Hexe auf Abwegen

Hexe grübelt. Mal wieder. Ihre Haare sind so zerrauft, dass sie aussieht wie Bellatrix Lestrange.


"Worüber denkst du nach, Hexe?"

"Über einen Stein."

"Oh - über den Stein der Weisen, Bellatrix?"

"Nein."

"Sondern?"

"Über den aus der Predigt."

"PREDIGT? Alles in Ordnung, Hexe? Leg mal die Füße hoch, ich hole dir ein Glas Wasser!"


Die letzte Predigt hat Hexe eigentlich bei ihrer Konfirmation gehört. Und auch da schon eher unfreiwillig. Mit Kirche und Glauben hat sie nichts am Hut. Vielleicht ist sie an den Weihnachtsfeiertagen beim Benutzen der Fernbedienung ausgerutscht und auf dem falschen Sender gelandet?


"Hol mir lieber einen Kaffee, MinDrago. Ja - Predigt. Kaum zu glauben, ich weiß. Ich bin spazieren gegangen, an Silvester. Weil ich es zuhause nicht ausgehalten habe. Und dann war es schrecklich kalt. Und es hat angefangen zu regnen. Die Geschäfte hatten alle zu. Da bin ich halt in die Kirche gegangen. Ich dachte, wenigstens da müssen meine Dämonen mal draußen bleiben."

"Und? Wie war's?"

"Erst mal habe ich den armen Pastor in Verwirrung gestürzt. Der hat an der Tür alle persönlich empfangen, mit Namen. Und da war er bei mir natürlich ratlos. In der Kirche war es enttäuschend kalt. Aber die Orgelmusik war nett. Obwohl es ein bisschen so klang, als säße Professor Doktor Feinfinger an der Wetterorgel. Na ja, dann kamen allerhand Gebete, und dann hat der Pastor gepredigt."

"Jetzt bin ich aber gespannt!"


"Es ging darum, dass man die Lasten des vergangenen Jahres ablegen soll. Am Altar stand als Sinnbild ein schwer gepackter Rucksack. Das Leben wurde mit einer Wanderung verglichen, die man nur leichten Herzens bewältigen kann, wenn das Gepäck nicht zu schwer ist. Der Pastor forderte alle auf, die Schmerzen und Kränkungen des alten Jahres abzulegen, auch jene, die man selbst anderen zugefügt hat. Gott würde sie nun weitertragen."

"Aha. Wirklich spektakulär. Wer würde mit solchen Botschaften in einer Predigt rechnen..."

"Sei nicht so zynisch, MinDrago! Den Teil mit Gott fand ich auch nicht so überzeugend, aber die Idee, einfach alles abzulegen, was mich belastet, fand ich - verlockend. Ist doch wurscht, wer das für einen weiterträgt. Von mir aus muss das niemand tragen, man kann den Mist ja auch einfach liegen lassen. Und vielleicht später irgendwann mal zurückkommen und nachschauen, was daraus geworden ist. Und da habe ich mir vorgestellt, dass alle schlimmen Erlebnisse des letzten Jahres wie ein riesiger Stein sind, den ich die ganze Zeit vorwärts zu schleppen versucht habe, mit null Erfolg. Und mir ist klar geworden, dass es meine einzige Chance ist, ihn jetzt einfach loszulassen."

"Und das klappt?"

"Daran arbeite ich noch. Aber ich mag den Gedanken. Die Idee, mich leichter zu fühlen und weiterzuwandern."


"Pfff, klingt für mich nach Küchenpsychologie. Wirst du jetzt etwa öfter in die Kirche gehen?"

"Nein, keinesfalls. Nach der Predigt kam nämlich das Abendmahl. Und ich hatte absolut keine Lust, mit den hustenden Mitmenschen aus einem Kelch zu trinken. Und es wäre mir auch irgendwie verlogen vorgekommen. Also bin ich sitzen geblieben. Leider als einzige. Spätestens da ist der arme Pastor wohl wirklich ins Grübeln geraten, wem er da in seinem Gotteshaus Herberge gewährt. Zumal ich ganz in Schwarz war und den neuen schwarzen Nagellack aufgelegt hatte. Übrigens war meine Sorge unbegründet, die Leute haben die Oblate nur in den Kelch getunkt. Aber am Ende mussten sich alle vor dem Altar an die Hände fassen. War also doch klug, da nicht mitzumachen."

"Oblate...das bringt mich auf eine Idee - sind eigentlich noch Lebkuchen da?"

"Wie kann man nur so verfressen sein? Aber gut, ich hole dir einen."

"Das ist schön! Jetzt, wo du dich so leicht fühlst, kannst du die Treppe sicherlich hoch- und runterschweben."

"Alter Zyniker."

"Danke gleichfalls."


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Kommentare: 1
  • #1

    Aspie im Labyrinth (Samstag, 03 Januar 2015 10:38)

    :-))
    Sehr gut ... YMMD

    "In der Kirche war es enttäuschend kalt." Das empfinde ich auch immer so. Selbst wenn dort gut geheizt ist...

    Das mit dem Ablegen funktioniert auch außerhalb der Kirche ( und wärmer ist's auch):
    An einem (nicht-religiösen) Sonnenwendfeuer:
    Da werfe ich immer stellvertretend für das, was ich nicht mit ins neue Jahr nehmen will, etwas hinein: Den Entwurf eines Artikels, eine Rechnung (deren Betrag ICH bekommen sollte, wo ich aber verzichte), einen Brief oder irgendwas, was ich aussortieren möchte.

    ;-)