Random Beleidigungsmaschine

"Warum bist du zuhause, Hexe? Bist du krank?"

"Nein, ich nicht, aber mein Auto. Ist in der Werkstatt. Rückspiegel abgefahren."

"Oh, mal wieder mit dem Pfeiler im Parkhaus kollidiert?"

"Lustig... Nein, den hat jemand anderer abgefahren. Und hat sich nicht gemeldet."

"Dauert die Reparatur lange?"

"Glücklicherweise nicht. Heute abend bekomme ich es zurück. Ohne Auto fühle ich mich irgendwie...amputiert. Eigentlich komisch. Bis vor wenigen Jahren habe ich in einer Großstadt gelebt und brauchte kein Auto. Da waren öffentliche Verkehrsmittel ganz normaler Alltag für mich. Und dann bin ich in diesen verschnarchten Vorort gezogen und hatte keine Lust, immer ewig auf den Bus zu warten. Und jetzt bin ich süchtig."

 

"Inwiefern?"

"Na ja, meine Jobs könnte ich ohne Auto sowieso nicht machen. Aber das Auto ist für mich mehr als ein fahrbarer Untersatz. Es ist ein kleines Stück Zuhause, das ich mitnehmen kann. Wenn man sich nach einem stressigen Einkauf ins Auto setzen kann und Musik anmacht, ist das wunderbar. Wobei sich meine sporadischen Mitfahrer wahrscheinlich nicht ganz so wohl fühlen. Es ist immer ziemlich dreckig, überall liegen Parkscheine und anderer Müll, und meine Musik ist anderen immer zu laut. Aber ich mag's."

"Aber das Fahren selbst magst du nicht immer, oder? Manchmal bist du ziemlich entnervt, wenn du hier ankommst."

"Ja, stimmt schon. Autofahren ist anstrengend für mich. Ich fahre sehr ungern im Dunkeln, weil ich von Lichtern schnell geblendet werde. Auch Autobahn ist nicht so mein Ding. Beim Spurwechsel werde ich schnell hektisch. Und ich rege mich oft auf - wenn mir jemand mit seinem doofen Geländewagen an der Stoßstange klebt, wenn der Fahrer vor mir nicht blinkt oder wenn ein dämlicher Gutmensch alle Abbieger aus den Seitenstraßen reinlässt. Meine gelegentliche Beifahrerin hat mir deshalb den Spitznamen "Random Beleidigungsmaschine" gegeben. Es ist einfach schwierig für mich, über längere Zeit diese geballten Außenreize auszuhalten, ohne dabei die Konzentration zu verlieren. Als es mir sehr schlecht ging, bin ich mal bei Rot über eine Ampel gefahren. Ist nix passiert, aber das hat mir deutlich gezeigt, wo meine Grenzen sind."

 

"Wäre nicht schlecht, wenn du auch wüsstest, wo bei deinem Auto die Grenzen sind. Es hat ja doch die eine oder andere Beule..."

"Ja, das passiert, wenn ich nervös werde. Dann übersehe ich mal einen Poller oder setze zu weit zurück. Und so einen Luxus wie einen Park-Assistenten hat mein Auto nicht."

 

Hexe kramt in einem Bücherstapel.

 

"Schau mal hier - 'Das Chaos da draußen' von Lasse von Dingens. In dem Kapitel über das Autofahren habe ich meine Probleme alle wiedergefunden, sie scheinen ziemlich typisch für Aspies zu sein. Übrigens überhaupt ein sehr hilfreiches Buch für den Asperger-Alltag. Kann ich nur empfehlen. Es bringt sehr viele Widrigkeiten, mit denen man zu kämpfen hat, gut auf den Punkt."

"Habe ich längst gelesen. Nachdem ich deine Kekskrümel aus den Seiten entfernt hatte."

"Wenn du so ein Reinlichkeitsfanatiker bist, hätte ich eine schöne Aufgabe für dich. Du weißt schon, die alten Parkscheine und der ganze Müll und - "

"Nein danke. Hier, Seite 96, Kapitel 'Ordnung'. Viel Spaß beim Lesen."

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Kommentare: 2
  • #1

    talyn (Freitag, 12 Dezember 2014 19:08)

    autofahrertourette ;) so wird es bei mir genannt.
    my car is my dirty castle.
    ich spür zwar die grenzen des wagens besser als meine (vermutlich weil er vibriert und somit feedback gibt), aber ansonsten: ja.
    ich kann nur zustimmen.

    die parkassistenten bei leihwagen haben mich immer irre gemacht. die piepen.
    dann wirklich ein auto, bei dem ich die kontrolle hab..ohne tecjnische unterstützung. das hab ich gelernt, dass klappt.

  • #2

    Lohengrin (Freitag, 12 Dezember 2014 19:43)

    Es ist unglaublich, wie sehr Du mir aus der Seele sprichst. Alles, was Du hier schreibst, trifft auch auf mich zu. Naja, fast alles. Die Musik mache ich beim Fahren nicht ganz so laut.