Depressionen & Serviettentechnik

"Hexe - du lächelst! Was ist passiert?"

"Ach, nix, ich musste gerade an etwas Lustiges denken."

"Los, erzähl!"

"Ist gar nicht weiter spektakulär, aber ich musste sehr darüber lachen, und jetzt muss ich ganz viel darüber nachdenken. Du weißt ja, dass man mich zu einer Kunsttherapie verdonnert hat. Davon war ich eigentlich nicht besonders begeistert, aber jetzt gefällt es mir sehr gut. Die Therapeutin ist eine wirklich beeindruckende Person, unglaublich temperamentvoll, ohne anderen damit auf die Füße zu treten. Und entgegen meinen Befürchtungen zwingt mich dort auch niemand zum Töpfern oder zu ähnlich unangenehmen Tätigkeiten. Man darf einfach machen, was man möchte."

"Und was ist daran so lustig?"


"In der Gruppe ist eine Frau, die mich jedes Mal umhaut, weil sie so lieb und freundlich ist. Sie begegnet jedem ganz ohne Vorbehalte. Ist nicht so, dass sie dann auch jeden mag, aber sie ist so ungekünstelt offen und herzlich, das finde ich ganz wunderbar. Aber auch sie sitzt natürlich nicht grundlos in dieser Therapie. Heute war ihr letzter Tag, und sie hat ein wundervolles Bild gemalt - bunte Blumen, Sonne, knallige Ostereier. Es war so fröhlich, dass man kaum wegschauen konnte. Und weil heute ihre letzte Stunde war, hat die Therapeutin sie gefragt, ob sie denn alle Bilder mitnehmen möchte, die sie im Laufe der letzten Wochen angefertigt hat. Und da wurde sie ganz still und abweisend und meinte, nein, die wolle sie lieber nicht haben und nicht mehr sehen. Und dann sagte sie ganz nebenbei: 'Die sind nicht schön. Ich kann so was auch nicht gut. Serviettentechnik kann ich besser. Aber für meinen Gemütszustand gibt es keine passenden Servietten.' Darüber konnte ich mich total abrollen, weil ich den Humor echt genial finde. Aber andererseits ist es auch traurig."


"Aber wenn sie doch so ein buntes Bild gemalt hat, geht es ihr doch sicher jetzt wieder besser?"

"Ja, ich denke schon. Aber es ist irgendwie traurig, weil es ein Bild dafür ist, dass Depressionen einfach nicht gesellschaftsfähig sind. Wenn es dir schlecht geht, darfst du maximal, wenn du gut versichert bist, in eine Therapie gehen. Aber du darfst nicht darüber reden. Aber wenn du einen Schnupfen hast, kannst du die gesamte Umgebung vollrotzen und bekommst oft noch Mitleid dafür."

"Außer, man sitzt neben dir. Dann gibt es statt Mitleid panische Fluchtreaktionen."

"Ach, MinDrago, du verstehst schon, was ich meine. Es ist scheiße, dass der Körper krank sein darf, die Seele aber nicht. Wenn du mal unter #notjustsad bei Twitter schaust, wirst du vieles darüber lesen können, was Menschen mit Depressionen so für Reaktionen von ihrer Umwelt bekommen. Da ist 'nun lach doch mal' noch das Harmloseste. Als ginge es nur um schlechte Laune, um mangelnden Willen. Damit man auch noch ein schlechtes Gewissen bekommt, weil man als schwarzer Punkt das vermeintlich bunte Gesamtbild der Spaßgesellschaft versaut."

"Mh...ja, klingt nicht so toll, du hast recht. Und irgendwie ist es auch erstaunlich, denn es gibt doch wirklich viele Bestrebungen, dieses Stigma endlich auf den Müll zu werfen. In jeder blöden Zeitschrift im Wartezimmer kann man was über die 'Volkskrankheit Depression' lesen. Warum kommt das alles nicht in den Köpfen an?"


"Solche Presseberichte sind wohl oft eher kontraproduktiv. Wenn eine Krankheit viel Aufmerksamkeit bekommt, tauchen garantiert sofort Leute auf, die 'Modediagnose!' brüllen. Kennst du doch hinlänglich von Asperger, oder? Nur gut, dass es wenigstens in den sozialen Netzwerken möglich ist, sich vorurteilsfrei auszutauschen. Was machst du eigentlich da mit meinen Zeichenstiften, MinDrago?"

"Na, was wohl? Ich entwerfe natürlich Servietten. Ich werde mein Label 'Dark Demons' nennen und damit reich und berühmt werden."

"Aha. Schon irgendwelche Motive im Kopf?"

"Natürlich! Als erstes vermarkten wir dein Machwerk aus der Kunsttherapie, eine Sinfonie aus dunkelgrau, noch dunkler grau, schwarz und tiefschwarz. Und für die Zukunft schweben mir Bäume im Nebel, endlose Straßen bis zum Horizont und Friedhöfe vor."

"Dann solltest du dein Label vielleicht eher 'Stereotypen-Stuss' nennen. Das klingt wie ein Best-of der Motive von Beerdigungsanzeigen."

"Hast du eine bessere Idee?"

"Klar, jede Menge! Teufelsfratzen. Stacheldraht. Mundlose Gesichter mit roten Tränen. Flammen. Asche. Geschlossene Türen."

"Äh, Hexe...?"

"Ja?"

"Vielleicht bleibst du besser beim Schreiben."

"Okay."

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Kommentare: 1
  • #1

    AiL (Mittwoch, 25 März 2015 18:43)

    Modeeeeeediagnoseeeeee!!!! *schrei*
    Liebe Grüße aus dem Labyrinth