Mein Leben mit den Menschen - und mit Coco !

Mi

21

Nov

2018

WTF?

 

Liebe "Anna",

 

ich arbeite als Texterin und Journalistin.

Ich bin in der Lage, jeden erdenklichen Inhalt in eine nette Form zu bringen.

Aber bei dir versagt diese Fähigkeit.

Dein Kommentar ist so was von meilenweit daneben, dass mir dazu nun wirklich gar nichts Nettes mehr einfällt.

Toll - du weißt natürlich besser Bescheid als alle Berufsverbände, als die Experten beim Ethikverein und als meine Therapeuten. Nicht zu vergessen Jugendamt und Versorgungsamt. Und die Eingabe beim BGH hat das Verbändetreffen wohl nur gemacht, weil sie vorher versäumt hatten, DICH um deinen professionellen Rat zu fragen... Vielleicht schreibst du ja auch einen Einspruch gegen den Artikel im Psychotherapeuten-Journal, der sich eingehend mit dem Thema beschäftigt. Die PTK wartet sicher nur darauf, dass ihr endlich mal jemand die Welt erklärt.

Träum weiter. Aber verschon mich bitte in Zukunft mit deinen tiefschürfenden Gedanken zu Autismus und Missbrauch und zu meiner persönlichen Situation.

Dies ist meine letzte Stellungnahme zum Thema. Weitere Kommentare erspare bitte dir und mir.

 

Du bist hier persona non grata.

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Mo

29

Okt

2018

Kein Happyend

Manchmal kommt sie leise durch die Hintertür.

 

Manchmal kommt sie mit viel Tamtam durch den Haupteingang.

 

Manchmal läuft sie unauffällig mit wie ein durchgehender schwarzer Faden.

 

Und manchmal glaubst du, du hast sie besiegt.

 

 

Aber sie ist immer da.

 

 

Du darfst mit den Kollegen über Schnupfen reden. Über Darmspiegelungen. Sogar über Fußpilz.

 

Aber erwähne niemals deine Depression.

 

 

Sie ist ein Makel. Ein Brandmal.

 

 

Wenn du Tage hast, an denen du das Bett nicht verlassen kannst, leg dir Ausreden zurecht. Wenn du aussiehst wie ein Zombie, dann sag: „Ich habe Eisenmangel.“ Zieh dir warme, dicke Sachen an. Mit Kapuze. In denen du dich sicher fühlst. Eingewickelt. Geschützt. Derbe Boots, die dir das Gefühl geben, einen sicheren Stand zu haben. Einen Schal, der deinen Kopf stützt.

 

 

Wenn es ganz schlimm wird, rät dir die Stimme im Kopf, doch einfach alles hinzuschmeißen. Den neuen Job, in dem du dich nicht wohlfühlst. Die Freundschaft, in der du dich nicht verstanden fühlst. Die Therapie, die dir nichts bringt. Die Medikamente, die dich dick machen, weil sie deinen Sättigungspunkt verschwinden lassen.

 

 

Und es gibt kein Happyend. Der Kampf endet nicht. Er wird niemals enden.

 

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Mi

01

Aug

2018

Bin ich genug?

„Was schaust du dir denn da an? Gruftie-Klamotten?“

 

 

„Nein, MinDrago. Armreife. Mit Motivationssprüchen.“

 

 

Meine Bestie springt mir auf die Schulter und schaut auf den Monitor.

 

 

„Au weia… auf so einen Kitsch stehst du doch gar nicht. Sehen aber gar nicht sooo schlecht aus. Welchen Spruch würdest du nehmen?“

 

 

„Gute Frage. Vielleicht den hier, guck mal.“

 

 

MinDrago rückt seine Brille zurecht.  ‚Everything happens for a reason.! Naja. Glaubst du das denn wirklich? Welchen Sinn hat es, dass du dir vorhin den Finger am Wasserkocher geklemmt hast? Und dir direkt danach der Schnürsenkel gerissen ist? Welchen Sinn hat der gigantische Pickel an deinem Kinn und die fiesen – „

 

 

„Schon gut!!! Dann eben der hier: ‚Believe in yourself‘. Das wär doch was.“

 

 

Meine Bestie scheint auch damit nicht ganz einverstanden zu sein: „Boah, das machst du doch sowieso nicht! Das könnte man in einen Mühlstein gravieren und dir ans Bein binden – und trotzdem fändest du immer Gründe, warum es sich nicht lohnt, an dich zu glauben. Wäre vielleicht auch keine gute Idee mit dem Mühlstein – vermutlich würdest du damit zur nächsten Brücke kriechen.“

 

 

Ich denke kurz darüber nach, ob MinDrago ein solcher Stein nicht vielleicht gut als Halskette stehen würde, verwerfe den Gedanken aber, weil ich etwas Neues entdeckt habe: Hier! „Never give up‘ – was hältst du davon?“

 

 

„Ganz ehrlich? Den brauchst du echt nicht.“

 

 

„Warum nicht? Ich habe doch genug Baustellen in meinem Leben.“

 

 

„Ja, klar. Aber du beackerst sie doch alle. Mal mehr, mal weniger, mal mit Elan, mal mit geringem Antrieb. Aber du bist immer noch da – also hast du ja nie aufgegeben, oder? Und das wirst du auch in Zukunft nicht tun. Dafür brauchst du keinen Motivationskram.“

 

 

„Hey – das ist ja fast ein Kompliment, liebe Bestie. Dann guck ich mal weiter…‘Think positive‘? Oder vielleicht ‚Choose happiness‘ oder ‚Carpe diem‘?“

 

 

„Alles Quatsch. Lass mich mal gucken, ich such dir was Schönes aus.“

 

 

MinDrago schiebt mich beiseite und übernimmt die Maus. „Hier – das ist das Richtige für dich: ‚I am enough‘. Das wird jetzt bestellt!“

 

 

„WTF? Echt? Warum?“

 

 

„Weil du genau da Motivation brauchst. Es ist total wurscht, dass du nicht jedem gefällst. Dass du vielleicht keine Modelmaße hast oder deine Nase zu groß ist. Dass du keine tolle Karriere gemacht hast und kein dickes Auto fährst. Du bist du. Und als du bist du einfach genau richtig. Und bis du das kapierst, wirst du dieses fucking Armband Tag und Nacht tragen! Und guck mal – das da bestellen wir gleich noch mit: ‚Perfectly imperfect‘. Zack! Bestellt!“

 

 

„Na toll. Danke, dass du mir wenigstens ‚Love yourself‘ erspart hast…“

 

 

„Das hätte keinen Sinn. Das tust du eh nicht. Wir fangen mal klein an. Und bis du es schaffst, dich selbst zu lieben, übst du mal an mir. Deine geliebte Bestie hätte nach getaner Arbeit jetzt nämlich gern Kakao und Kekse.“

 

 

Okay – verdient ist verdient…

 

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Di

10

Jul

2018

Seltsam, im Nebel zu wandern...

 

 

Wie fühlt sich eine Depression an?

 

 

Wie fühlt sich meine Depression an?

 

 

Wenn ich morgens wach werde, zählt mein Kopf mir alles auf, was in meinem Leben schiefgegangen ist. Zumindest alles, woran ich aus meiner Sicht die Schuld trage.

 

 

Ich will einfach weiterschlafen, um mich all dem nicht stellen zu müssen.

 

 

Wenn ich es schaffe, aufzustehen, ist es, als trüge ich eine zentnerschwere Last durch grauen Nebel.

 

 

Ein Gefühl, als wäre ich ganz allein auf der Welt. Als könnte ich mir die Seele aus dem Leib schreien, und trotzdem würde es niemand hören.

 

 

Es ist eine Qual, etwas zu essen, zu duschen, mich anzuziehen.

 

 

Der Gedanke, zur Arbeit zu fahren, lähmt mich. Ich kann mich nicht konzentrieren. Nur Trauer und schwarze Leere sind in meinem Kopf.

 

 

Ich versuche, bei der Arbeit allen anderen aus dem Weg zu gehen. Ich will nicht reden.

 

 

Ich sehe die Welt durch ein Schaufenster. Der Laden hat für mich niemals geöffnet.

 

 

Musik hilft. Aber an ganz schlimmen Tagen will ich gar keine Musik hören.

 

 

Bewegung hilft. Aber der Weg ins Fitness-Studio überfordert mich. Ich will ins Bett und die Augen schließen.

 

 

Mir ist übel. Ich rauche eine Zigarette nach der anderen.

 

 

Alle Verabredungen muss ich canceln, weil ich allein sein will. Nur um mich dann einsam zu fühlen.

