Keine Kleinigkeit: Smalltalk und seine Folgen

"Hey, Hexe - die Heizung funktioniert wieder! Wir sind gerettet!"

"Yep, der Handwerker war da. Es war glücklicherweise nur der Brenner, den konnte er sofort austauschen."

"Oh oh, lass mich raten: Du musstest Smalltalk mit ihm halten! War es sehr schlimm?"

"Es geht. Ich habe mir im Laufe der Zeit verschiedene Strategien für Plaudereien zurecht gelegt. Bei Handwerkern klappt es oft sogar am besten."

"Und wie sieht die Handwerker-Stragie aus?"

"Also, man beginnt damit, sich ausgiebig zu bedanken, dass der freundliche Mensch die Zeit gefunden hat, zu kommen. Das ist natürlich besonders wichtig, wenn es sich, wie bei der Heizung, um einen Notfall handelt. Während er die Verkleidung vom Heizkessel abmontiert hat, haben wir dann über die frostigen Temperaturen gesprochen. Und wenn es dann so weit ist, dass die Reparatur losgeht, wird es einfach: Dann lasse ich mir nämlich das technische Innenleben des Gerätes erklären. Dabei muss ich selbst nicht mehr viel sagen, und der Mann fühlt sich geschmeichelt, weil er mit seinem Wissen glänzen kann. Ich mache dann große Augen, nicke verständnisvoll und behalte es für mich, dass alle seine Kollegen vor ihm mir die technischen Details bereits so ausgiebig erklärt haben, dass ich den nächsten Defekt eigentlich selbst reparieren können müsste. Am Ende sind alle zufrieden. Kritisch wird dann nochmal das Aushändigen des Trinkgeldes, weil ich mir dabei dämlich und gönnerhaft vorkomme. Und wenn der Handwerker dann das Haus verlässt, bin ich schweißgebadet, aber höchst erleichtert."

 

"Klingt nach einer hart erarbeiteten Taktik."

"So ist es. Ist aber universell einsetzbar. Funktioniert bei der kaputten Waschmaschine genausogut wie beim Schornsteinfeger oder Fliesenleger. Meine Lieblingshandwerker sind die, von denen ich bereits weiß, dass sie eine oder mehrere Katzen haben.Das ist immer ein gutes Thema. Smalltalk beim Tierarzt ist deshalb auch kein Probem, da hat man immer eine gemeinsame Basis."

"Toll. Hört sich so an, als hättest Du das Problem gut im Griff."

"Nein, nicht wirklich. Das alles ist ja geplanter Smalltalk. Bei spontanen Einsätzen wird es oft quälend. Mitteilungsbedürftige Leute im Fahrstuhl oder im Supermarkt oder im Wartezimmer können mich schnell aus der Fassung bringen. Und selbst bei vorhersehbarem Smalltalk kann es unerwartete Probleme geben. Ich wollte einem Freund mal zeigen, wie gut ich diese überflüssigen Gespräche drauf habe. Wir sind in einen Blumenladen gegangen und haben dort etwas gekauft. Ich habe artig über das Wetter geredet und die Verkäuferin bemitleidet, wie viel sie zu tun hat. Dazu lautet mein Standardsatz: 'Ihnen wird hier aber sicher auch nicht langweilig, was?' So weit so gut, alles lief nach Plan."

"Und dann?"

"Dann gab es einen Kundenstau am Verpackungstisch und Probleme mit dem Kartenlesegerät. Und ich war mit meiner Weisheit am Ende. Mir fiel absolut gar nichts mehr ein. Und mein Freund stand grinsend dabei und hatte seinen Spaß."

 

Tja, und da wundern sich manche Leute, warum für Asperger der Alltag so anstrengend ist. Ich glaube, Hexe schreibt lieber einen mehrseitigen Text, als drei Sätze mit den Nachbarn zu wechseln. Was für andere eine nette und vielleicht sogar willkommene Abwechslung ist, ist für sie harte Arbeit.

 

"Weißt du, was am schlimmsten ist, MinDrago? Wenn man bei diesen Gesprächen unabsichtlich ins Fettnäpfchen tritt. Ich habe mal einen Vortrag über meine Meinung zu Waldorf-Pädagogik und ihre Rolle im Dritten Reich gehalten. Und das Gegenüber hatte alle seine Kinder auf einer Waldorfschule. Ich kann oft nicht abschätzen, was man wann sagen und wie weit man dabei gehen darf. Und wenn mir was Peinliches passiert, weiß ich nicht, wie ich aus dieser Situation wieder herauskomme. Da muss ich immer an einen politisch völlig unkorrekten Witz aus meiner Kindheit denken. Zwei Mütter auf dem Spielplatz. Sagt die eine: 'Boah, haben Sie das Kind mit dem Wasserkopf gesehen?' Sagt die andere: 'Ja, das ist meins.' Und darauf die erste: 'Steht ihm aber gut.'"

"Hexe - Behindertenwitze aus deinem Mund?"

"Bin ja selbst behindert. Da darf ich das. Das allerwichtigste beim Smalltalk habe ich inzwischen aber drauf: NIEMALS ehrlich auf die Frage antworten, wie es mir geht. Da habe ich früher manchmal erlebt, dass dem Gesprächspartner nach einem spontanen medizinischen Vortrag dann doch irgendwann die Gesichtszüge entgleist sind. Und ich selbst habe mich hinterher gefragt, ob eine entfernte Bekannte wirklich das Innenleben meiner Schilddrüse oder die Schwere meiner Depression kennen sollte. Man lernt nie aus. Also immer schön lügen oder wenigstens verschweigen."

"Gute Idee. Du weißt ja: Si tacuisses phlisophus mansisses."

"Yep! Stammt der Spruch von einem Asperger?"

"Weiß ich nicht. Er ist von Boethius, einem römischen Gelehrten aus dem sechsten Jahrhundert. Keine Ahnung, ob er Asperger war. Er wurde als Hochverräter verurteilt und hingerichtet."

"Na, das spricht ja durchaus für die Asperger-Theorie. Mich sieht der eine oder andere im Geiste sicher auch oft auf dem Scheiterhaufen. Asperger und beliebt sein ist schwierig."

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    AiL (Montag, 01 Dezember 2014 14:19)

    "...Mich sieht der eine oder andere im Geiste sicher auch oft auf dem Scheiterhaufen. Asperger und beliebt sein ist schwierig." Jetzt, wo Du's sagst, da könnt' was dran sein ... :-D hängt aber auch davon ab, welche Rollen man/frau gut einstudiert hat.

    Ach ...
    ... eine Frag hätt' ich noch:

    "Si tacuisses phlisophus mansisses."
    Und? Was haben wir hier? Warum steht da der Konjunktiv?


    :-)))

  • #2

    intelligenzbestie (Montag, 01 Dezember 2014 16:42)

    Ganz klar - Irrealis!

  • #3

    AiL (Montag, 01 Dezember 2014 21:01)

    Puh, wir verstehn uns!

    :-)