Haarige Probleme

"Was für ein bescheuertes Telefongespräch war das denn, Coco? Habe ich es richtig verstanden, dass du dein Honorar für ein Toupet verwettest hast???"

"Ja, aber nicht so ganz ernsthaft. Das war mein Redakteur. Es ging um den Bericht über ein Schlagerfestival."

"Was hat das mit einem Toupet zu tun?"

"Bei der Veranstaltung trat ein etwas abgehalfterter Schlagersänger aus den 1970er Jahren auf. Und der hatte ein spektakulär dämliches Toupet auf dem Kopf. Was eine ältere Frau neben mir zu sehr deutlichen Worten veranlasste. In ihrer Rede kam 'scheiße', 'Mütze' und 'kann der sich nix Besseres leisten' vor. Das fand ich ziemlich lustig und habe es, leicht modifiziert, als Zitat in meinen Text geschrieben."

"Aha. Und dazu wollte dir der Redakteur gratulieren?"

"Nein, er wollte wissen, ob ich mir sicher sei, dass es ein Toupet war, damit der Sänger uns nicht verklagen kann. Man muss verdammt vorsichtig sein, was man so veröffentlicht."

 

"Hast du da schon mal was verbockt?"

"Nein, bisher glücklicherweise nicht. Aber vor kurzem habe ich etwas sehr Befremdliches erlebt. Ziemlich unschön."

"Erzähl!"

"Na ja, du weißt ja, dass ich im vorigen Jahr einen Vortrag über Asperger gehalten habe. Genauer gesagt über mein Asperger. Es war ein sehr persönlicher Vortrag, und es war eines der wenigen Male, bei denen ich mich freiwillig geoutet habe."

"Ja, ich erinnere mich. Was ist passiert?"

"In diesem Vortrag habe ich gesagt, dass es das Vorurteil gibt, Asperger könnten nicht schauspielern. Darüber war ich mal in der Rede eines vermeintlichen Fachmannes gestoßen. Und ich habe erklärt, dass das so pauschal nicht stimmt. Und dass ich in meinem Alltag sehr wohl gelernt habe, zu schauspielern. Damit meinte ich solche Sachen wie Interesse beim Small Talk zeigen oder auf die Frage nach der neuen Frisur der Kollegin zu lächeln und 'Sehr schön.' zu sagen, obwohl mir die optische Veränderung von allein gar nicht aufgefallen wäre. Wenn ich da immer authentisch reagieren würde, würde ich viele Menschen ohne Not vor den Kopf stoßen."

 

"Klingt logisch. Wo ist das Problem?"

"Das kann ich dir sagen - einer der Zuhörer hat diese Aussage verdreht und behauptet, ich sei also offensichtlich jemand, der lügen könne, ohne mit der Wimper zu zucken."

"Wie doof ist das denn bitte? Hat er was gegen Vorträge? Oder gegen Asperger?"

"Nein. Und das ist das wirklich Traurige an der Sache: Er ist selbst Asperger."

"Puh! Aber wenn ich das richtig sehe, kommt das nicht so selten vor, dass sich Autisten gegenseitig beschuldigen, oder?"

"Leider nein, MInDrago. Das Thema geistert leider immer wieder, und zu Recht, durch die Internet-Community. Es gibt unglaublich viele Stolperfallen. Wenn du dich schminkst, ins Kino gehst, Freunde hast oder gar in einem kommunikativen Beruf arbeitest, stehen sofort mehrere andere Autisten parat, die laut schreien 'Wenn du das machst, bist du kein Autist!' Das ist so doof. Als hätte man nicht schon genug Probleme, sich ständig NTlern gegenüber zu rechtfertigen."

"Was für ein Scheiß. Womit wir wieder beim Toupet-Zitat wären."

"Grandiose Gesprächsabrundung, liebe Bestie. Mich erinnert das an die Denkkappe von Daniel Düsentrieb. Sollte man vielleicht zur Pflicht-Kopfbedeckung machen."

"Für Aspies oder NTler?"

"Am besten für alle."

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Kommentare: 2
  • #1

    Katha (Samstag, 23 Mai 2015 16:23)

    Ja, ja, jaaa.
    Es ist schon schade, wie sehr gerade Aspies sich gegenseitig niedermachen um zu beweisen, dass sie ja die einzig "wahren" Autisten sind...
    Aber da ist wohl normal und in der Hinsicht unterscheiden sich Autisten in keinster Weise von nicht-Autisten.
    Man muss einfach mal in ein Mütter-Forum gehen um zu erleben was ich meine.

  • #2

    AiL (Dienstag, 09 Juni 2015 12:37)

    Zustimmung!
    "Wenn du dich schminkst, ins Kino gehst, Freunde hast oder gar in einem kommunikativen Beruf arbeitest, stehen sofort mehrere andere Autisten parat, die laut schreien 'Wenn du das machst, bist du kein Autist!' "

    Aber von diesen Besserwissis weiß keine(r), wie aufreibend und kräftzehrend es sein kann, das alles hinzubekommen ... ein, zwei Nächte für ein 15minütiges Referat, Einüben eines Skripts für ein Treffen mit der/dem Angebeteten, eine Stunde in einer übervollen Kneipe mit enstprechender Geräuschkulisse lässt mich schneller ermüden als eine mehrstündoge Wanderung usw. usf.

    *seufz*