 

 

Wenn die Sonne tiefer steht, geht es besser. Dann mache ich Pläne. Ab morgen werde ich alles ändern. Jeden Tag zum Sport gehen. Weniger grübeln und mich selbst mehr wertschätzen.

 

 

Am nächsten Morgen geht all das nicht mehr. Denn da ist diese Zentnerlast. Und der zähe graue Nebel.

 

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Sa

30

Jun

2018

Fuck

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Fr

27

Apr

2018

Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie

 

 

LESEN!

 

Ein unglaublich guter und wichtiger Artikel von Menschen, die mir durch die dunkelste Zeit meines Lebens geholfen haben und weiter kämpfen!

 

Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie

 

 

 

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Mi

25

Apr

2018

Fragen über Fragen...

Wichtige Fragen, die mich bewegen.

 

Kann ich als Nachteilsausgleich die Kündigung der Kollegin fordern, die immer sagt: "Na - bringen Sie wieder ein Rauchopfer?"

Oder zumindest einen eigenen Raucherbereich, in dem Unterhaltungen verboten sind?

 

Kann ich damit rechnen, mich innerhalb der nächsten 20 Jahre an meine neue Wohnung zu gewöhnen?

 

Warum hat mein Lieblingssupermarkt alle Regale umgeräumt?

 

Warum bilden die Kollegen niemals eine Rettungsgasse am Kaffeeautomaten für mich?

 

Warum habe ich bei der Buchung der Londonreise nicht gemerkt, dass ich genau in die royale Hochzeit reinrauschen werde?

 

Wer wird die Steuererklärung für mich machen?

 

Wieso habe ich mir ein geblümtes Oberteil gekauft?

 

Wieso schmeckt der teure Flower-Power-Tee wie eine Mischung aus Kotze und Maggi?

 

Welche weltfremden Menschen entwerfen Damenunterwäsche?

 

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Do

07

Sep

2017

Ich bin ich

 Ich bin kein Gruppenmensch. Kein echter Teamplayer.

 

 

Bei Autisten nichts Neues? Sollte man glauben.

 

Aber: Es gibt sehr viele Gruppen für Autisten. Facebook-Gruppen, Selbsthilfegruppen und einiges mehr. Die Quadratur des Kreises?

 

Nach der Diagnose suchen wohl fast alle Autisten den Erfahrungsaustausch. Man war so lange allein mit all den Problemen, Selbstzweifeln, der Einsamkeit. Da erscheint es traumhaft, plötzlich Menschen zu treffen, die all das kennen. Bei denen man sich nicht lang erklären muss. Eine innere Heimat.

 

Tolle Sache. Bei mir funktioniert es nicht.

 

Zuerst habe ich es mit SHG probiert. Ich fühlte mich dort fremd. In der ersten Gruppen waren nur Männer, die total andere Probleme hatten als ich. Die zweite Gruppe war gut gemischt. Aus der bin ich rausgeflogen. Der Leiter, ein Therapeut, war mir unangenehm. Er ließ , aus meiner Sicht, sexistische Sprüche ab, und seine Beziehung zu seiner Klientin, die ebenfalls in der Gruppe war, war aus meiner Sicht absolut grenzüberschreitend. Ich sagte nichts dazu, hörte mir artig an, wie die Gruppe von „uns“ und „denen“ sprach. Und fragte mich, ob ich nicht lieber zu „denen“ gehören würde. Später wurde ich von den anderen gefragt, wie es mir gefallen habe. Ich sagte meine Meinung – es erschien mir logisch, offen zu sprechen, wenn man mich direkt fragt. Ein Fehler – man erklärte mir, ich sei zu negativ. Und aufgrund eigener Erfahrungen sei ich einfach zu misstrauisch. Und es sei wohl besser, wenn ich nicht mehr kommen würde.

 

Im Nachhinein muss ich darüber lachen. Bin ich ein „schlechter“ Autist (oder gar keiner), weil ich nicht zu den anderen passte? Oder bin ich ein „guter“ Autist, weil ich ohne Rücksicht auf Verluste meine Meinung sage und darüber hianus offensichtlich kein Gruppenspieler bin?

 

In einer Facebook-Gruppe wurde in den Regeln festgeschrieben, dass man bei seinen Posts keinen farbigen Hintergrund verwenden darf, weil der Admin sich davon überfordert fühlte. Fand ich strange. Ich musste mir die grandiosen Vorzüge einer Einrichtung anhören, deren äußerst zweifelhafte Hintergründe ich aufgrund meiner beruflichen Tätigkeiten nur zu gut kannte. Fluchtgedanken machten sich in mir breit. Und bei Twitter wurde ich als Inklusionsgegner angeprangert, weil ich nach vielen Jahren Arbeit bei einem Träger der Behindertenhilfe anzumerken wagte, dass für manche Kinder die Förderschule ein wichtiger geschützter Raum ist. Zack – Stempel auf die Stirn. Als ich kurz vor der völligen Ratlosigkeit war, fiel mir Nicole Schuster ein. Sie hat so viel für das Verständnis des Autismus in der Öffentlichkeit getan. Unterstützung durch andere Autisten? Fehlanzeige. Sie musste sich absurde Vorwürfe anhören – als „echte“ Autistin dürfe sie nicht in der Lage sein, im Fernsehen aufzutreten. Sich zu schminken. Zu studieren. Zu lachen. Was auch immer.

 

Ich hab’s satt. Ja – ich bin Autistin. Aber ich bin auch Mutter, Schwester, Freundin, Geliebte, Katzenbesitzerin, PR-Referentin, Nachbarin, Kollegin und…und…und. Ja, ich habe eine Behinderung. Aber ich habe auch braune Augen, schwarze Haare, fünf Kilos zu viel, oft schlechte Laune und eine Pollenallergie.

 

Damit mich niemand falsch versteht: Alle diese Gruppen haben ihre Daseinsberechtigung und helfen sicherlich vielen Menschen. Auch ich bin auf Facebook in einigen wenigen Gruppen sehr gern Mitglied. Aber ich brauche dieses „Wir-Autisten-Gefühl“ nicht. Im Gegenteil – es bremst mich aus. Und es grenzt mich aus. Mein Leben ist weder einfach noch besonders glücklich. Aber es ist mein Leben. Ich bin ich. Ich habe gelernt, mit meinen Besonderheiten umzugehen. Und ich werde keinen einzigen Schritt zurückgehen.

 

 

 

Wir erkennen nur ein einziges Gemeinwesen für alle an: die Welt.

 Tertullian 
(um 160 - um 220), eigentlich Quintus Septimus Florens Tertullianus, lateinischer Kirchenlehrer

 

 

 

 

 

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Di

30

Mai

2017

Friend to rent

 

Ich habe MinDrago mit einer Tafel Schokolade in die Schreibtischschublade gesperrt. Heute will ich mal auf seine Kommentare verzichten. Und allzu lustig wird es auch nicht. Aber mir liegen einige Gedanken am Herzen, die ich hier aussprechen möchte.

 

Der Großteil meiner Leser sind Autisten. Und sehr viele von ihnen haben Kinder, die ebenfalls autistisch sind. Eltern autistischer Kinder sind im Regelfall sehr viel Kummer gewohnt – und zwar keinesfalls mit ihren Kindern, sondern mit der Umwelt, die auf diese Kinder oft ablehnend und voller Vorbehalte und Vorurteile reagiert. Da wird den Eltern schlechte Erziehung vorgeworfen, mangelnde Fähigkeit zur Kritik und… und… und. Es geht meist schon in der Krabbelgruppe los und setzt sich dann im Kindergarten und in der Schule fort. Hat man endlich die Diagnose und denkt, jetzt würde alles besser, weil die Menschen doch verstehen müssen – Fehlanzeige.

 

Man sitzt da, freut sich über das eigene Kind, das so viele wunderbare Eigenschaften hat, und muss doch erleben, dass dieses Kind (und auch man selber) immer wieder auf Ablehnung stößt. Das ist – Verzeihung – echt scheiße! Es geht an die Substanz, man gerät leicht sozial ins Abseits, bekommt das Anderssein, das doch auch so viele positive Seiten hat, immer wieder als latenten oder auch direkten Vorwurf zu spüren.

 

So weit, so schlecht. Und dann kann es passieren, dass man endlich Menschen trifft, die Verständnis haben. Die dein Kind (und vielleicht auch dich) mit offenen Augen und Fachwissen betrachten. Das können Therapeuten sein, aber auch Lehrer oder einfach Berater. Und dann siehst du, wie dein Kind aufblüht. Wie wunderschön es ist, endlich so angenommen zu werden, wie man ist. Und weil so ziemlich nix im Leben einfach nur schön und unkompliziert ist, lauert genau da eine immense Gefahr, die man nicht unterschätzen sollte.

