Wanted: Selbstbestimmung

"Weißt du, was richtig schlimm ist, MinDrago?"

"Ja, klar. Joghurt-Schokolade. Das Lied 'In der Weihnachtsbäckerei'. Leute, die bei jedem Mist mitklatschen. Karneval. Einladungen zum Brunch. Und natürlich - "

"Schon gut! Es war eine rhetorische Frage! Ich versuche es nochmal: Ich möchte dir gern mitteilen, was für mich richtig schlimm ist."

"Oh - okay..."

"Mein fehlendes Gefühl für mich selbst. Damit meine ich jetzt nicht, dass ich mir dauernd Zehen und Ellbogen stoße, sondern dass ich keinen...inneren Standpunkt habe. Dass mir der Halt fehlt, wenn es um meine Gefühle und Entscheidungen geht."

 

Das klingt kompliziert. Hexe arbeitet seit Wochen an irgendeinem schlimmem Problem herum. Ich werde mal gut zuhören.


"Ich habe ja erst sehr spät von meinem Asperger erfahren. Ich hatte mein Leben lang immer wieder das Gefühl, 'falsch' zu sein. Falsch zu empfinden, falsch zu entscheiden und zu handeln und falsch zu reagieren. Meine Taktik war die völlige Anpassung. Wenn man der Fachliteratur glaubt, ist das ja nicht ungewöhnlich. Das Problem ist aber, dass ich dabei verlernt - oder vielleicht auch niemals gelernt - habe, was ich selbst will, was gut und richtig ist. Ich war immer auf andere angewiesen, in fast allen Lebensbereichen. Seltsamerweise ist es für mich leichter, wenn es darum geht, was für andere richtig ist. Ich habe keine Probleme, meine Meinung zu äußern, wenn anderen Schaden zu gefügt wird. Wenn jemand sein Kind schlägt, seinen Hund tritt oder miese Sprüche über Schwule macht, stehe ich sofort Gewehr bei Fuß. Und wenn einem Freund oder gar meiner Lieblings-Aspine Unrecht widerfährt, bin ich zur Stelle und ziehe mit Fanfaren-Getöse in den Kampf."

"Und bei dir selbst funktioniert das nicht?"

"Nein. Oder nur sehr selten. Wie du vielleicht gemerkt hast, ist in meinem Leben vor einiger Zeit eine Art Bombe explodiert."

"Hexe - das hat wohl jeder gemerkt, der deine Website regelmäßig liest und nicht mit völliger Ignoranz geschlagen ist."

 

"Ja. Mein ganzes bisheriges Leben ist nach der Explosion zusammengebrochen, alle Strukturen sind weg. Ist keine Kleinigkeit. Und dabei hat sich gezeigt, dass ich total außerstande bin, zu beurteilen, was davon meine Schuld ist und was vielleicht andere verbockt haben. Ich irre in Gedanken von einer Möglichkeit zur anderen. Und am Ende bleibe ich immer auf einem Haufen von Schuldgefühlen sitzen, weil ich denke, dass ich mal wieder alles falsch gemacht habe. Und dass ich selbst Schuld daran bin, dass nun wirklich so ziemlich alles in Trümmern liegt."

"Was ist mit Hilfe und Unterstützung von Außen?"

"Macht die Sache noch komplizierter. Meine Freunde sind nicht objektiv, ist ja klar. Also habe ich mir Hilfe bei professionellen Beratern gesucht."

"Und was haben die gesagt?"

"Die haben in erstaunlicher Übereinstimmung gesagt, dass ich nichts falsch gemacht habe, sondern dass mir etwas ziemlich Übles passiert ist."

"Na, siehst du! Da hast du doch eine Orientierungshilfe."

"Leider nicht. Ich denke dann, dass ich meine Geschichte vielleicht nicht genau genug geschildert habe. Ich kann ja nicht objektiv sein, wenn ich selbst so tief drinstecke."

"Och Hexe, das ist ja ein Teufelskreis."

