Kaspar reloaded

"Uih, was hast du denn da gezeichnet, Hexe? Zeig mal!"

"Ganz was Lustiges. Ein Kasperletheater."

"Echt? Sentimentale Kindheitserinnerungen? Das da ist bestimmt die Prinzessin! Oder...warte mal - dass sie nicht blond ist, ist ja okay. Aber sie hat gar keine Krone. Sondern ein Piercing. Und Augenringe...Menno, Hexe, müssen deine Bilder eigentlich immer so strange sein? Und wer zur Hölle ist das da? Räuber Hotzenplotz nach einer Lobotomie?"

"Nein, das ist der Prinz."

"Igitt, das ist noch scheußlicher als dein seltsamer Rattenfänger. Lass mich raten - du magst Kasperletheater nicht?"

 

"Sehr scharfsinnig, lieber MinDrago. Genauso ist es. Ich war als kleines Kind einmal bei einer Aufführung, und es war zum Wegrennen. Die anderen Kinder sind überall herumgerannt, haben gekreischt und gepopelt. Und man sah dauernd wahlweise die Köpfe oder den Hintern der Puppenspieler. Und die Story war so dermaßen doof, dass es eine echte Erleichterung gewesen wäre, wenn das Plastikkrokodil Kasper und Seppel schon im ersten Akt gefressen hätte. Als ich ein bisschen älter war, haben mir meine Großeltern ein eigenes Kasperletheater geschenkt, warum auch immer. Ich habe dann tapfer mit den vier Puppen hantiert, die ich hatte, aber weder Handlung noch Dramaturgie konnten meine Zuschauer wirklich überzeugen, obwohl es lauter wohlmeinende Familienmitglieder waren. Außerdem fiel das Theater dauernd um und ich habe mir dabei natürlich jedes Mal weh getan. Ein Alptraum."

 

Kann ich mir alles lebhaft vorstellen. Hexe war wohl schon als Kind ein Katastrophenmännchen. Und eine große Künstlerin schlummert wohl auch nicht gerade in ihr.

 

"Hexe - warum zeichnest du dann Bilder vom Kasperletheater? Vor allen Dingen sieht man ja, was dabei heraus kommt. Die Addams-Family ist nix dagegen."

"Das hat einen ganz einfachen Grund. Ich war gezwungen, nach längerer Zeit noch einmal einen sehr umfangreichen Mailwechsel zu lesen. Zwischen mir und einem Menschen, den ich für etwas ganz Besonderes gehalten hatte."

"Aha. Und der ist Puppenspieler, oder was?"

"Nein, eigentlich nicht. Aber jetzt wo du es sagst - der Vergleich ist gar nicht mal so übel. Aber lassen wir das. Es war so: Während ich diesen Schriftwechsel gelesen habe, kam mir ganz von selbst ein Kasperletheater in den Sinn. Du weißt schon, der Protagonist verhält sich wie ein Depp und merkt als Einziger nicht, dass die Großmutter in Wirklichkeit der Wolf ist, so was in der Richtung. Und läuft mit offenen Augen in sein Unglück, während die Zuschauer sich die Seele aus dem Leib brüllen, um den Idioten zu warnen."

 

"Oh - verstehe. Lass mich raten...kein Happyend?"

"Nein, nicht wirklich. Ich bin einfach nicht der richtige Mensch für Märchen. Obwohl ich sie als Kind sehr gemocht habe. Meine Lieblingsgeschichte war "Die kleine Meerjungfrau" von Andersen."

"So was in der Richtung dachte ich mir schon. Du warst wohl bereits als Kind keine echte Frohnatur, wie?"

"Pfff. Ich werde jetzt im Gedenken an diese wunderbare Geschichte in die Badewanne gehen."

"Aber dich hoffentlich nicht in Schaum auflösen, oder?"

"Hey, Schaum ist ein gutes Stichwort. Ein heißes Schaumbad."

"Hexe, du magst keine Badezusätze. Du sagst doch immer, sie riechen wie Klostein."

"Ich brauche keinen Zusatz. Ich werde den Schaum mit dem Mixer machen. Bis nachher. Oder so."

 

"Wow, coole Idee. Viel Spaß. ... äh, Moment mal. Wir haben doch nur einen elektrischen Mixer, und - hee, Hexe! HEXE!"

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