Mein Leben mit den Menschen - und mit Coco !

NEU! NEU! NEU!

 

Ich habe ein neues Hobby entdeckt - Henna-Tattoos.

Ihr könnt meine Versuche von Anfang an mitverfolgen in der "Henna-Galerie".

 

ACHTUNG: SVV-Trigger!

 

Do

08

Sep

2016

Plan B - von einseitigen Erwartungen, falschen Freunden und gruseligen Gruppen

 

„Was riecht denn hier so fies? Legt der Nachbar wieder fragwürdige Sachen auf den Grill?“

„Nein, MinDrago. Ich habe gerade versucht, meinen Schwerbehindertenausweis zu verbrennen.“

 

„What the fuck? Spinnst du? Warum das denn???“

 

„Habe keine Lust mehr, ‚behindert‘ zu sein. Immer anders zu sein als andere.“

 

„Aha. Und wenn du den Ausweis verbrennst, dann geht auch die Behinderung in Rauch auf? Wie doof ist das denn, Coco? Das ist so, als würdest du die Augen schließen und denken, dass die anderen dich dann nicht mehr sehen.“

 

„Oh – das funktioniert nicht? Mist – das war Plan B.“

 

„Sehr witzig.“

 

„Nein, so witzig ist das gar nicht. Ich habe es echt satt. Am Anfang dachte ich, dass der Ausweis zumindest beruflich nützt. Aber dann habe ich festgestellt, dass die Leute zwar schwer begeistert sind, wenn man sich als ‚hochbegabte Autistin‘ bewirbt, dann aber entweder automatisch erwarten, dass man ein genialer Computer-Nerd ist, oder enttäuscht sind, wenn sie dann, wie immer, im Gespräch ‚gar nichts davon merken‘. Als wäre ich verpflichtet, möglichst behindert zu erscheinen. Bekloppt.“

 

„Und privat?“

 

„Noch übler. Wenn du es sagst, glaubt es keiner. Und wenn du dann mal so reagierst, dass die anderen verunsichert oder genervt sind, haben sie den Autismus längst vergessen. Oder du versuchst, dich mit anderen Aspergern zu treffen. Das fand ich fast noch schwieriger. Da gibt es dann oft die „Wir-Autisten-Gruppe“, die sich fast ausschließlich über ihre Diagnose definiert. Ich bin mal aus einer SHG rausgeflogen, weil ich Kritik geübt habe. Dabei habe ich das nur auf ausdrückliche Nachfrage gemacht. Ich sollte unbedingt sagen, wie ich es fand. Habe ich dann getan. Und da hieß es dann, ich hätte wohl ‚nicht die richtige Einstellung‘, und außerdem sei ich ja ‚traumatisiert‘. Kann ich drauf verzichten. Ich denke, zwischen Autisten gibt es genauso Sympathien und Antipathien wie zwischen allen Menschen. Ich habe auch einige Asperger kennengelernt, die voll auf meiner Wellenlänge liegen. Aber dieses allgemeine ‚Wir-Gefühl‘ geht mir ab.“

 

„Hihi – ist doch klar: Du weißt ja – Asperger und Gruppen.“

 

„Ja, sehr lustig… Ein einziges Mal hatte ich das Gefühl, dass mich jemand genau so mag, wie ich bin. Mit Problemen und Marotten und Eigenheiten. Hatte das Gefühl, echt angekommen zu sein und verstanden zu werden. Und bin dann zum ‚verhängnisvollen Irrtum‘ erklärt und eiskalt ausgetauscht worden gegen eine Bilderbuch-Nicht-Autistin. Das reicht für den Rest meines Lebens. Ich denke, eine Handvoll gute Freunde und mindestens zwei Katzen sollten mir genügen. Und dafür brauche ich keine Diagnose und keine Selbsthilfegruppe. Ich habe damals die Diagnose als immense Erleichterung empfunden, weil ich endlich wusste, warum ich anders bin und dass nicht alles meine eigene Schuld ist. Leider habe ich aber übersehen, dass das Wissen, warum man anders ist, rein gar nix an der Tatsache an sich ändert. Mir hat die Diagnose im Endeffekt Unglück gebracht. Was machst du da, MinDrago?“

 

„Ich suche den Flammenwerfer.“

 

 

 

 

 

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Fr

05

Aug

2016

"You shall not pass!"

