Trapped!

"Hexe, hast du Lust, mit mir was zu lesen?"

"Nein. Bin beschäftigt."

 

Beschäftigt? Hexe liegt seit einer geschlagenen Stunde auf dem Bett, abwechselnd mit und ohne Ohrstöpsel, und starrt an die Decke. Kann man auch mit viel gutem Willen nicht wirklich als Beschäftigung bezeichnen. Ich frag mal nach.

 

"Womit bist du beschäftigt?"

"Ich fahre Karussell."

"Häh? Hast du was getrunken oder was meinst du damit?"

"MinDrago, du weißt genau, dass ich nie Alkohol trinke. Ich fahre Gedankenkarussell."

"Macht das Spaß?"

"Nein."

"Dann lass es doch."

"Geht nicht. Finde den Ausstieg nicht."

"Könntest du bitte aufhören, so kryptisch daher zu reden? Ich verstehe kein Wort."

 

"Ich komme oft nicht aus bestimmten Gedankenschleifen heraus. Manchmal ist es etwas Harmloses, ein Wort, ein Name oder so was, der in meinen Gedanken dann ständig im Hintergrund läuft, wie ein Schluckauf. Aber oft ist es auch ein Konflikt, der mich nicht loslässt. Je näher mir die Sache geht, desto hartnäckiger ist es. Eine Art Kopfknast."

"Lass mich raten: Diesmal ist es nicht harmlos."

"Yup. Ich kann es nur ganz schwer ertragen, wenn man mir etwas übel nimmt. Das ist besonders schlimm bei Menschen, die mir nah stehen. Oder von denen ich zumindest dachte, dass sie mir nah stehen. Und richtig quälend ist es, wenn mir derjenige nicht sagt, was er mir verübelt. Einfach den Kontakt abbricht. Mich blockiert."

"Das hat wohl niemand gern."

"Ja, aber andere geben irgendwann auf. Mein Gehirn aber nicht. Ich muss alles immer wieder neu durchdenken, zwanghaft auf die Suche gehen. Mich durch das Wirrwarr meiner Gedanken und meiner Erinnerungen quetschen. Versuchen, einen roten Faden zu finden, der Sinn ergibt. Und komme zu immer anderen Ergebnissen. Die reine Folter."

 

"Shit. Gibt es da einen Weg raus?"

"Habe ihn noch nicht gefunden. Oder doch - eine offene und ehrliche Auskunft. Ich mache häufig Dinge falsch, in den meisten Fällen unabsichtlich. Wenn man es mir sagt, kann ich damit umgehen, mich entschuldigen oder die Sache irgendwie klären. Aber wenn man mir das verweigert, sitze ich gnadenlos fest."

"Wie wäre es, wenn du einfach den Stempel 'Asperger' auf das blöde Karussell drückst und dann aussteigst?"

"Nein. Den Stempel habe ich eingemottet. Ist zu verlockend, sich dahinter zu verstecken. Und hilft beim Karussell auch kein bisschen. Man hat ja auch nicht weniger Kopfschmerzen, nur weil man weiß, dass ein Hirntumor dahintersteckt. Ich muss weiter im Kreis fahren. Bis mir schlecht wird."

"Soll ich 'ne Runde mitfahren?"

"Nein. Lieb von dir. Das Karussell hat nur einen Sitz."

"Dann halt dich wenigstens gut fest. Und hier ist eine Tüte."

 

 

 

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