 

Selbstverständlich gehören Vertrauen und Sympathie zu einer guten Arbeitsbeziehung absolut dazu. Aber: Es ist und bleibt eben eine Arbeitsbeziehung. Es ist keine Freundschaft! Ein guter Therapeut/Lehrer hält innere und äußere Distanz. Macht das Kind nicht abhängig, sondern zeigt ihm Möglichkeiten auf, selbständig mit den Problemen und Herausforderungen klarzukommen. Und Ihr solltet immer bedenken: Dieser Mensch, der da so nett zu Eurem Kind ist, bekommt Geld dafür. Es ist sein Job.

 

In sozialen Berufen aber tummeln sich leider viele Leute, die diese nötige Distanz nicht wahren können oder wollen. Dafür mag es viele Gründe geben. Einige haben als Kinder selbst so viel Ablehnung erfahren, dass sie es anderen ersparen wollen. Andere brauchen die Selbstbestätigung, von Patienten/Klienten/Schülern und ihren Eltern verehrt zu werden. Wieder andere kapieren vielleicht erst gar nicht, was ihre zur Schau getragene Zuneigung bei einem Kind auslösen kann, das bisher nur Ablehnung erfahren hat. Emotionaler Missbrauch ist oft schleichend und verdeckt. Und er setzt keinesfalls einen bösen Willen voraus, sondern entspringt häufig ganz einfach falschen Motiven und mangelnder fachlicher Qualifikation.

 

Was aber passiert, wenn dein Kind den Therapeuten oder Lehrer als besten Freund betrachtet? Im besten Falle gar nichts oder nur Positives. Die Therapie hilft, das Kind kann sich irgendwann lösen und behält eine gute Erinnerung. Was aber, wenn es irgendwann bemerkt, dass dieser „Freund“ gar keiner ist? Dass man selbst nur Mittel zum Zweck ist, damit der „Freund“ sich gut fühlt? Dann kann es ungeahnte Folgen haben, die bis hin zu Traumata reichen können.

 

Seid vorsichtig! Wenn der Therapeut/Lehrer dem Kind das „Du“ anbietet, ihm Geschenke macht, ihm erklärt, er sei „immer“ für das Kind da und immer erreichbar, auch im Privatleben - das kann echt in die Hose gehen. Mangelnde Distanz kann sehr viel schlimmere Folgen haben als zu viel Distanz.

 

Leider machen viele Einrichtungen die fehlende Distanz zu einer Art festem Konzept. Wenn eine Schule damit wirbt, dass das Verhältnis zu den Lehrern besonders eng sei, man sich duze und befreundet sei – dann sollte man an die Ereignisse in der Odenwaldschule denken. Distanz schützt – Euch und Eure Kinder! Und lasst Euch keinesfalls zu Werbeträgern dieser distanzlosen Einrichtungen machen! Lasst Euch in Eurer Begeisterung, dass sich endlich jemand (scheinbar selbstlos) um Eure Kinder bemüht, nicht hinreißen, Leute zu Gutmenschen zu erklären, die sehr gutes Geld mit diesem zweifelhaften Konzept verdienen.

 

Ich weiß, wie schwer das ist, aus eigener (nicht sehr spaßiger) Erfahrung. Und ganz sicher sind das nicht lauter Bösewichte, die Eure Kinder benutzen wollen, auf keinen Fall. Vielleicht sind sie wirklich die wunderbaren Menschen, die Ihr in ihnen seht. Die Eure Kinder mögen, ihnen helfen wollen, vielleicht sogar ihre Freizeit für sie opfern. Trotzdem ist jeder Therapeut und jeder Lehrer am Ende nur ein „friend to rent“.

 

Und passt nicht nur auf Eure Kinder auf, sondern auch auf Euch selbst. Dankbarkeit macht unkritisch. Haltet bitte die Augen auf!

 

 

 

So – jetzt darf MinDrago wieder aus der Schublade.

 

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Mi

01

Feb

2017

Märchenhaft

"Was liest du denn da?"

 

"Märchen."

 

"Wie bitte? Warum das denn?"

 

"Ich liebe Märchen. Als Kind habe ich sie gelesen, mir vorlesen lassen, Schallplatten gehört. Ganz nebenbei hat sich dabei mein Wortschatz erweitert um wunderbare Begriffe wie 'Hagestolz' und 'Muhme'. Damit habe ich regelmäßig meine Grundschullehrerin verzückt."

 

"Und warum liest du sie jetzt?"

 

"Weil ich mich darin wiederfinde."

 

"Hoppla - die schöne Prinzessin oder die böse Hexe?"

 

"Weder noch. Die schöne Prinzessin war ich als Kind. Oder die mutige Gretel, die die Hexe verbrennt. Jetzt finde ich ganz andere Parallelen zu meinem Leben."

 

"Und welche?"

 

"Die Stiefschwester von Aschenputtel, die sich ein Stück vom Fuß absäbelt, um in den schönen Schuh zu passen. Alles tun, um einmal die begehrte Heldin zu sein. Die kleine Meerjungfrau, die jeden Abend verzückt das Leben der Menschen aus der Ferne betrachtet. Und doch selbst nach der Verwandlung, für die sie so große Opfer bringt, immer eine Fremde unter ihnen bleibt, die man nicht versteht."

 

"Verstehe. Autistische Märchengestalten. Wie wäre es mit der Prinzessin auf der Erbse?"

 

"Jaaa, das wäre toll - wenn die taktile Überempfindlichkeit ein einziges Mal keine Zickigkeit, sondern eine Auszeichnung wäre."

 

"Und Rapunzel?"

 

"Wenn, dann wohl eher ohne Zopf und Prinz. Nur allein. Warum lachst du?"

 

"Ich stelle mir das gerade vor. Lisbeth Salander im Turm, die dem Prinzen ein freundliches 'Verpiss dich!' zuruft. Oder ihn auffordert, sich an ihren Piercings hochzuziehen."

 

"Sehr lustig. Für dich bliebe die Rolle als Rumpelstilzchen. Du könntest dämonisch um die Schokolade tanzen."

 

"Apropos - "

 

"Linke Schublade. Und gib mir bitte auch welche. Ich brauche ein bisschen Stärkung, um die 'Schneekönigin' zu lesen."

 

"Wir könnten versuchen, aus den Schokostückchen das Wort 'Ewigkeit' zu legen."

 

"Schau an - da liest wohl noch jemand gern Andersen. Lass uns die Schokolade lieber essen."

 

"Okay."

 

 

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Mi

04

Jan

2017

Don't look back

 

„Coco!!!“

 

„Mmmh?“

 

„Nimm sofort die Stöpsel aus den Ohren. Es ist höchste Zeit!“

 

„Wofür?“

 

„Natürlich für den Jahresrückblick!“

 

„Och nö, MinDrago. Solche Sendungen sehe ich nicht gern. Da wird einem nochmal klar, wieviel Scheußliches passiert ist und wer alles gestorben ist. Nein danke.“

 

„Boah – doch nicht im Fernsehen! Du sollst selbst einen Jahresrückblick schreiben.“

 

„Fällt mir im Traum nicht ein! Das ist ja noch schlimmer. Nope!“

 

„Du kannst ja einen positiven Rückblick machen – du erinnerst dich nur an die schönen Sachen… wie wär’s?“

 

„Das wird dann wohl eher ein Telegramm. Oder maximal ein Tweet.“

 

„Quatsch! Sei doch nicht immer so pessimistisch. Versuch’s einfach mal! Also – was war gut im letzten Jahr?“

 

„Meine London-Reise mit Aspine! Das war toll! Endlich konnte ich ihr mal meine Herzensstadt zeigen! Und sie war genauso begeistert wie ich. Das war superschön!“

 

„Na siehst du – geht doch! Und weiter!“

 

„Das war’s schon. Oder nein, warte mal. Ein langer Kampf ist endlich zu Ende gegangen. Ein Kampf, von dem ich von Anfang an gar nicht wusste, ob ich ihn überhaupt führen wollte. Der sich dann verselbständigt und mir alle meine Energie geraubt hat und den ich am Ende eigentlich nur noch für andere geführt habe. Ich habe verloren, aber meine Freiheit wiedergewonnen.“

 

„Freiheit – schönes Thema! War da nicht noch was im letzten Jahr?“

 

„Stimmt. Unabhängigkeit. Finanziell und innerlich. Ich habe zwei Menschen loslassen können, die mir nur geschadet und mich kleingemacht haben. Und dafür andere Menschen gefunden, die mein Leben bereichern. Alte Freunde neu entdeckt, neue Freunde getroffen.“

 

