Dunkelgrauer Faden

"Du, Hexe?"

"Ja?"

"Du solltest mal wieder was für dein Blog schreiben."

"Mir fällt nichts Lustiges ein."

"Mh, ich glaube nicht, dass das ein echtes Gegenargument ist. Wirklich lustig waren deine letzten Beiträge ja sowieso nicht. Eigentlich wundert es mich, dass überhaupt so viele Menschen deine Texte regelmäßig lesen. Die sind ja oft eher eine Anleitung zum Unglücklichsein."

"Das könnte daran liegen, dass viele meiner Leser ähnliche Probleme haben. In meiner Timeline bei Twitter gibt es nicht wenige, die offensichtlich mit dem Thema Depressionen sehr viel besser vertrauter sind als ihnen selbst lieb ist."

"Alles Autisten?"

"Nein. Aber sehr viele. Untersuchungen haben ergeben, dass etwa ein Drittel aller Asperger eine 'echte', also eine klinisch bedeutsame Depression aufweisen."

"Warum? Weil das Leben als Asperger oft so scheiße ist?"

"Etwas rustikal formuliert, aber nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Anstrengungen, die ein Asperger aufbringen muss, um in seiner Umwelt zurechtzukommen, rufen oft eine Art geistiger Erschöpfung hervor. Und die Misserfolge dabei fördern ein geringes Selbstwertgefühl. Auch Einsamkeit und Mobbing und eine generell eher pessimistische Grundeinstellung bieten einen guten Nährboden für Depressionen."

"Seit wann kämpfst du denn damit?"

"Schon lange. 'Kämpfen' ist übrigens ein treffender Ausdruck. Es ist wie ein ständiger Kampf gegen innere Dämonen. Ich glaube rückblickend, dass ich schon als Kind depressiv war. Das äußerte sich aber anders als heute. Ich hatte Angst vor dem Alleinsein, hatte unklare Bauchschmerzen und Alpträume. Richtig schlimm wurde es nach der Pubertät. Und die heftigste Phase hatte ich während des Studiums, nach einer schlimmen Trennung. Damals habe ich zum ersten Mal Hilfe gesucht. Leider bei einem ziemlich unfähigen Neurologen, der von 'Krokodilstränen' sprach und mich wegschickte. Und nachdem ich von meiner Mutter all die Jahre zuvor auch schon gehört hatte, wenn ich mich nur ordentlch 'zusammenreißen' würde, käme alles wieder ins Lot, war ich danach davon überzeugt, dass ich einfach ein weinerliches Weichei bin. Schon blöd. Wenn ich kompetente Hilfe bekommen hätte, wäre vielleicht vieles anders gelaufen."

 

"Aber irgendwann wurde es ja dann diagnostiziert, oder?"

"Ja. Aber erst, als auch noch eine Angststörung dazu gekommen war, die meinen Alltag derart einschränkte, dass klar war: Da stimmt was nicht. Diesmal hatte ich einen besseren Arzt und habe Psychotherapie bekommen. Und Medikamente, einen Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, SSRI."

"Und das hat geholfen?"

" Die Therapie nicht so sehr, aber das Medikament. Ich habe zwar fünf Kilo zugenommen, konnte aber wieder meinen Alltag bewältigen. Dann musste ich das Medikament absetzen, weil es meinen Augendruck erhöht hat. Und ich dachte auch, ich bräuchte es nicht mehr."

"War aber nicht so, oder?"

"Nein, leider nicht. Die Depression war nicht weg. Sie wird niemlas weggehen. Wenn mein Leben einigermaßen stabil ist, geben die Dämonen über längere Zeit Ruhe. Aber die Depression ist immer da, wie ein grauer Faden, der mitläuft. Und bei der kleinsten Unebenheit verwickelt sich der Faden, bildet ein Knäuel und bringt dich ins Stolpern."

"So wie jetzt?"

"Das ist diesmal kein Knäuel, sondern eher ein gigantischer Berg. So heftig war es noch nie. Deshalb musste auch das SSRI wieder sein."

