Zynismus unter Plastikpalmen

Hexe hat ihre Wochenendaufträge erledigt und losgeschickt und sieht nun versonnen aus dem Fenster.

 

"Woran denkst du, Hexe?"

"An Schlager."

"Wie bitte? Ist das dein Ernst?"

"Ja. Ich musste gestern über eine große Schlagerparty berichten. Ein Alptraum. Eine umfunktionierte Turnhalle mit Plastikpalmen und Lichtorgel. Lauter blondierte Damen im Minirock und Männern mit Gelfrisur in Hemd und Sakko. Und Endlosmusik über unendliche Liebe und Sonnenuntergänge an südlichen Stränden."

"Klingt scheußlich."

"Ja, war es auch. Ich war erfüllt von Abscheu. Aber nachdem ich mir das eine Stunde lang angeschaut und mit ein paar Leuten gesprochen hatte, machte sich noch ein anderes Gefühl in mir breit."

"Imperativer Brechreiz?"

"Nein. Neid."

 

Oh Gott - Hexe geht es noch schlechter als ich dachte! Sie spricht weiter.

 

"Die Leute hatten einfach Spaß. Haben getanzt und gefeiert und jedes Lied mitgesungen. Sie wirkten so...glücklich. Ist doch eigentlich egal, was einen glücklich macht, oder? Ist doch nur entscheidend, dass man Glück empfindet. Ich glaube, wenn man ein bisschen einfacher gestrickt ist, ist es vielleicht leichter, glücklich zu sein. Und das wäre ich auch gern."

"Aber Hexe, du bist doch auch nicht immer so unglücklich wie im Moment."

"Nein. Vor kurzem war ich noch so glücklich wie nie vorher in meinem Leben. Aber es ist so erschreckend einfach, mich tief unglücklich zu machen.Und da wünschte ich mir halt, dickere Mauern zu haben, einen besseren Schutzpanzer."

 

Ja, das ist verständlich. Ich versuche vergeblich, mir Hexe bunt geschminkt in Westernstiefelchen vorzustellen, wie sie zu "Sie liebt den DJ" tanzt. Funktioniert nicht. Das Bild in meinem Kopf bleibt bei schwarzen Klamotten, Augenringen und Amy Winehouse stecken.

 

"Das wäre nicht das richtige für Dich, Hexe. Dein Paralleluniversum ist ein anderes, eines ohne aufblasbare Palmen und 'Shangri La'."

 

Hexe seufzt.

 

"Na, wie man es nimmt. Pappkulissen und Herzschmerz hat mein Leben auch zu bieten. Und wenn ich eine Panikattacke bekomme, klappt es auch wunderbar mit dem 'Atemlos durch die Nacht'."

"LOL. Mit deinem Zynismus würdest du auf jeder Schlagerparty nach fünf Minuten gelyncht."

"Wäre immerhin mal eine Abwechslung zur Hexenverbrennung, die mir fast täglich verklausuliert angedroht wird."

"Na ja, das ist dann wohl eher die Wahl zwischen Pest und Cholera."

"Ich nehm beides."

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Aspie im Labyrinth (Sonntag, 14 September 2014)

    "...Ist doch eigentlich egal, was einen glücklich macht, oder? Ist doch nur entscheidend, dass man Glück empfindet. Ich glaube, wenn man ein bisschen einfacher gestrickt ist, ist es vielleicht leichter, glücklich zu sein. Und das wäre ich auch gern."
    "Aber Hexe, du bist doch auch nicht immer so unglücklich wie im Moment."
    "Nein. Vor kurzem war ich noch so glücklich wie nie vorher in meinem Leben. Aber es ist so erschreckend einfach, mich tief unglücklich zu machen. Und da wünschte ich mir halt, dickere Mauern zu haben, einen besseren Schutzpanzer."

    *sniff*

    das wünsch' ich mir auch hin und wieder mal: einfach gestrickt sein. bestimme Fernsehsendungen zum Johlen finden, rein in die Disco, egal was der Arzt sagt, alles bunt und soft und toll finden, ach jaaaaa.

  • #2

    Katha (Freitag, 19 September 2014 19:01)

    Das mit dem einfach gestrickt habe ich auch oft gedacht, aber ich glaube es stimmt nicht. Die Probleme sind dann einfach andere. Aber für die Person nicht weniger schlimm. Schlagerpartys, Discos & Co. sind auch nur Ablenkung und sagen nichts darüber aus, wie glücklich die Menschen dort wirklich sind. Es ist alles Show.

    "Vor kurzem war ich noch so glücklich wie nie vorher in meinem Leben. Aber es ist so erschreckend einfach, mich tief unglücklich zu machen. Und da wünschte ich mir halt, dickere Mauern zu haben, einen besseren Schutzpanzer."
    Es erschrickt mich. Hab nen Monat nicht mehr hier gelesen, nun hole ich grade einige Beiträge nach und habe langsam das Gefühl, du berichtest aus meinem Leben. Wie tust du das?

  • #3

    intelligenzbestie (Freitag, 19 September 2014 19:18)

    Katha: Vielleicht sind wir soulmates.