„Siehste! Eigentlich ist doch eine Menge Gutes passiert. Die Todesfälle, die es ja leider auch gab, lassen wir jetzt mal weg.“

 

„Und was ist mit Krankheiten? Depressionen? Meltdowns? Scheidungsanwälten und Drohungen und –„

 

„Och menno, Coco – mach doch nicht alles wieder kaputt. Ist doch wurscht. In einem positiven Jahresrückblick hat so was nichts zu suchen.“

 

„Okay… machen wir denn auch noch einen negativen Rückblick?“

 

*haareraufend* „Nein!!! Du hast den Sinn dieser Übung nicht kapiert!“

 

„Oh.“

 

„Du bist unverbesserlich. Mach mal was, das dich aufmuntert. Geh spazieren.“

 

„Och nö, das sieht doch ganz übel nach Regen aus. Außerdem weiß ich nicht, wohin ich gehen soll. Und – he, MinDrago, komm sofort wieder her!“

 

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Fr

21

Okt

2016

Neben der Spur

 

„Uih – Kakao und Waffeln! Lecker! Gibt es was zu feiern, Coco?“

 

„Ja, liebe Bestie. Meinen neuen Laptop.“

 

„Ein neuer Laptop? Geil! Wo ist er???“

 

„Na hier, auf dem Schreibtisch.“

 

„Häh? Das ist doch der alte. Mit der verkrümelten Tastatur und dem Katzenaufkleber.“

 

„Ja. Aber jetzt gehört er mir.“

 

„Wem gehörte er denn vorher? Der Bank? Sag bloß, du hast sooo lange gebraucht, das Ding abzuzahlen.“

 

„Nö. Ich habe gar nix dafür bezahlt. Es ist – verzeihung: war – ein Dienstlaptop. Hat mein Arbeitgeber bezahlt. Weil ich früher viel zu Hause gearbeitet habe. Da war das praktischer.“

 

„Und jetzt hast du dein eigenes Büro und brauchst es nicht mehr?“

 

„Fast. Öh…na ja…also eigentlich war es so, dass mir unser IT-Mann ein bisschen aufs Dach gestiegen ist. Er hat gesehen, dass auf diesen Rechner überdurchschnittlich viele Angriffe aus dem Netz zu verzeichnen waren.“

 

„Mehr als bei den anderen? Ihr habt doch sehr viele Mitarbeiter.“

 

„Ja. Ein bisschen mehr…“

 

„Spuck’s aus! Sofort!“

 

„Also – es waren ungefähr 2000 mehr. Peinlich. Konnte ich natürlich damit erklären, dass ich als PR-Referentin gaaanz viel im Internet recherchieren muss. Aber trotzdem fand der gute Mann das nicht so richtig lustig.“

 

„Ich verstehe. Und jetzt musst du selbst einen neuen Laptop nur für die Arbeit kaufen und den verseuchten bezahlen. Schöne Scheiße. Was gibt’s denn da zu feiern?“

 

„Du bist einfach zu pessimistisch, lieber MinDrago. Es läuft vielmehr so: Ich bekomme einen nagelneuen PC fürs Büro, da ich ja jetzt meistens vor Ort arbeite. Und den Laptop hat man mir für einen symbolischen Preis privat überlassen.“

 

„WTF??? Du wirst noch dafür belohnt, dass du das Virenmutterschiff spielst? Moment – kann man daraus ein Erfolgsmodell machen? Dienstwagen? Dienstwohnung? Oder nein– ich hab’s – einen Dienst-Festplattenrekorder!“

 

„Wozu das denn? Wir haben doch einen.“

 

„Ja, aber der zickt dauernd rum. Wenn man spult, sind hinterher Ton und Bild nicht mehr ganz synchron.“

 

„Macht doch nix, MinDrago. Ist wie im echten Leben. Da bin ich auch immer ein bisschen neben der Spur. Mein Smalltalk? Immer ein bisschen steifer als bei anderen. Begrüßungen? Statt Umarmung und Bussi maximal ein Händeschütteln. Neben mir parkt immer die Kollegin in ihrem blitzblanken roten Kleinwagen mit Duftbäumchen, Schutzengel und Regenschirm mit Rüschen. Mein alter Micra ist griesegrau, total vermüllt und hat eine Beule, weil ich bei einem Termin am Arsch der Welt einen blöden Poller übersehen habe. Am Rückspiegel hängt ein kleiner Häkel-Tod mit Sense, und hinten drin sind vermatschte Gummistiefel für die Besuche auf dem Pferdehof. Der Nachwuchs der Kollegen tanzt Ballett und spielt Tennis. Mein Nachwuchs sammelt Reptilien und verbringt nach einem Spinnenbiss schon mal eine Nacht auf der Intensivstation. Im Vorgarten der Nachbarn steht ein putzige Igel mit Schubkarre, in meinem liegt ein Gartenzwerg mit Messer im Rücken. Noch Fragen? Das ‚Neben-der-Spur-Laufen‘ ist quasi mein Markenzeichen. Von daher ist der alte Rekorder doch genau richtig. Und nun entspann dich und iss die Waffeln, bevor sie kalt – hee! Wo sind die Waffeln?“

 

„Du follteft keine Monologe halten. Ef ifft aber noch Kakao da.“

 

„Na dann Prost – auf unser Leben neben der Spur!“

 

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Do

08

Sep

2016

Plan B - von einseitigen Erwartungen, falschen Freunden und gruseligen Gruppen

 

„Was riecht denn hier so fies? Legt der Nachbar wieder fragwürdige Sachen auf den Grill?“

„Nein, MinDrago. Ich habe gerade versucht, meinen Schwerbehindertenausweis zu verbrennen.“

 

„What the fuck? Spinnst du? Warum das denn???“

 

„Habe keine Lust mehr, ‚behindert‘ zu sein. Immer anders zu sein als andere.“

 

„Aha. Und wenn du den Ausweis verbrennst, dann geht auch die Behinderung in Rauch auf? Wie doof ist das denn, Coco? Das ist so, als würdest du die Augen schließen und denken, dass die anderen dich dann nicht mehr sehen.“

 

„Oh – das funktioniert nicht? Mist – das war Plan B.“

 

„Sehr witzig.“

 

„Nein, so witzig ist das gar nicht. Ich habe es echt satt. Am Anfang dachte ich, dass der Ausweis zumindest beruflich nützt. Aber dann habe ich festgestellt, dass die Leute zwar schwer begeistert sind, wenn man sich als ‚hochbegabte Autistin‘ bewirbt, dann aber entweder automatisch erwarten, dass man ein genialer Computer-Nerd ist, oder enttäuscht sind, wenn sie dann, wie immer, im Gespräch ‚gar nichts davon merken‘. Als wäre ich verpflichtet, möglichst behindert zu erscheinen. Bekloppt.“

 

„Und privat?“

 

„Noch übler. Wenn du es sagst, glaubt es keiner. Und wenn du dann mal so reagierst, dass die anderen verunsichert oder genervt sind, haben sie den Autismus längst vergessen. Oder du versuchst, dich mit anderen Aspergern zu treffen. Das fand ich fast noch schwieriger. Da gibt es dann oft die „Wir-Autisten-Gruppe“, die sich fast ausschließlich über ihre Diagnose definiert. Ich bin mal aus einer SHG rausgeflogen, weil ich Kritik geübt habe. Dabei habe ich das nur auf ausdrückliche Nachfrage gemacht. Ich sollte unbedingt sagen, wie ich es fand. Habe ich dann getan. Und da hieß es dann, ich hätte wohl ‚nicht die richtige Einstellung‘, und außerdem sei ich ja ‚traumatisiert‘. Kann ich drauf verzichten. Ich denke, zwischen Autisten gibt es genauso Sympathien und Antipathien wie zwischen allen Menschen. Ich habe auch einige Asperger kennengelernt, die voll auf meiner Wellenlänge liegen. Aber dieses allgemeine ‚Wir-Gefühl‘ geht mir ab.“

 

„Hihi – ist doch klar: Du weißt ja – Asperger und Gruppen.“

 

„Ja, sehr lustig… Ein einziges Mal hatte ich das Gefühl, dass mich jemand genau so mag, wie ich bin. Mit Problemen und Marotten und Eigenheiten. Hatte das Gefühl, echt angekommen zu sein und verstanden zu werden. Und bin dann zum ‚verhängnisvollen Irrtum‘ erklärt und eiskalt ausgetauscht worden gegen eine Bilderbuch-Nicht-Autistin. Das reicht für den Rest meines Lebens. Ich denke, eine Handvoll gute Freunde und mindestens zwei Katzen sollten mir genügen. Und dafür brauche ich keine Diagnose und keine Selbsthilfegruppe. Ich habe damals die Diagnose als immense Erleichterung empfunden, weil ich endlich wusste, warum ich anders bin und dass nicht alles meine eigene Schuld ist. Leider habe ich aber übersehen, dass das Wissen, warum man anders ist, rein gar nix an der Tatsache an sich ändert. Mir hat die Diagnose im Endeffekt Unglück gebracht. Was machst du da, MinDrago?“

 

„Ich suche den Flammenwerfer.“

 

 

 

 

 

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Fr

05

Aug

2016

"You shall not pass!"