"Und die Nebenwirkungen?"

"Die Gewichtszunahme, die diesmal allerdings auf sich warten lässt, wäre ausnahmsweise ein positiver Nebeneffekt, weil ich so extrem abgenommen habe. Und den erhöhten Augendruck muss ich in Kauf nehmen. Ein Abwägen der Vor- und Nachteile. Ein guter Augendruck nutzt dir nichts, wenn du tot bist."

"Oh - das kingt aber drastisch."

"Ja. Aber so ist es nun mal. Eine schwere Depression löst eben auch Suizid-Gedanken aus. Wäre unehrlich, das zu verschweigen. Depression ist keine Verstimmung oder Traurigkeit, sondern eine knallharte Krankheit."

"Du - Hexe? Du würdest mich aber doch niemals allein lassen, oder?"

"Nein. Keine Sorge. Die Zwei- und Vierbeiner, die von mir abhängig sind, wirken mindestens so gut wie das SSRI."

"Puh, da bin ich aber froh! Und was ist jetzt mit dem Beitrag für dein Blog?"

"Ich denke drüber nach."

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Kommentare: 4
  • #1

    Aspie im Labyrinth (Sonntag, 23 November 2014 18:38)

    Hmmm ... es gibt da nicht nur dunkelgrau Fäden.

    Es gibt auch rote.

    Die einem den Weg durch das Labyrinth weisen.

    Wenn ich mal ein rotes Fadenende zu greifen bekomme, dann werde ich es nicht mehr loslassen. Bis ich draußen bin, dem Labyrinth entkommen.

    Du kannst Latein? Also, dann eine kleine Gute-Nacht-Geschichte zu den anderen, ungrauen Fäden:

    Der Minotaurus, halb Mensch, halb Stier, verlangt danach, die Söhne und Töchter der Athener zu fressen. Doch der furchtlose Theseus schleicht sich auf das Schiff, das die nächste Ladung Kinder zu dem Unwesen bringen soll. Die Königin Ariadne erfährt von dem Mut unseres Helden:

    Ariadna, filia Minois, statim Theseum amavit.
    Ariadna putat: "Theseus mihi iuvandus est !"
    Cum quo Theseus introisset et Minotaurum interfecisset,
    Ariadnes monitu licium revolvendo foras est egressus,
    eamque, quod fidem ei dederat,
    in coniugio secum habiturus avexit.

  • #2

    W. (Dienstag, 25 November 2014 18:46)

    Kann ich zu 100% nachempfinden.
    Wobei ich die Analogie des grauen Fadens eher nicht so passend finde. Ich würde es eher als eine riesige Fläche mit grauem Matsch beschreiben. Mal ist er eher trocken und fest, dann kommt man halbwegs voran beim Gehen. Dann kommt ein zäher und klebriger Abschnitt, wo man bis zu den Knöcheln einsinkt. Und es kann auch so schlimm werden, dass man versucht durch hüfttiefen Schlamm zu waten, bis man keinerlei Energie mehr hat und denkt "einfach stehen bleiben und versinken - bringt ja doch nichts...."

  • #3

    Magister (Sonntag, 30 November 2014 17:52)

    Ariadne, die Tochter des (Königs) Minos, verliebte sich sogleich in Theseus.
    Ariadne dachte bei sich: "Ich muss Theseus helfen und ihm den Eingang zum Labyrinth zeigen!"
    Nachdem Theseus durch den Eingang eingetreten war und den Minotaurus getötet hatte, war er auf Mahnung der Ariadne durch das Aufwickeln des Fadens nach draußen gelangt und hat sie, da er ihr ein Versprechen gegeben hatte, mit sich genommen, um mit ihr die Ehe zu schließen.

  • #4

    Leni (Freitag, 19 Dezember 2014 00:34)

    W., so habe ich es immer beschrieben ohne irgendwas von Asperger zu wissen. Ganz langsam wird mein Matsch fester ... jedenfalls im Moment...