 

Warum denken so viele Menschen, dass eine hohe Intelligenz positiv, ein Geschenk sei?

 

Es mag sein, dass das so ist, wenn man gleichzeitig über eine hohe Resilienz verfügt, also eine große psychische Widerstandsfähigkeit. Wenn man aber psychisch labil ist, kann Intelligenz die perfideste Folter von allen sein.

 

Was nützt es, wenn man blitzschnell Probleme durchschauen kann, sich dann aber endlos verzettelt, weil man jede Lösungsmöglichkeit hundert Mal durchdenkt oder immer neue Wege zu finden glaubt? Wenn man in der Lage ist, sich in tausend Einzelheiten auszudenken, welche schlimmen Dinge passieren könnten? Ich habe gelesen, dass hochintelligente Kinder fast nie motorische Draufgänger sind, weil sie sich jede mögliche Verletzung bestens vorstellen können, die sie erleiden könnten, wenn sie vom Klettergerüst oder von der Mauer fallen. Klar, das meiste davon passiert nicht. Aber es könnte halt, das genügt schon.

 

Mein Gehirn verwendet seine Kapazität in erster Linie, um mich mit Gedanken und Erinnerungen zu quälen. Der gern verwendete Satz „Du musst das jetzt hinter dir lassen“ ist bei mir ungefähr so sinnvoll, als würde man einem toten Fisch vorschlagen, weniger zu stinken. Meine Gedanken führen ein fatales Eigenleben. Lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Ich denke sehr lebhaft, sowohl in Bildern als auch in Worten. Ich sehe meine Gedanken auf einer Art Spruchband. Das hat den Vorteil, dass ich nahezu perfekt in Rechtschreibung bin, denn wenn ein Wort korrekt abgespeichert ist, sehe ich es jedes Mal, wenn ich es denke. Es hat aber auch den Nachteil, dass ich vergangene Gespräche immer wieder neu aufleben lassen kann und sie dann wirklich bildlich durchleiden muss.

 

Ich kam damit klar, bis ich etwas erlebt habe, das sehr einschneidend war. Meine Therapeuten nennen es Trauma, ich nenne es einfach Schmerz. Ganz tiefen Schmerz, der in Schichten meines Bewusstseins oder wohl eher Unterbewusstseins gedrungen ist und irgendetwas geweckt hat, so eine Art Seelen-Balrog. Nur nicht ganz so dekorativ. Und weder „You shall not pass“ noch „Fly, you fools“ hat funktioniert. Er hat es sich bequem gemacht. Und er zwingt mich, immer wieder die Vergangenheit zu durchleben. Immer neu auf die Suche zu gehen nach den Fehlern, die ich gemacht habe, nach meinen Unzulänglichkeiten, meiner Schuld. Und er zwingt mich immer aufs Neue, zu versuchen, einen Sinn zu finden. Irgendetwas halbwegs Gutes zu finden, das es erlauben könnte, Frieden zu schließen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Und wenn ich glaube, es gefunden zu haben, entreißt er es mir wieder und schickt mich erneut auf die Suche.

 

„Ich glaube, ich verliere den Verstand“, habe ich vor kurzem zu jemandem gesagt, der mir nah steht. Und die Antwort lautete: „Macht nix. Danach bist du vermutlich immer noch schlauer als der Durchschnitt.“ Nein, bin ich nicht. Sondern einfach nur unglücklicher.