 

Warum denken so viele Menschen, dass eine hohe Intelligenz positiv, ein Geschenk sei?

 

Es mag sein, dass das so ist, wenn man gleichzeitig über eine hohe Resilienz verfügt, also eine große psychische Widerstandsfähigkeit. Wenn man aber psychisch labil ist, kann Intelligenz die perfideste Folter von allen sein.

 

Was nützt es, wenn man blitzschnell Probleme durchschauen kann, sich dann aber endlos verzettelt, weil man jede Lösungsmöglichkeit hundert Mal durchdenkt oder immer neue Wege zu finden glaubt? Wenn man in der Lage ist, sich in tausend Einzelheiten auszudenken, welche schlimmen Dinge passieren könnten? Ich habe gelesen, dass hochintelligente Kinder fast nie motorische Draufgänger sind, weil sie sich jede mögliche Verletzung bestens vorstellen können, die sie erleiden könnten, wenn sie vom Klettergerüst oder von der Mauer fallen. Klar, das meiste davon passiert nicht. Aber es könnte halt, das genügt schon.

 

Mein Gehirn verwendet seine Kapazität in erster Linie, um mich mit Gedanken und Erinnerungen zu quälen. Der gern verwendete Satz „Du musst das jetzt hinter dir lassen“ ist bei mir ungefähr so sinnvoll, als würde man einem toten Fisch vorschlagen, weniger zu stinken. Meine Gedanken führen ein fatales Eigenleben. Lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Ich denke sehr lebhaft, sowohl in Bildern als auch in Worten. Ich sehe meine Gedanken auf einer Art Spruchband. Das hat den Vorteil, dass ich nahezu perfekt in Rechtschreibung bin, denn wenn ein Wort korrekt abgespeichert ist, sehe ich es jedes Mal, wenn ich es denke. Es hat aber auch den Nachteil, dass ich vergangene Gespräche immer wieder neu aufleben lassen kann und sie dann wirklich bildlich durchleiden muss.

 

Ich kam damit klar, bis ich etwas erlebt habe, das sehr einschneidend war. Meine Therapeuten nennen es Trauma, ich nenne es einfach Schmerz. Ganz tiefen Schmerz, der in Schichten meines Bewusstseins oder wohl eher Unterbewusstseins gedrungen ist und irgendetwas geweckt hat, so eine Art Seelen-Balrog. Nur nicht ganz so dekorativ. Und weder „You shall not pass“ noch „Fly, you fools“ hat funktioniert. Er hat es sich bequem gemacht. Und er zwingt mich, immer wieder die Vergangenheit zu durchleben. Immer neu auf die Suche zu gehen nach den Fehlern, die ich gemacht habe, nach meinen Unzulänglichkeiten, meiner Schuld. Und er zwingt mich immer aufs Neue, zu versuchen, einen Sinn zu finden. Irgendetwas halbwegs Gutes zu finden, das es erlauben könnte, Frieden zu schließen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Und wenn ich glaube, es gefunden zu haben, entreißt er es mir wieder und schickt mich erneut auf die Suche.

 

„Ich glaube, ich verliere den Verstand“, habe ich vor kurzem zu jemandem gesagt, der mir nah steht. Und die Antwort lautete: „Macht nix. Danach bist du vermutlich immer noch schlauer als der Durchschnitt.“ Nein, bin ich nicht. Sondern einfach nur unglücklicher.

 

„Was schreibst du da, Coco? Was Wichtiges?“

 

„Nein, MinDrago, nichts Wichtiges.“

 

 

 

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Mo

25

Jul

2016

Herablassende Helfer

 

„Worüber denkst du nach, Coco?“

„Über das Helfen.“

„Hä? Wem sollst du denn helfen? Und wobei?“

„Es geht nicht um konkrete Hilfe, MinDrago, sondern um das Helfen an sich.“

„Verstehe ich nicht.“

„Ich finde das sehr schwierig. Ich glaube, so ziemlich jeder Mensch hilft gern anderen. Aber warum? Weil der andere sich dann freut? Weil man selbst sich dann besser fühlt? Ich war für eine Woche in London. Auf dem Weg zur Tube musste ich jeden Tag über eine Fußgängerbrücke über die Themse gehen. Und dort saß ein Bettler. Ein alter Mann, mit zerzaustem rotem Bart und wenigen Zähnen. Er sah so aus, als ginge es ihm wirklich nicht gut. Und ich habe ihm jeden Tag ein oder zwei Pfund gegeben. Er lächelte mich an und sagte ‚God bless you, Darling.‘“

„Und? Klingt doch gut.“

„Ja und nein. Ich habe diese Segenswünsche geliebt und mich jeden Tag darauf gefreut, ihm zu begegnen. Und irgendwann kam ich mir scheiße vor. Für mich war das ein kleiner Posten im Reiseetat. Für ihn war das vermutlich eine Menge Geld. Ich kam mir… herablassend vor. Arrogant. Als würde ich mir gute Gefühle kaufen.

  Und manchmal habe ich dieses ungute Gefühl auch, wenn ich Menschen sehe, die helfende Berufe ausüben. Der Satz ‚Ich möchte gern mit behinderten Menschen arbeiten‘ zum Beispiel. Warum willst du das? Um zu sehen, dass es anderen schlechter geht als dir selbst? Oder weil du Menschen um dich herum haben willst, die auf dich angewiesen sind? Oder weil du es brauchst, dass man dich für deine Hilfe liebt?“

 

„Du meinst das Helfersyndrom?“

„Ja, das ist wohl die extremste Ausprägung. Und ich denke, dass das Gefahren in sich birgt. Jeder möchte gemocht werden. Und jeder mag Anerkennung im Beruf. Aber wenn man dabei Grenzen überschreitet, wird es ungesund. Dann saugt man einfach gute Gefühle aus anderen Menschen. Man benutzt sie als Gefühlstankstelle. Es ist nichts mehr auf Augenhöhe. Verstehst du, was ich meine?“

„Ja, ich denke schon. Aber kann man das verhindern? Solche Menschen wird es immer geben. Und vielleicht ist es ja auch egal, aus welcher Motivation man hilft.“

„Nein, es ist nicht egal. Man sollte den anderen nicht zum Objekt degradieren. Selbst, wenn derjenige es vielleicht nicht merkt. Es ist irgendwie… unwürdig.“

„Wie hast du das mit dem Bettler gemacht? Ihm nichts mehr gegeben?“

„Doch, natürlich. Er brauchte es ja. Ich habe ihm gedankt und „God bless YOU!‘ gesagt Aber das war natürlich nicht die Lösung. Im Grunde hätte ich ihm anonym etwas geben müssen, aber das war ja nicht möglich.“

„Ganz schön kompliziert, was?“

„Ja. Wie würde mein Freund David sagen? ‚So ist es halt, das Leben.‘“

 

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Di

28

Jun

2016

Eine Nacht bei den Zwergen

Coco sitzt an ihrem Laptop. Und schreibt. Und schreibt. Und mir ist sooo langweilig.

 

"Schreibst Du für unser Blog?"

 

Unwilliges Murmeln. und ein genuscheltes "Nein."

 

"Solltest du aber. Und vielleicht solltest du auch mal erklären, warum wir so lange offline waren.

"Zwerge."

"Wie bitte?"

"Hörst du schlecht, MinDrago? ZWERGE!"

 

Jetzt spinnt sie wohl ein bisschen. Oder spielt sie vielleicht auf die Fruchtzwerge an, die ich gestern Nacht...? Ich hatte nach dem langen Lesen ein bisschen Hunger...

 

"Öh - tut mir leid. Du kannst ja neue kaufen. Ich gebe dir dafür den Rest meiner Schokolade."

 

Coco schaut endlich auf. Und ist verwirrt.

 

"Was meinst du denn?"

"Na ja, die Sache mit dem Quark..."

 

Coco runzelt die Stirn.

 

"Ich rede von realen Zwergen, nicht von überzuckertem Kinderzeugs."

 

Wow - jetzt geht's aber los!

 

"Reale Zwerge? Hast du sie noch alle? Oder meinst du diesen grusligen Gartenzwerg, den du in den Vorgarten gestellt hast und der die Nachbarskinder zum Heulen gebracht hat? Du weißt schon - dieser Zombie mit dem blutigen Beil."

