Von Diagnosen, Zweifeln und Frikadellen

"Hey, Hexe, hast du endlich deinen Behindertenausweis wiedergefunden? Wo war er?"

"Unter meinem Bett. Keine Ahnung, wie er dahin kommt. Da lag er wohl schon länger, der Staubschicht nach zu urteilen."

"Klingt nicht so, als würde er zu deinem täglichen Equipment gehören."

"Nein. Ich benutze ihn nie. Fast nie. Okay, manchmal, wenn ich es sehr eilig habe, mogle ich ein bisschen und benutze ihn zum Parken. Und hoffe, dass die Politesse nicht merkt, dass das entsprechende Kennzeichen fehlt."

"Warum hast du ihn dann, wenn du ihn nie brauchst?"

"Vielleicht werde ich ihn mal brauchen. Wenn ich vom Freiberufler zum Dasein eines Angestellten wechseln will. Oder so. Und irgendwie hat er mir damals, nach der Diagnose, Sicherheit gegeben."

"Inwiefern?"


"Als ich die Diagnose bekam, war ich verwirrt. Einerseits habe ich mich total gefreut, dass ich nicht nur 'seltsam' bin, sondern einfach wirklich anders als andere. Die Berechtigung zum Verpeiltsein. Und andererseits kamen schnell Zweifel auf. Habe ich es wirklich? Ist es nur ein Irrtum?"

"Das geht vielen so, oder?"

"Ja, den Eindruck habe ich auch. gerade, wenn man es erst als Erwachsener erfährt. Dann denkt man schnell 'Aber ich schaffe doch den Alltag. Aber ich arbeite doch. Aber ich habe doch Freunde.' Mir hat damals die Erklärung geholfen, dass eine hohe Intelligenz einfach dazu führt, dass man gut ist im Abschauen von anderen Menschen. Dass man so unwillkürlich Strategien entwickelt, um klarzukommen. Trotzdem kommen immer wieder Zweifel hoch. Besonders, wenn andere Menschen, manchmal Fachleute, Zweifel streuen."

"Was ja wohl leider auch nicht selten ist."

"Nein, ganz und gar nicht. Und da kommen dann die merkwürdigsten Argumente. Ein Neurologe meinte mal, es sei aber seltsam, dass ich als Asperger jahrelang mit einem Borderliner zusammengelebt habe. Wobei ein Psychologe wiederum mir mal erklärt hat, dass Asperger und Borderliner eine häufige und oft nicht mal die schlechteste Kombination wäre. Mein Asperger ist damals von einem Psychiater festgestellt worden, der sich darauf spezialisiert hatte und der sicher sehr genau wusste, was er da tat. Eigentlich hatte er die Diagnostik aufgegeben, weil er einen solchen Andrang hatte, dass er seine anderen Patienten nicht mehr hinreichend betreuen konnte. Ich habe ihn damals lediglich um eine Verdachtsdiagnose gebeten, für die Versicherung. Und nach dem Gespräch hat er mir ungefragt einen Diagnosetermin angeboten. Wie er mir hinterher sagte, sei er einfach sicher gewesen, dass ich Asperger habe. Deutlicher geht es also eigentlich nicht."


"Und dann hast du den Ausweis bekommen?"

"Nein. Man erkannte mir einen GdB von 30 zu, das ist wohl Standard bei der Diagnose. Da habe ich dann Einspruch eingelegt und musste daraufhin zu einem Gutachter. Das war ein Alptraum."

"Warum?"

