend einen Kuchen zu backen, war sie etwas ratlos.“

„Tja, Coco, für andere Leute ist so etwas wohl nicht so eine nervenaufreibende Mammutaufgabe wie für dich…“

„Das ist wohl wirklich so. Wenn ich einen Kuchen backen muss, geht der Stress schon bei der Wahl des Rezeptes los. Backbuch oder Internet? Käsekuchen oder Schokoladenkuchen? Oder Apfelkuchen oder vielleicht Streusel? Was mögen die Gäste am liebsten? Wer hat Allergien? Wer ist Veganer? Wer hat noch mal gesagt, dass er kein Marzipan mag? Und wenn ich mich dann endlich entschieden habe, muss ich den Einkaufszettel schreiben. Bekomme ich alles im Supermarkt im Stadtteil? Muss ich weiter weg fahren? Was habe ich vielleicht noch in den unendlichen Weiten meiner chaotischen Vorratsschränke?“

„Oh Mann – da vergeht einem ja schon der Appetit.“

„Ja. Und dann geht es erst richtig los. Wo ist die Backschüssel? Im Normalfall hat die Aspine gerade ihre Terrariumerde darin zwischengelagert. Suchen, umfüllen und spülen. Dann alle Zutaten bereitstellen. Garantiert gibt just heute die Batterie in der Waage ihren Geist auf. Also noch mal zum Supermarkt und eine neue Batterie kaufen. Und dann kommen motorische Herausforderungen: Eier trennen zum Beispiel. Das Mehl so vorsichtig in die Schüssel geben, das es nicht staubt, denn sonst muss ich alle Flächen sofort abwischen, weil ich das eklige Gefühl nicht mag. Weiche Butter…ab in die Mikrowelle. Falsche Zeit gewählt, Butter ist flüssig, Mikrowelle versaut.

Dann geht es weiter mit dem Mixer: Welcher Schläger wird in welches Loch gesteckt? Und warum fallen trotzdem beide sofort wieder raus, wenn man den Mixer anschaltet? Das Gerät ist ein Billigteil aus dem Discounter und macht ungefähr so viel Lärm wie ein Laubsauger. Völlig entnervt. Irgendwas im Teig klumpt oder gerinnt. Immer. Dann muss man die Kuchenform vorbereiten. Aus irgendwelchen Gründen passt der Boden der Springform NIE in das Oberteil. Und manchmal merke ich es erst, wenn im Backofen der Teig dann rausläuft. Dann stinkt es schrecklich und der Backofen muss geputzt werden. Und selbst wenn es gut geht: Der Kuchengeruch hält sich garantiert, trotz Dunstabzug, mindestens drei Tage im ganzen Haus und verursacht mir Übelkeit. Nach dem Backen muss ich duschen und mich umziehen, weil alles riecht.

Höchstwahrscheinlich ist der Kuchen auf einer Hälfte angebrannt, auf der anderen roh. Und selbst wenn nicht, sieht er NIEMALS so aus wie auf dem Rezeptbild.“

„OMG – das klingt grauenhaft! Aber zur Belohnung kannst du dann ja ein Stück von dem Kuchen essen.“

„Nein, denn ich backe ja nur für andere. Früher kam der echte Horror dann meist am nächsten Tag: Familienfeier. Und Mutter und Schwiegermutter loben den Kuchen in den höchsten Tönen.“

„Das ist doch nett!“

„Nein, das war es nicht. Es war nämlich wurscht, ob er geschmeckt hat oder nicht. Und auch, wie er aussah. Die beiden leidenschaftlichen Hausfrauen waren einfach nur froh, dass ich überhaupt mal etwas gemacht hatte, was in ihr Weltbild passte. Da wurden auch Kleinigkeiten unverhältnismäßig bejubelt. Ein Lob vom Prof? Ein Aufmacher im überregionalen Wochenendteil? Ja ja, ganz nett….aber ein Kuchen! Hurra! Vielleicht wird sie sogar eines Tages Gardinen aufhängen oder ein „Willkommen“-Schild an die Haustür hängen!“

„Hast du deiner Kollegin all das auch erzählt?“

„Nein, natürlich nicht. Sie hätte es nicht verstanden. Weißt du, das geht mir bei fast allen Dingen so – für mich ist fast alles im Alltag Stress. Das sieht aber kaum jemand. Und hören will es schon gar keiner. Also versuche ich, diese Sachen einfach irgendwie hinzukriegen. Und zur Belohnung heißt es dann oft: ‚Hey, du kannst doch alles, was andere auch machen! Bist du sicher, dass deine Diagnose stimmt?‘ Und dabei ist Kuchenbacken ja nur die Spitze des Eisbergs und glücklicherweise eine seltene Herausforderung. Da gibt es viele Dinge, die ebenso anstrengend sind, sich aber einfach nicht vermeiden lassen. Autofahren, Einkaufen, Arztbesuche, Besprechungen. Für andere eine ganz normale Tätigkeit, für Autisten eine nervliche Herausforderung. Die dadurch belohnt wird, dass man als potentieller Simulant dasteht.“

„Ziemliche Scheiße.“

„Yep.“


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