 

Coco schüttelt den Kopf.

 

"Die Nachbarskinder heulen doch sowieso immer. Sie hauen sich gegenseitig ihre Schüppe auf den Kopf oder kippen ihren Saft um oder sonst was. Da macht so ein kleiner Zomie auch nix mehr aus."

 

Coco greift zum längst kalt gewordenen Kaffee und schielt zur Zigarettenschachtel.

 

"Nein, MinDrago. Ich rede von den Zwergen im Berg. Als ich klein war, habe ich mich quer durch die Kinderbücherei gelesen. Und bin irgendwann bei den Volkssagen gelandet. Da gab es die Geschichte eines Mannes, der bei einer Wanderung einem Zwerg begegnet. Der Zwerg nimmt ihn mit in den Berg, wo er mit seinen Mitzwergen lebt. Dort erlebt der Mann eine wunderbare Nacht - er bekommt zu essen und zu trinken, es gibt Musik und Tanz, und er darf sich den sagenhaften Schatz der Zwerge anschauen. Am Morgen bringt man ihn wieder hinaus, der Berg schließt sich hinter ihm."

 

"Na ja. Da habe ich schon spektakulärere Geschichten gehört, wenn ich ehrlich bin."

"Nun warte doch ab. Die Pointe kommt ja noch. Der Mann geht nach Hause in sein Dorf. Und dort begegnet er lauter Fremden. Niemand kennt ihn, und er kennt auch niemanden. Die eine Nacht bei den Zwergen hat im echten Leben hundert Jahre gedauert."

 

Aha. Das soll mir jetzt wohl irgendetwas sagen. Bestimmt wieder so ein symbolischer Germanisten-Kram. Das nächste Mal werde ich mich lieber bei einem Naturwissenschaftler einquartieren.

 

"Was genau willst du mir damit sagen, Coco?"

"Dass man manchmal Dinge erlebt, die nicht für einen bestimmt sind. Die dafür sorgen, dass man sein gewohntes Leben verlässt und auch nicht wieder dorthin zurückfindet. Dinge, die dich so verändern, dass dir nachher alles fremd ist."

 

Coco dreht sich wieder zum Monitor und schreibt weiter.

 

"Und was ist mit den Zwergen? Was machen die?"

"Die feiern weiter, MinDrago. Als wäre nichts gewesen."

"Und was ist aus dem Mann geworden?"

"Keine Ahnung. Wahrscheinlich hat er sich erhängt."

 

Uih - diese Geschichte ist ebenso kindergeeignet wie der Zombie im Vorgarten. Und die Fruchtzwerge.

Apropos - ich werde mal schauen, was noch so im Kühlschrank ist.

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Sa

18

Jun

2016

Back for good

 

„Du – MinDrago?“

„Ja?“

„Ich freue mich unheimlich, dass unsere Fans uns nicht vergessen haben. Und dass sie uns die unfreiwillige Pause nicht übel nehmen.“

„Ja – ich auch!“

„Meinst du, uns wird irgendwann wieder was Lustiges für unser Blog einfallen?“

„Ja. Ganz sicher. Wir trinken jetzt ganz viel Kakao. Im Notfall auch Portwein. Wir kuscheln mit den Katzen. Und wir schauen ‘Herr der Ringe‘, ‚Harry Potter‘ und, wenn es sein muss, vielleicht auch ‚Sinn und Sinnlichkeit‘. Und dann wird es immer besser. Und dann kommen uns wieder lustige Gedanken. Zum Beispiel die Geschichte, als du mal den Pressetermin beim Lions Club hattest und du dann aus Versehen-„

„Ja, schon gut MinDrago. Jetzt geh schön Kakao kochen!“

 

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Mo

02

Mai

2016

Nicht lustig - Missbrauch in der Therapie

 

„Was schreibst du da, Coco?“

 

 

„Einen Info-Text.“

 

 

„Autismus?“

 

 

„Nein. Etwas anderes.“

 

 

„Worum geht es?“

 

 

„Missbrauch.“

 

 

„Lass mich raten – Drogenmissbrauch? Nikotin und Tabletten?“

 

 

„Ich überhöre diese blöde Anspielung jetzt mal. Nein. Es geht um Missbrauch in therapeutischen Beziehungen.“

 

 

„Oh. Gibt es das oft?“

 

 

„Viel häufiger als man denkt. Die Dunkelziffer ist enorm. Nur sehr wenige Fälle werden angezeigt. Und in noch weniger Fällen kommt es zu einer Verurteilung. Die Gesetzeslage ist unklar.“

 

 

„Hä? Entweder, etwas ist verboten, oder nicht. Wo ist da die Unklarheit?“

 

 

„Sei doch nicht so dermaßen naiv, MinDrago. Vergewaltigung ist auch verboten – und schau dir mal die Kapriolen an, die das Gesetz da so dreht. Es ist für Frauen oft ein Ding der Unmöglichkeit, die Schuld des Täters zu beweisen. Und beim Missbrauch durch Therapeuten ist die Gesetzeslage noch viel unklarer. Für Psychotherapeuten gilt das sogenannte Abstinenzgebot. Sie dürfen keine sexuellen Beziehungen zu ihren Patienten und zu deren direkten Angehörigen haben.“

 

 

„Klingt doch ganz eindeutig.“

 

 

„Ja, schon. Aber nicht jeder Therapeut oder Berater ist auch Psychotherapeut. Denk an Seelsorger, Lehrer, Ärzte, Erziehungsberater, Psychologen und…und…und.“

 

„Und die dürfen das dann also?“

 

 

„Nein, eigentlich nicht. Aber der entsprechende Paragraph ist so verschwurbelt formuliert, dass es hundert Hintertürchen gibt.“

 

 

„Vielleicht ist es nicht nötig? Ist denn eine Beziehung zwischen Therapeut und Patient nicht okay? Eine ganz normale Sache zwischen zwei Erwachsenen, die sich halt nur unter besonderen Umständen kennenlernen?“

 

 

„Nein, das ist es nicht. In therapeutischen Situationen gibt es die sogenannte Übertragung. Wenn man das ganz simpel ausdrücken will: Der Patient sieht im Therapeuten eine Art ‚guten Vater‘, eine helfende Figur, zu der er aufsieht. Das ist quasi das Gegenteil einer Beziehung ‚auf Augenhöhe‘. Es besteht ein immenses Machtgefälle zwischen dem Ratsuchenden und dem Ratgebenden. Eine Therapie oder Beratung ist ja im Grunde nur unter solchen Bedingungen möglich. Wer würde Rat annehmen von jemandem, dem er nicht eine gewisse Kompetenz zuschreibt? Und bei psychischen Problemen kann diese Übertragung sehr stark werden. Man kann versucht sein, im Berater eine Art Götterfigur zu sehen und diese tiefe Bewunderung mit Liebe zu verwechseln. Und wenn dieser ‚Gott‘ dann kein guter ist, der diese Übertragung auffangen kann, sondern ein ausnutzender ‚Gott‘, kann das schlimme Folgen haben.“

 

 

„Aber das merkt man doch, wenn man ausgenutzt wird, oder?“

 

 

„Nein, nicht wenn man dem Therapeuten uneingeschränktes Vertrauen und vielleicht eben sogar Übertragungsliebe entgegenbringt. Ganz im Gegenteil, man fühlt sich vielleicht sogar fantastisch, weil man die oder Auserwählte ist, den der Gott zu seinem Gefährten wählt. Fast immer ist es Kombination männlicher Therapeut, weibliche Patientin. Es gibt bei missbrauchenden Therapeuten den sogenannten „Rachetyp“, der sehr direkt und mitunter sogar gewaltsam vorgeht. Viel schwerer zu erkennen aber ist der „Wunscherfüllertyp“. Er zieht die Patientin mehr und mehr in eine Art Traumwelt. Die Patientin wird als „etwas ganz Besonderes“ bezeichnet, als „Lieblingspatientin“. Der Therapeut geht mehr und mehr auf die private Ebene, erzählt von seinen eigenen Problemen, macht die Patienten selbst zu seinem Therapeuten. Er gibt ihr das Gefühl besonderer Wichtigkeit und isoliert sie gleichzeitig von ihren realen Kontakten. Er erklärt, dass sie ihre miese Ehe „nicht verdient“ habe, mehr „an sich selbst denken“ müsse und mit dem richtigen Partner doch viel glücklicher sein könne. Gerade Menschen, die Probleme haben, reagieren oft extrem auf eine solche Aufwertung – es fühlt sich an wie ein Traum: Der ‚beste Mensch der Welt‘ erwählt ausgerechnet sie! Der Schritt zur sexuellen Beziehung ist dann nur noch ein sehr kleiner.“

 

 

„Und dann? Happyend?“

 

 

„Nein. Wenn es wirklich Liebe wäre, müsste der Therapeut sofort die Therapie beenden und in Supervision gehen. Und dann gibt es eine Art Sperrfrist, bis zu zwei Jahre, in denen er und die Patientin keinen Kontakt haben dürfen. Erst, wenn danach noch Gefühle da sind, ist eine Beziehung erlaubt.

