Vergebliche Vorwarnung

Hexe sitzt am Schreibtisch. Nach der üblichen zweistündigen Schreibblockade, mehreren Tassen Kaffee, aus dem Fenster starren und einer Rauchpause hat sie nun wohl ihren Artikel zusammengestoppelt und schickt ihn an die Redaktion. Ja - da drückt sie gerade die Sendetaste. Mit ein bisschen Glück darf man sie jetzt ansprechen.

 

"Hexe?"

"Mh?"

"Ich habe ein neues Buch. 'Die vielen Farben des Autismus'. Im Kapitel 'Besonderheiten des autistischen Denkens' steht unter anderem auf der Liste: 'Mangelnde Flexibilität durch Verhaftetsein auf einen einmal eingeschlagenen Lösungsweg oder auf eine ganz bestimmte Erwartung.' Kommt dir das bekannt vor?"

"Willst du mir was sagen?"

"Naja, klingt doch stark nach deinem beliebten Mit-dem-Kopf-vor-Wand-Laufen."

"Ja, mag sein. Nutzt mir aber auch nichts. Solange da nicht gleich die Patentlösung mitgeliefert wird."

"Aber vielleicht nutzt es den Leuten, die mit dir zu tun haben. Damit sie dich besser verstehen."

 

"Haha, sehr lustig. Das kannst du vergessen. Da kannst du zigmal sagen, dass du anders tickst. Wenn du dich dann 'merkwürdig' verhältst, haben sie das längst vergessen. Kennst du die Zeilen aus dem Lied 'Demons', das dauernd im Radio läuft? 'Don't get too close, it's dark inside. That's where my demons hide.'"

"Ja, kenne ich. Da muss ich auch immer an dich denken."

"Vielen Dank. Jedenfalls habe ich damit mal jemanden davor gewarnt, dass ich nicht immer die toughe Aspergerin bin, der man nix anmerkt und die ihr Leben so toll unter Kontrolle hat. Sondern dass ich für diese Außenwirkung ständig meine persönlichen Dämonen wie Angst und Depression unter Kontrolle halten muss. Noch viel deutlicher kann man wohl niemanden warnen, oder?"

"Und?"

"Als mir das Wasser dann bis zum Hals stand oder eigentlich sogar noch höher und ich nicht mehr tough war, sondern verzweifelt und konfus, hat die Person sich verachtungsvoll abgewendet und mich mit den Biestern allein kämpfen lassen."

 

"Ich könnte kotzen. Im Strahl."

Hexe guckt entsetzt.

"MinDrago! Gossensprache? Bin ich nicht von Dir gewohnt."

"Sorry, aber das war auch ein Zitat, wenn auch ein hässliches. Und etwas anderes fällt mir dazu auch nicht ein. Dann hast du wohl recht. Dann nützt eine Vorwarnung oder Aufklärung wohl wirklich nicht viel. Vielleicht war dem Betreffenden nicht klar, dass Asperger wirklich anders sind."

"Grmpf."

"Wie bitte?"

"Ach nichts. Ja, vielleicht, kann sein. Oder er hat seine eigenen Dämonen."

"Jetzt guck doch nicht so traurig. Das schaffst du auch allein - du bist ja kampferprobt. Komm, wir lesen das neue Buch gemeinsam. Vielleicht lernen wir noch was Neues über uns."

"Genau. Das dann niemanden außer uns interessiert."

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Kommentare: 3
  • #1

    Mela (Montag, 01 September 2014 02:49)

    Kenn ich nur zu gut. Danke fürs Aufschreiben.

  • #2

    intelligenzbestie (Montag, 01 September 2014 09:08)

    Danke! Tut gut, zu wissen, dass man nicht allein ist.

  • #3

    Katha (Freitag, 19 September 2014 18:37)

    Danke für diesen Text. Es überrascht mich immer wieder, wie gut andere Leute das beschreiben, was ich selber erlebe und fühle. Es macht die eigene Wahrnehmung realer (wenn es andere ebenfalls so erleben, kann es so unrealistisch nicht sein) und gleichzeitig zeigt es, dass eigene Probleme welche sind, mit denen auch tausend andere kämpfen müssen. Keine riesigen unüberwindbaren Monster, sondern alltägliche Dinge. Vielleicht nicht alltäglich für den Durchschnittmenschen, aber für "uns" (auch wenn ich Verallgemeinerungen nicht mag, so weiß ich grad nicht, wie ich es besser ausdrücken soll). Also danke nochmal, nicht nur für diesen Text, auch für alle anderen Blogeinträge. Sie sind super!