 

„Was schreibst du da, Coco? Was Wichtiges?“

 

„Nein, MinDrago, nichts Wichtiges.“

 

 

 

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Mo

25

Jul

2016

Herablassende Helfer

 

„Worüber denkst du nach, Coco?“

„Über das Helfen.“

„Hä? Wem sollst du denn helfen? Und wobei?“

„Es geht nicht um konkrete Hilfe, MinDrago, sondern um das Helfen an sich.“

„Verstehe ich nicht.“

„Ich finde das sehr schwierig. Ich glaube, so ziemlich jeder Mensch hilft gern anderen. Aber warum? Weil der andere sich dann freut? Weil man selbst sich dann besser fühlt? Ich war für eine Woche in London. Auf dem Weg zur Tube musste ich jeden Tag über eine Fußgängerbrücke über die Themse gehen. Und dort saß ein Bettler. Ein alter Mann, mit zerzaustem rotem Bart und wenigen Zähnen. Er sah so aus, als ginge es ihm wirklich nicht gut. Und ich habe ihm jeden Tag ein oder zwei Pfund gegeben. Er lächelte mich an und sagte ‚God bless you, Darling.‘“

„Und? Klingt doch gut.“

„Ja und nein. Ich habe diese Segenswünsche geliebt und mich jeden Tag darauf gefreut, ihm zu begegnen. Und irgendwann kam ich mir scheiße vor. Für mich war das ein kleiner Posten im Reiseetat. Für ihn war das vermutlich eine Menge Geld. Ich kam mir… herablassend vor. Arrogant. Als würde ich mir gute Gefühle kaufen.

  Und manchmal habe ich dieses ungute Gefühl auch, wenn ich Menschen sehe, die helfende Berufe ausüben. Der Satz ‚Ich möchte gern mit behinderten Menschen arbeiten‘ zum Beispiel. Warum willst du das? Um zu sehen, dass es anderen schlechter geht als dir selbst? Oder weil du Menschen um dich herum haben willst, die auf dich angewiesen sind? Oder weil du es brauchst, dass man dich für deine Hilfe liebt?“

 

„Du meinst das Helfersyndrom?“

„Ja, das ist wohl die extremste Ausprägung. Und ich denke, dass das Gefahren in sich birgt. Jeder möchte gemocht werden. Und jeder mag Anerkennung im Beruf. Aber wenn man dabei Grenzen überschreitet, wird es ungesund. Dann saugt man einfach gute Gefühle aus anderen Menschen. Man benutzt sie als Gefühlstankstelle. Es ist nichts mehr auf Augenhöhe. Verstehst du, was ich meine?“

„Ja, ich denke schon. Aber kann man das verhindern? Solche Menschen wird es immer geben. Und vielleicht ist es ja auch egal, aus welcher Motivation man hilft.“

„Nein, es ist nicht egal. Man sollte den anderen nicht zum Objekt degradieren. Selbst, wenn derjenige es vielleicht nicht merkt. Es ist irgendwie… unwürdig.“

„Wie hast du das mit dem Bettler gemacht? Ihm nichts mehr gegeben?“

„Doch, natürlich. Er brauchte es ja. Ich habe ihm gedankt und „God bless YOU!‘ gesagt Aber das war natürlich nicht die Lösung. Im Grunde hätte ich ihm anonym etwas geben müssen, aber das war ja nicht möglich.“

„Ganz schön kompliziert, was?“

„Ja. Wie würde mein Freund David sagen? ‚So ist es halt, das Leben.‘“

 

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Di

28

Jun

2016

Eine Nacht bei den Zwergen

Coco sitzt an ihrem Laptop. Und schreibt. Und schreibt. Und mir ist sooo langweilig.

 

"Schreibst Du für unser Blog?"

 

Unwilliges Murmeln. und ein genuscheltes "Nein."

 

"Solltest du aber. Und vielleicht solltest du auch mal erklären, warum wir so lange offline waren.

"Zwerge."

"Wie bitte?"

"Hörst du schlecht, MinDrago? ZWERGE!"

 

Jetzt spinnt sie wohl ein bisschen. Oder spielt sie vielleicht auf die Fruchtzwerge an, die ich gestern Nacht...? Ich hatte nach dem langen Lesen ein bisschen Hunger...

 

"Öh - tut mir leid. Du kannst ja neue kaufen. Ich gebe dir dafür den Rest meiner Schokolade."

 

Coco schaut endlich auf. Und ist verwirrt.

 

"Was meinst du denn?"

"Na ja, die Sache mit dem Quark..."

 

Coco runzelt die Stirn.

 

"Ich rede von realen Zwergen, nicht von überzuckertem Kinderzeugs."