In missbräuchlichen Beziehungen verspricht der Therapeut  ein Happyend. Aber die Realität ist grausam. Zuerst verpflichtet er die Patientin zur Geheimhaltung, aus diversen Gründen – seine Ehe, die Therapie, die Kollegen…Das isoliert die Patientin zusätzlich. Sie kann mit niemandem darüber reden und wird so noch stärker auf den Therapeuten fixiert. Es gibt viele Gründe, aus denen Therapeuten so handeln. Selbstwertsteigerung in Lebenskrisen, eigene Traumatisierung und vieles mehr. Keiner dieser Gründe aber rechtfertigt ein solches Verhalten. Selbst wenn die Gründe nachvollziehbar erscheinen, verrät dieser Mensch damit seinen Beruf. Und es geht niemals gut. Die Psychologin Monika Becker-Fischer, die sich seit Jahren intensiv mit dem Thema befasst, drückt es absolut treffend aus:

 

 

Spätestens das Ende, egal, durch wen es herbeigeführt wurde, ist qual- und grauenvoll. Letztlich kulminiert die inhärente Zerstörungskraft in den schwerwiegenden Schädigungen der Patientinnen. Sie dringt in die familiären oder partnerschaftlichen Bindungen der Frauen ein.

 

 

Die psychischen Schädigungen des sogenannten professionalen Missbrauchstraumas können entsetzlich sein. Sie werden verglichen mit den Folgen von Inzest – der extreme Vertrauensbruch durch eine enge Bezugsperson ist der Kern dieses Traumas.“

 

 

„Was sind denn die Folgen?“

 

 

„Die sind vielfältig. Das Selbst- und Weltbild wird zutiefst erschüttert. Es ist leider der Normalfall, dass die Therapeuten, sobald ihnen klar ist, dass die Sache Folgen für sie haben kann, die Frauen fallenlassen und nicht bereit sind, auch nur ein klärendes Gespräch zu führen. Aus ‚Du bist die wundervollste Frau der Welt‘ wird dann ‚Das ist jetzt dein Problem – bitte lass mich in Ruhe! Und erzähl niemandem davon.‘ Das ist für die betroffenen Frauen kaum zu ertragen:

 

 

Der gute, verständnisvolle, geliebte Therapeut entpuppt sich plötzlich als sein Gegenteil, als egoistisch, eiskalt, unempathisch, brutal. Die Patientinnen sehen sich mit seiner abgespaltenen Schattenseite konfrontiert.

 

 

Die Patientin kann es nicht fassen, leugnet den offensichtlichen Verrat und Missbrauch und gibt sich selbst die Schuld. Sie kann nicht ertragen, dass es keine Liebe war, hält an der Vorstellung fest, um nicht ertragen zu müssen, dass man sie wie eine Prostituierte benutzt hat. Dieser emotionale Spagat kostet enorme Kraft. Hinzu kommt ein Gefühl der Verwirrung und Orientierungslosigkeit – sie hat das Gefühl., ihren eigenen Gefühlen nicht mehr trauen zu können.“

 

 

„Und der Therapeut?“

 

 

„Zeigt im günstigsten Fall Desinteresse, im ungünstigsten stellt er die Frau als Täterin hin, die ihn verführt habe. Und die meisten Frauen übernehmen dann auch artig diesen Part. Sie klagen sich selbst an, den Therapeuten durch ihre Verliebtheit in Schwierigkeiten gebracht zu haben. Sie verlieren jedes Selbstwertgefühl:

 

 

Indem die Opfer die Schuldgefühle und das Verantwortungsbewusstsein übernehmen, das die Therapeuten im Regelfall vermissen lassen, versuchen sie auf Kosten ihrer Gesundheit das erschütterte Grundvertrauen in  eine sichere und kontrollierbare Welt wiederherzustellen und werden dabei immer kränker.

 

 

Sie richten ihre Wut nicht gegen den Therapeuten, sondern gegen sich selbst. Depressionen, Selbstverletzungen, Drogenmissbrauch, Suizidgedanken  sind normal. Es klingt unglaublich, aber Langzeitstudien haben gezeigt, dass die Belastung der Opfer professionalen Missbrauchs noch nach Jahren dieselben Werte zeigt wie die von Folteropfern. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Frauen ja schon zu Beginn der Therapie psychische Probleme hatten, sonst hätten sie die Therapie ja nicht gebraucht. Nicht wenige von ihnen haben sogar schon zu einem früheren Zeitpunkt Missbrauch erlebt.“

 

 

„Und das alles ist nicht verboten???“

 

 

„Na ja, theoretisch halt schon. Aber die meisten Frauen erstatten keine Anzeige, oft, weil sie den Therapeuten wirklich lieben und ihm nicht schaden wollen. Manchmal erstatten die Partner Anzeige. Was folgt, ist entweder eine Einstellung des Verfahrens gegen lächerliche Geldstrafen oder monatelange Verfahren, an denen die ohnehin labilen Frauen fast kaputt gehen. Sie müssen zu Gutachtern, müssen Beweise bringen, immer wieder aussagen. Sie erleben heftige Formen des Victim Blaming, werden als rachsüchtige verlassene Frauen hingestellt, die dem untreuen Liebhaber eins auswischen wollen. Viele der Täter-Therapeuten haben fachlich einen guten Ruf, niemand traut ihnen so etwas zu. Wer glaubt da einer Frau, die vielleicht schon etliche Therapien oder Klinikaufenthalte wegen Depressionen oder ähnlichem hatten? Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Und immer wieder heißt es, die Frau habe ja freiwillig mitgemacht, wo denn da der Missbrauch sei? Und wenn es wirklich mal zu einem Urteil kommt, ist es fast immer ein Freispruch. Der Bundesgerichtshof hat 2011 ein in Fachkreisen mehr als umstrittenes Urteil gesprochen, das besagt, dass es sich, trotz Beratungs- oder Behandlungsverhältnisses, nicht um einen Missbrauch handle, wenn es eine „echte“ Liebesbeziehung war. Der Therapeut braucht also vor Gericht einfach nur zu behaupten, dass er die Frau wirklich geliebt habe – und zack, hat er den Freispruch. Warum er die Frau dann so eiskalt hat fallenlassen, fragt der Richter meist nicht. Und wenn doch, sagt der Therapeut halt, die Liebe sei eben erloschen oder er habe sich geirrt oder habe seine Ehe retten wollen. Such is life“

 

 

„Das ist irgendwie…ekelhaft.“

 

 

„Mehr als das. Es ist grausam. Ich habe mehrfach beruflich mit Frau Dr. Becker-Fischer gesprochen. Und sie hat mir von Fällen berichtet, die mich sprachlos gemacht haben. Da werden Teilnehmer eines Trauerbewältigungskurses missbraucht, und der Richter sagt dann: ‚Was wollen Sie denn? Ist doch total nett, dass der Therapeut sich auch privat noch gekümmert hat.‘ Oder die Behandlung oder Beratung wird als ‚Freundschaftsdienst‘ innerhalb einer Beziehung gewertet – ungeachtet dessen, dass diese Freundschaft und spätere sexuelle Beziehung erst in diesem Beratungsverhältnis entstanden ist. Übrigens sind auch oft Asperger-Autisten getroffen. Da heißt es dann gern: ‚Na ja, die sind halt behindert. Die reagieren über, wenn sie endlich mal Zuneigung bekommen. Zum Kotzen.“

 

 

„Kümmert sich denn da niemand?“

 

 

„Doch. Glücklicherweise. Es gibt viele Menschen, Fachleute, die das Problem schon lange kennen. 1991 hat sich das ‚Verbändetreffen gegen Grenzverletzungen und sexuellen Missbrauch in Psychotherapie und psychosozialer Beratung‘ gegründet. Ihm gehören alle wichtigen Verbände aus Psychotherapie und Beratung bundesweit an. Sie haben das Verbändetreffen damals gegründet, um die Verankerung im Gesetz durchzusetzen. Anlässlich eines aktuellen ziemlich schlimmen Falles, der mit Freispruch endete, haben sie nun beschlossen, an einer weiteren Verbesserung der entsprechenden Paragraphen zu arbeiten und setzen nun auch vor allem auf Weiterbildung für Juristen, damit die endlich kapieren, was da passiert.“

 

 

„Wenigstens ein kleiner Hoffnungsschimmer. Du, Coco? Wie kriegen wir denn da die Kurve zu einem Schlussgag?“

 

 

„Gar nicht. Manches ist einfach nicht zum Lachen, MinDrago.“

 

 

„Komm, wir machen uns einen Kakao.“

 

 

 

 

[Die kursiv gedruckten Zitate sind aus dem Buch „Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie“ von Monika Becker-Fischer und Gottfried Fischer. Asanger Verlag, Kröning: 2008]

 

 

 

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Di

15

Mär

2016

Ganz normal...

