Diskretion & Depression

"Du lieber Himmel - was wird das, MinDrago?"

"Ich versuche, auf dem Kamm einen Tusch zu blasen!"

"Oh. Das klingt nach einem neuen Spitzenreiter auf der Liste deiner skurrilsten Tätigleiten. Hitverdächtig. Was genau ist der Anlass für diesen musikalischen Hochgenuss?"

"Du hast nach drei Tagen das erste Mal freiwillig das Haus verlassen! Wenn das kein Grund zum Feiern ist!"

"Ich muss dich leider enttäuschen, MinDrago. Das war nicht freiwillig. Ich musste in die Apotheke."

 

Hätte ich mir denken können. Wäre auch verwunderlich gewesen, wenn Hexe aus dem Keller ihrer Depression ins pralle Leben durchgestartet wäre. Und so, wie sie schaut, war selbst dieser kleine Ausflug nicht gerade ein Gute-Laune-Knaller.

 

"Lass mich raten - die Apotheke hatte Ruhetag."

"Nein, leider nicht. Wäre vielleicht besser gewesen."

"Was ist passiert?"

"Meine Stamm-Apotheke ist umgezogen. Vorher hatten die so eine kleine Theke mit Einbuchtungen, da passte immer genau ein Kunde rein. Und jetzt sind die Einbuchtungen viel größer. Während ich da stand und darauf wartete, dass das lustige neue Transportsystem, das mich immer verdächtig an 'Lemmi und die Schmöker' erinnert, mein Medikamnet ausspuckt, habe ich der Apothekerin einen kleinen Vortrag über Privatsphäre und Diskretion gehalten. Und genau während dieses Vortrags kam eine dicke Frau, quetschte sich neben mich, warf drei Pakete Hustenbonbons auf die Theke und schielte auf mein Rezept. Und als ich daraufhin meine Rede noch etwas intensiviert habe, war sie sauer, trat demonstartiv einen Schritt zurück und trompete beleidigt durch den ganzen Raum, sie habe nicht stören wollen."

"Oh oh."

"Ja, genau. Daraufhin schauten natürlich alle anderen Kunden zu mir rüber, um festzustellen, was ich da wohl Peinliches kaufe. Ich nehme an, dass die ersten Wetten abgeschlossen wurden, ob es sich um ein Mittel gegen Fußpilz oder vielleicht Hämorrhoidensalbe handelt. Und die Apothekerin setzte dann noch einen drauf, indem sie mich, ebenfalls gut vernehmlich, darauf hinwies, dass sie für intimere Gespräche einen Raum im hinteren Bereich der Apotheke hätten. Ich war versucht, mir die Papiertüte, in der sich übrigens lediglich ein Schilddrüsenmedikament und Handcreme befanden, über den Kopf zu stülpen."

 

"LOL. Ich finde, diese Geschichte hätte eigentlich doch einen Tusch verdient. Du und deine Grundsatzreden..."

"Pff. Ich werde mich jetzt wieder aufs Sofa setzen und aus dem Fenster starren. Das ist deutlich weniger aufreibend. Und guck mich nicht so böse an, MinDrago. Ich habe in den letzten Wochen mein ganzes Leben in Klump gehauen. Da habe ich ein gutes Recht auf Depressionen."

"Schon. Aber du hast es ja nicht ganz allein gemacht."

"Mag sein. Aber der fleißige Mitarbeiter an dem Projekt hat leider fristlos gekündigt. Und Hospitalismus macht ja auch nur allein so richtig Spaß, oder? UND LEG SOFORT DEN VERDAMMTEN KAMM WEG!!!"

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Aspie im Labyrinth (Mittwoch, 24 September 2014 20:07)

    Ich weiß nicht ob ich :-D oder :-(( soll.

    Doch an so einem Labyrinth-Tag - und kein roter Faden in Sicht - ist das ein netter Start in den Abend. Aber ... eine Frage, eine Frage hätt' ich doch:

    "Ich war versucht, mir die Papiertüte, in der sich übrigens lediglich ein Schilddrüsenmedikament und Handcreme befanden, über den Kopf zu stülpen."

    Warum in aller Welt heißt es "mir" ? Müsste es nicht in einer der Situation angemessenen Aktion Deinerseits in der späteren Rückschau heißen "ihr" ?

    Damit entlässt sich in den Abend
    Aspie im Labyrinth