"Es war eine absurde Situation. Der Gutachter war ein Neurologe und Psychiater. Für mich war er einfach ein weiterer Arzt, mit dem ich sprechen sollte. Ich mochte ihn nicht, habe ihm aber bereitwillig meine Symptome geschildert. Und dann wurde mir schnell klar, dass der Mann mir nicht, wie die meisten Ärzte, helfen wollte, sondern dass er ja die Rolle eines Gegners hatte. Es war ja mehr oder weniger seine Aufgabe, mich quasi zu 'entlarven', im Interesse des Versorgungsamtes. Das hat mich total aus der Bahn geworfen. Statt Vertrauensperson ein Gegner. Ein unfairer Gegner. Ich habe ihm zum Beispiel erzählt, wie schwierig für mich viele Geräusche und Gerüche sind und dass ich nie an dem Tag einkaufen gehen kann, an dem im Supermarkt Frikadellen gebraten werde. Okay, ein banales Beispiel, aber seine Reaktion war befremdlich. Er lächelte irgendwie doof und meinte, viele Menschen würden keine Frikadellen mögen, das sei keine Behinderung. Und da wurde mir klar, auf welchem Niveau wir uns da unterhalten. Und bei mir brannten alle Sicherungen durch. Ich hatte echt schwierige Wochen hinter mir. Und ich hatte überhaupt gar keine Lust, mich da in eine lächerliche Ecke stellen zu lassen."


"Oh oh, wenn du wütend wirst, ist es meist gar nicht lustig!"

"In der Tat. Ich habe eine kleine, aber sehr deutliche Rede darüber gehalten, was ich von dieser Art der 'Untersuchung halte. Ich habe ihm erklärt, dass ich es nicht nötig habe, mich als potentiellen Betrüger darstellen zu lassen und dass ich das Gespräch an dieser Stelle beenden werde und dass ich unter solchen Voraussetzungen lieber auf den dämlichen GdB verzichten würde."

"Was hat er gesagt?"

"Ganz was falsches. Er sagte, er müsse mich aber im Rahmen des Gutachtens auch noch körperlich untersuchen."

"Autsch! Hat er überlebt?"

"Nur knapp. Ich erklärte ihm, dass er sich das echt klemmen könne, ich würde mich keinesfalls von ihm anfassen lassen. Und dass ich all diese blöden Sachen schon tausendmal gemacht hätte - mit geschlossenen Augen an die Nase fassen, auf einer Linie gehen, mit den Augen einem Stift folgen und und und. Und habe den Termin dann an dieser Stelle für beendet erklärt. Und als er sich verabschieden wollte, habe ich ihm nicht die Hand gegeben. Da war ich dann echt bockig. Ich habe ihm erklärt, dass ich Leuten, die ich nicht mag, niemals die Hand gebe."

"Aber wie zur Hölle bist du dann an den Ausweis gekommen?"

"Ganz einfach. Zwei Wochen später bekam ich bescheid, dass der Gutachter die Diagnose bestätigt hat."

"???"

"Ja. Und seitdem gehe ich davon aus, dass ich offensichtlich, wenn ich ungefiltert alles rauslasse, irgendwie behindert wirke. Und ich überlege, ob ich vielleicht noch die Diagnose Tourette bekommen hätte, wenn ich noch ein bisschen länger geblieben wäre."


"LOL. Verdient hättest du sie manchmal."

"Danke. Jedenfalls ist mir seitdem klar, dass es wichtig ist, sich nicht ständig ins Bockshorn jagen zu lassen. Asperger ist nun einmal nicht so einfach zu diagnostizieren wie ein Überbein oder Scharlach. Und gerade bei Hochbegabung und Hochsensibilität gibt es viele Schnittmengen. Aber ich bin definitiv anders als andere. Und in vielen Bereichen ist mein Leben weit komplizierter als das anderer Menschen, und es ist eine kleine Hilfe, wenn das anerkannt wird. So, und jetzt stecke ich den Ausweis in meinen Rucksack, damit er nicht wieder verloren geht."

"Das soll wohl ein Witz sein? Dein Rucksack ist eine Art schwarzes Loch. Was darin verschwindet, findet man nie wieder."

"Das ist nicht sehr nett, liebe Bestie. Aber leider irgendwie wahr. Handschuhfach?"

"Nein, das ist verklebt mit geschmolzenen Schokoriegeln."

"Shit, stimmt. Vielleicht ein Brustbeutel?"

"Damit würdest du dich mit deinem Geschick sicher strangulieren."

"Ach verdammt, jetzt reicht es mir aber. Weißt du was? Ich lege ihn einfach wieder unters Bett. Dann weiß ich wenigstens immer, wo er ist."

"Nicht die schlechteste Idee. Dann kommst du auch nicht in Versuchung, widerrechtlich zu parken."


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