 

Ich arbeite an drei bis vier Tagen in der Woche als PR-Referentin bei einer Organisation für Menschen mit Behinderungen. Ich habe dort ein Büro, das ich mir mit einer Kollegin (oder eher Freundin) teile. Wir sind perfekt aufeinander eingespielt, es funktioniert also sehr gut. Was wohl auch daran liegt, dass sie der sozial kompetenteste Mensch ist, den ich kenne. Und darüber hinaus einfach nur großartig. Sie liest oft meine Mails auf unbeabsichtigte Unhöflichkeiten gegen, während ich ihr am PC weiterhelfe, mit dem sie auf Kriegsfuß steht und den sie liebevoll „Arschloch“ nennt.

 

Vor zwei Jahren habe ich mir das Rauchen wieder angewöhnt. Das bedeutet, dass ich alle ein bis zwei Stunden meinen sicheren Büro-Hort verlassen muss.

 

Ich stehe vom Schreibtisch auf, ziehe die Jacke an und stecke die Zigaretten ein. Dann gehe ich an die Bürotür und schaue, ob jemand im Flur ist. Nein, niemand da. Also los. Nicht schnell genug, denn genau in dem Moment begegnet mir Sekretärin M. auf dem Weg zum Kopierer. Jetzt muss ich blitzschnell überlegen – habe ich sie heute schon gesehen und gegrüßt? Wenn nicht, sage ich freundlich „Hallo!“ und rausche an ihr vorbei. Schwieriger wird es, falls wir uns bereits gegrüßt haben. Was sagt man dann? „Schönes Wetter.“ Oder: „Na, wieder fleißig?“ Das alles funktioniert aber nur in der ersten Zigarettenpause. Für die nächste brauche ich dann anderes Repertoire. Oder ich lächle unbestimmt und gehe vorbei. So – bis ins Treppenhaus geschafft. Zu früh gefreut. Dort lauert L., ein Mensch mit Handicap, der hier die Botengänge erledigt. L. ist ein echter Charmeur, und wenn ich ihn sehe, möchte ich gern ganz weit weg sein. Er begrüßt mich immer mit Namen und Handkuss und erklärt mir, was für ein „hübsches Mädchen“ ich sei (nicht ganz meinem Alter angemessen). Und wenn ich Pech habe, gibt es auch mal einen Kuss auf die Wange. Ich habe aber wenigstens ein bisschen Glück, denn L. ist nach oben unterwegs, während ich hinunter gehe. Ein längeres Gespräch fällt also flach.

 

Nach zwei Etagen habe ich den rückwärtigen Ausgang erreicht. Früher war ich damit bereits am Ziel, denn hier stand ein Aschenbecher. Leider ist im Sommer aber eine Spielgruppe in die Räume der unteren Etage gezogen, die nun das Außengelände mitnutzt. Da es für die kleinen Kinder nicht sehr erbaulich wäre, ständig auf rauchende Menschen zu schauen, ist hier nun Rauchverbotszone. Dummerweise ist gerade Pause und die Kinder und die Betreuerinnen sind draußen. Jetzt wird es schwierig. Ich schaue unbestimmt in ihre Richtung und passe den Moment ab, in dem eine von ihnen grob in meine Richtung schaut. Dann grüße ich schnell und gehe weiter. Ich kann mir weder ihre Gesichter noch ihre Namen merken, obwohl ich bereits mehrere Gespräche im Büro mit ihnen hatte. Peinlich.

 

Schnell über das Außengelände, über den Parkplatz und rüber zur Werkstatt, wo nun die Aschenbecher stehen. Sieht gut aus – niemand außer mir da. Ich vermeide es, durch die Glasscheibe in den Empfang zu schauen, weil ich sonst A. grüßen muss, die dort den Pförtner spielt. Denn wenn ich sie grüße, erwartet sie, dass ich reinkomme und plaudere. Ich stelle mich in eine Ecke und zünde meine Zigarette an. Die Glastür geht auf. Herr K. kommt raus. „Mahlzeit!“ Warum sagen Leute „Mahlzeit“, nur weil es auf 12 Uhr zugeht? Ich esse mittags nie etwas. Ich murmle „Hallo“ und zücke mein Smartphone, weil ich nicht weiß, wohin ich schauen soll. Herr K. geht weiter, ohne den gefürchteten Satz „Ah, wie gut, dass ich Sie sehe!“ zu sagen. Weil ich leider für alle Abteilungen zuständig bin, hat ständig irgendwer ein Anlegen an mich. Als die Zigarette zur Hälfte geraucht ist, kommen einige der Mitarbeiter der Werkstatt zum Rauchen. Das ist höchst kompliziert. Ich kann bei den meisten nicht einschätzen, wie ausgeprägt ihre Behinderung ist. Das heißt, ich weiß nicht, wie und über was ich mit ihnen reden kann.  Ich beschließe, die halbe Zigarette zu opfern und zu verschwinden. Ich mag niemanden kränken, habe aber einfach keine Energie, mich schwierigen Diskussionen zu stellen. Ich drücke also die Zigarette aus und verschwinde zurück in Richtung Verwaltung. Dabei muss ich gefühlte 20mal irgendwen grüßen, der mir vage bekannt vorkommt. Dann kommt auch noch Kollegin H., die – wie immer – sagt: „Na – wieder geraucht?“ Sehr scharfsinnig. Ich habe alle Varianten nichtssagend-fröhlicher Antworten in den letzten Monaten durchgespielt. Heute entscheide ich mich für „Tja, die Sucht!“ und gehe schnell weiter. Ich ziehe die Schultern hoch und wünschte, ich wäre im sicheren Büro geblieben.

 

Ich entschließe mich, den Aufzug zu nehmen, um nicht noch einen Kuss von L. zu riskieren, der immer noch auf den Etagen unterwegs ist. Das war aber ein böser Fehler, denn in der ersten Etage steigt S. ein. Er wohnt im gleichen Stadtteil wie ich und fragt mich IMMER nach der Umleitung auf der Hauptstraße. Ich möchte mich jetzt endgültig in Luft auflösen. Im Flur steht M. immer noch am Kopierer. Mir fällt nichts mehr ein, ich gehe einfach vorbei. Leider wartet vor meinem Büro eine etwas entnervte Frau auf mich. Da sie mich mit Namen begrüßt, muss ich sie wohl kennen. Ich erinnere mich undeutlich an eine Besprechung beim Leitungstreffen und vermute, dass sie in der Gärtnerei arbeitet. Ihr Name würde mir aber auch in hundert Jahren nicht einfallen und ihr stark geschminktes Gesicht sagt mir gar nichts. Das kann übel sein, falls sie mich später bitten wird, sie anzurufen. Sie will mit mir über die Foto-Genehmigung der Werkstatt-Mitarbeiter reden und über die externe Festplatte, die immer noch nicht wieder erreichbar ist, weil Herr E., unser Fachmann, Murks gemacht hat. Ich versuche, so kompetent wie möglich zu wirken. Schließlich dackelt sie ab, nachdem ich ihr versichert habe, dass ich mit dem Netzwerk nix zu tun habe, sondern nur die Webseiten verwalte.

 

Geschafft! Ich falle völlig entnervt auf meinen Bürostuhl. Jetzt wäre eine Zigarette eigentlich schön…

 

Die ganze Aktion hat ungefähr 15 Minuten gedauert. Für mich ist das anstrengender als zwei Stunden am PC. Und das war nur eine PAUSE. Manchmal habe ich Besprechungen, Arbeitsgruppen und Konferenzen.

 

Wenn ich das nächste Mal das altbekannte „Was? Du sollst eine Autistin sein?“ zu hören bekomme, werde ich mir meinen SBA an die Stirn kleben und einen ganzen Tag lang nur noch auf meinem Stuhl wippen. Und währenddessen natürlich das Telefonbuch auswendig lernen und die Zahl Pi aufsagen.

 

"Well I feel like they're talking in a language I don't speak,
and they're talking it to me..."
Coldplay, Talk

 

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Foto: ROFLBOT
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