Count on me

"Sollen wir ein bisschen fernsehen, Hexe?"

"Nein, danke."

"Warum nicht?"

"Da laufen jetzt dauernd Jahresrückblicke. Ich möchte dieses Jahr gern so schnell wie möglich vergessen."

"Na ja, okay, es war wahrscheinlich nicht das beste in deinem Leben. Aber sieh es positiv, es kann nur bergauf gehen."

"Boah - wie ich diese Sprüche hasse. Halt die Ohren steif! Wird schon wieder! Immer nach vorn schauen! Nicht den Mut verlieren! Aber weißt du was? Dieses Jahr konnte eigentlich nur in die Hose gehen. Wegen der 14."

"Hä?"

 

"2014. Ich mag die 14 nicht. 13 ist gut, das ist eine schöne Zahl, und ein Freitag der 13. beunruhigt mich überhaupt nicht. Aber 14 ist doof, fühlt sich nicht gut an und hat auch eine blöde Farbe, irgendwie pastellig. Und sie ist das doppelte von 7, und 7 ist auch nicht gut."

"Jetzt erzähl mir bloß nicht, du bist auch noch Synästhetiker!"

"Nee, nicht so richtig. Obwohl mir mal jemand gesagt hat, dass das Spruchband, auf dem ich alles, was ich sage und höre geschrieben sehen kann, auch eine Art Synästhesie ist. Nein, bei Zahlen habe ich nur ganz einfach bei manchen ein gutes Gefühl und bei anderen ein schlechtes. Richtig gut ist die 2. Und am schönsten ist die 22 - meine absolute Lieblingszahl, sie ist übrigens blau! 26 ist auch schön. Ich mag generell lieber gerade Zahlen als ungerade."

"Klingt ein bisschen schrullig."

"Glaube ich nicht. Ich weiß auch gar nicht, ob das Aspie-typisch ist. Ich vermute mal, das geht den meisten Menschen so. Hat doch fast jeder eine Lieblings- oder sogar Glückszahl."

"Stimmt. Hattest du denn mit der 22 schon mal besonderes Glück?"

"Nein, ich glaube nicht. Aber zumindest auch kein besonderes Unglück."

 

"Bist du denn abergläubisch?"

"Nicht wirklich. Früher schon ein bisschen. Aber dann ist mir was passiert, das mich davon abgebracht hat."

"Erzähl!"

"Das war kurz nach meinem Studium. Mir ging es damals ziemlich schlecht. Im Nachhinein würde ich sagen, es war eine Art Burnout. Ich hatte extreme gesundheitliche und psychische Probleme. Und bin auf die tolle Idee gekommen, an einem Automaten ein Jahreshoroskop zu ziehen."

"Und?"

"Der Automat schluckte das Geld. Und weißt du, was er ausspuckte? Nichts! Für mich war klar - das wird nix mehr! Das nächste Jahr würde dann wohl ohne mich stattfinden. Aber passiert ist gar nichts. Oder jedenfalls nichts Schlimmes. Und daran denke ich immer, wenn ich vermeintliche 'böse Omen' sehe. Allerdings bin ich auch geheilt, was 'gute Omen' angeht."

"Und wie kam das?"

"Sehr einfach. Seit ich denken kann, habe ich ein bestimmtes Datum im Jahr, das irgendwie 'besonders' ist. Ich wusste nie, wieso ich es als etwas besonderes gesehen habe. Und jedes Jahr habe ich gespannt gewartet, ob an diesem Tag etwas Tolles passieren würde."

"Na los, rück die Pointe raus."

"Gibt keine. Jedenfalls keine schöne. Ich verbinde jetzt zwar etwas mit diesem Tag, aber es ist leider eher traurig. Einfach naiv, immer zu denken, dass hinter solchen Sachen unbedingt etwas positives stecken muss. 'Magic' kann halt auch mal 'black magic' sein."

"Wie sieht es denn mit der 3 aus? Es heißt doch immer, aller guten Dinge seien drei?"

"Die 3 ist rot, und ich mag sie nicht besonders. Und im Moment schon gar nicht. In diesem Jahr haben sich drei Menschen, die mir sehr wichtig waren, auf die eine oder andere Weise aus meinem Leben verabschiedet."

"Oh Mann - wenn du eine Zahl wärst, hättest du wohl die Farbe schwarz. Und wärst mit großer Wahrscheinlichkeit negativ."

"Besten Dank."

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Aspie im Labyrinth (Dienstag, 16 Dezember 2014 20:42)

    "Der Automat schluckte das Geld. Und weißt du, was er ausspuckte? Nichts! Für mich war klar - das wird nix mehr! Das nächste Jahr würde dann wohl ohne mich stattfinden."
    Das ist wirklich ... :-))))
    Da kommt nix, dann war's das :-))) Du bist eine.

    Na dann, ich mag die IV und die XXIV
    Und: Ich habe eine Allergie gegen VII und XXI ... tja, schon komisch.