"Und es wird noch schlimmer - denn da sind ja auch noch die verdammten Gefühle, sehr heftige Gefühle. Und dann sitze ich da und weiß nicht mehr vor und nicht zurück. Und manchmal denke ich dann, ich habe es jetzt begriffen, dann handle ich. Und danach kommen die Zweifel zurück und ich bereue mein Handeln zutiefst, weil ich dieses Mal beim Grübeln zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen bin. Oder ich kann die Reaktionen nicht ertragen, die mein Handeln auslöst. Der eine sagt 'Super, das hast du genau richtig gemacht!' oder vielleicht sogar 'Das war deine Pflicht, so zu handeln'. Und dann entfolgt dich deshalb jemand auf Twitter, auf dessen Urteil du Wert legst, und dann fühlst du dich wie ein mieses Verräterschwein und klappst zusammen."

 

"Hexe - das klingt für mich nach dem übelsten Gedankenkarussell, von dem ich je gehört habe. Kein Wunder, dass du total paralysiert bist."

"Ja. Und ich bin wütend. Wütend darüber, dass ich so unfähig bin. Und wütend, dass immer noch, auch heute, vielen Autisten das Gefühl vermittelt wird, 'falsch' zu sein. Damit nimmt man einem Menschen ein echtes Grundrecht - nämlich das Recht darauf, Selbstbestimmung nicht nur für sich zu fordern, sondern diese Selbstbestimmung überhaupt erst einmal erlernen zu können. Dieses verdammte 'Pass dich an!' bei Autisten ist genauso scheiße wie das 'Reiß dich zusammen' bei Depressiven. Ich säße bestimmt nicht so unwiderruflich in diesem höllischen Gedankenknast fest, wenn ich gelernt hätte, selbst zu entscheiden, was gut und richtig ist. Und zwar nicht für andere, sondern für mich!"

"Klingt vernünftig."

"Ja, ganz besonders, wenn man bedenkt, dass Asperger-Autisten ja wohl ohnehin eine ganz heftige Neigung zum Gedankenkarussell haben. Tony Attwood beschreibt die Posttraumatische Belastungsstörung, die bei Aspergern sehr viel schneller und durch weniger gravierende Ereignisse ausgelöst werden kann als bei Ntlern:

 

Die Person kann immer wiederkehrende Erinnerungen des traumatischen Ereignisses haben, die sie nur schwer 'wegdrücken' kann. Ein Jugendlicher mit Asperger-Syndrom beschrieb mir, dass er sich innerlich wie in einem Streit mit diesen ständigen Gedanken [...] befinde. [...]. Das ursprüngliche Ereignis war offensichtlich traumatisch, doch die ständig wiederkehrenden Gedanken darüber sorgen dafür, dass die Person auch die damit verbundenen Gefühle der Angst und des Leidens immer wieder durchlebt.

(s. Attwood, Ein ganzes Leben mit dem Asperger-Syndrom, TRIAS 2008, S. 175)


"Hey, Hexe - kennt Tony Attwood dich persönlich? Klingt wie die perfekte Beschreibung deiner momentanen Situation. Und die PTSD-Diagnose hast du ja wohl auch bekommen."

"Nein, Attwood bezieht sich hier auf einen Fall besonders bösartigen Bullyings. Und bei mir war es etwas anderes. Noch Komplizierteres. Ich wünschte fast, es wäre dabei mehr Bösartigkeit im Spiel gewesen, das würde die Sache wahrscheinlich einfacher machen."

"Ach Hexe, lass uns doch wenigstens heute das blöde Karussell mal anhalten. Wir ziehen den Stecker raus, du legst deine doofen Schuldgefühle auf Eis und wir verdrücken ein ebensolches mit viel Schokoladensauce. Ohne Verschnaufpause gehst du noch vor die Hunde."

"Klingt gut. Und dazu backen wir Waffeln und gucken einen alten Film.Wie wäre es mit Billy Wilders 'Avanti'? Den liebe ich einfach."

"Gebongt! Du holst das Eis und die Waffeln, ich hole den Film und die Kater."

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Aspie im Labyrinth (Samstag, 15 November 2014 17:36)

    Avanti, avanti, avanti.
    Hmmmm, Ok....

  • #2

    LaViolaine (Samstag, 15 November 2014 17:41)

    Spricht mir absolut aus der Seele. Genau diese Problematik beschäftigt mich derzeit ebenfalls und hab ich selbst erst vor 2 Tagen verbloggt.
    Ich finde es traurig, wenn Menschen darum kämpfen müssen, dass auch ihre Wahrnehmungen und Meinungen anerkannt werden.
    Es ist leider viel zu einfach, Menschen die nicht so viel Selbstvertrauen in die eigene Persönlichkeit haben, unterzubuttern.