 

Wow - jetzt geht's aber los!

 

"Reale Zwerge? Hast du sie noch alle? Oder meinst du diesen grusligen Gartenzwerg, den du in den Vorgarten gestellt hast und der die Nachbarskinder zum Heulen gebracht hat? Du weißt schon - dieser Zombie mit dem blutigen Beil."

 

Coco schüttelt den Kopf.

 

"Die Nachbarskinder heulen doch sowieso immer. Sie hauen sich gegenseitig ihre Schüppe auf den Kopf oder kippen ihren Saft um oder sonst was. Da macht so ein kleiner Zomie auch nix mehr aus."

 

Coco greift zum längst kalt gewordenen Kaffee und schielt zur Zigarettenschachtel.

 

"Nein, MinDrago. Ich rede von den Zwergen im Berg. Als ich klein war, habe ich mich quer durch die Kinderbücherei gelesen. Und bin irgendwann bei den Volkssagen gelandet. Da gab es die Geschichte eines Mannes, der bei einer Wanderung einem Zwerg begegnet. Der Zwerg nimmt ihn mit in den Berg, wo er mit seinen Mitzwergen lebt. Dort erlebt der Mann eine wunderbare Nacht - er bekommt zu essen und zu trinken, es gibt Musik und Tanz, und er darf sich den sagenhaften Schatz der Zwerge anschauen. Am Morgen bringt man ihn wieder hinaus, der Berg schließt sich hinter ihm."

 

"Na ja. Da habe ich schon spektakulärere Geschichten gehört, wenn ich ehrlich bin."

"Nun warte doch ab. Die Pointe kommt ja noch. Der Mann geht nach Hause in sein Dorf. Und dort begegnet er lauter Fremden. Niemand kennt ihn, und er kennt auch niemanden. Die eine Nacht bei den Zwergen hat im echten Leben hundert Jahre gedauert."

 

Aha. Das soll mir jetzt wohl irgendetwas sagen. Bestimmt wieder so ein symbolischer Germanisten-Kram. Das nächste Mal werde ich mich lieber bei einem Naturwissenschaftler einquartieren.

 

"Was genau willst du mir damit sagen, Coco?"

"Dass man manchmal Dinge erlebt, die nicht für einen bestimmt sind. Die dafür sorgen, dass man sein gewohntes Leben verlässt und auch nicht wieder dorthin zurückfindet. Dinge, die dich so verändern, dass dir nachher alles fremd ist."

 

Coco dreht sich wieder zum Monitor und schreibt weiter.

 

"Und was ist mit den Zwergen? Was machen die?"

"Die feiern weiter, MinDrago. Als wäre nichts gewesen."

"Und was ist aus dem Mann geworden?"

"Keine Ahnung. Wahrscheinlich hat er sich erhängt."

 

Uih - diese Geschichte ist ebenso kindergeeignet wie der Zombie im Vorgarten. Und die Fruchtzwerge.

Apropos - ich werde mal schauen, was noch so im Kühlschrank ist.

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Sa

18

Jun

2016

Back for good

 

„Du – MinDrago?“

„Ja?“

„Ich freue mich unheimlich, dass unsere Fans uns nicht vergessen haben. Und dass sie uns die unfreiwillige Pause nicht übel nehmen.“

„Ja – ich auch!“

„Meinst du, uns wird irgendwann wieder was Lustiges für unser Blog einfallen?“

„Ja. Ganz sicher. Wir trinken jetzt ganz viel Kakao. Im Notfall auch Portwein. Wir kuscheln mit den Katzen. Und wir schauen ‘Herr der Ringe‘, ‚Harry Potter‘ und, wenn es sein muss, vielleicht auch ‚Sinn und Sinnlichkeit‘. Und dann wird es immer besser. Und dann kommen uns wieder lustige Gedanken. Zum Beispiel die Geschichte, als du mal den Pressetermin beim Lions Club hattest und du dann aus Versehen-„

„Ja, schon gut MinDrago. Jetzt geh schön Kakao kochen!“

 

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Mo

02

Mai

2016

Nicht lustig - Missbrauch in der Therapie

 

„Was schreibst du da, Coco?“

 

 

„Einen Info-Text.“

 

 

„Autismus?“

 

 

„Nein. Etwas anderes.“

 

 

„Worum geht es?“

 

 

„Missbrauch.“

 

 

„Lass mich raten – Drogenmissbrauch? Nikotin und Tabletten?“

 

 

„Ich überhöre diese blöde Anspielung jetzt mal. Nein. Es geht um Missbrauch in therapeutischen Beziehungen.“

 

 

„Oh. Gibt es das oft?“

 

 

„Viel häufiger als man denkt. Die Dunkelziffer ist enorm. Nur sehr wenige Fälle werden angezeigt. Und in noch weniger Fällen kommt es zu einer Verurteilung. Die Gesetzeslage ist unklar.“

 

 

„Hä? Entweder, etwas ist verboten, oder nicht. Wo ist da die Unklarheit?“

 

 

„Sei doch nicht so dermaßen naiv, MinDrago. Vergewaltigung ist auch verboten – und schau dir mal die Kapriolen an, die das Gesetz da so dreht. Es ist für Frauen oft ein Ding der Unmöglichkeit, die Schuld des Täters zu beweisen. Und beim Missbrauch durch Therapeuten ist die Gesetzeslage noch viel unklarer. Für Psychotherapeuten gilt das sogenannte Abstinenzgebot. Sie dürfen keine sexuellen Beziehungen zu ihren Patienten und zu deren direkten Angehörigen haben.“

 

 

„Klingt doch ganz eindeutig.“

 

 

„Ja, schon. Aber nicht jeder Therapeut oder Berater ist auch Psychotherapeut. Denk an Seelsorger, Lehrer, Ärzte, Erziehungsberater, Psychologen und…und…und.“

 

„Und die dürfen das dann also?“

 

 

„Nein, eigentlich nicht. Aber der entsprechende Paragraph ist so verschwurbelt formuliert, dass es hundert Hintertürchen gibt.“

 

 

„Vielleicht ist es nicht nötig? Ist denn eine Beziehung zwischen Therapeut und Patient nicht okay? Eine ganz normale Sache zwischen zwei Erwachsenen, die sich halt nur unter besonderen Umständen kennenlernen?“

 

 

„Nein, das ist es nicht. In therapeutischen Situationen gibt es die sogenannte Übertragung. Wenn man das ganz simpel ausdrücken will: Der Patient sieht im Therapeuten eine Art ‚guten Vater‘, eine helfende Figur, zu der er aufsieht. Das ist quasi das Gegenteil einer Beziehung ‚auf Augenhöhe‘. Es besteht ein immenses Machtgefälle zwischen dem Ratsuchenden und dem Ratgebenden. Eine Therapie oder Beratung ist ja im Grunde nur unter solchen Bedingungen möglich. Wer würde Rat annehmen von jemandem, dem er nicht eine gewisse Kompetenz zuschreibt? Und bei psychischen Problemen kann diese Übertragung sehr stark werden. Man kann versucht sein, im Berater eine Art Götterfigur zu sehen und diese tiefe Bewunderung mit Liebe zu verwechseln. Und wenn dieser ‚Gott‘ dann kein guter ist, der diese Übertragung auffangen kann, sondern ein ausnutzender ‚Gott‘, kann das schlimme Folgen haben.“

 

 

„Aber das merkt man doch, wenn man ausgenutzt wird, oder?“

 

 

„Nein, nicht wenn man dem Therapeuten uneingeschränktes Vertrauen und vielleicht eben sogar Übertragungsliebe entgegenbringt. Ganz im Gegenteil, man fühlt sich vielleicht sogar fantastisch, weil man die oder Auserwählte ist, den der Gott zu seinem Gefährten wählt. Fast immer ist es Kombination männlicher Therapeut, weibliche Patientin. Es gibt bei missbrauchenden Therapeuten den sogenannten „Rachetyp“, der sehr direkt und mitunter sogar gewaltsam vorgeht. Viel schwerer zu erkennen aber ist der „Wunscherfüllertyp“. Er zieht die Patientin mehr und mehr in eine Art Traumwelt. Die Patientin wird als „etwas ganz Besonderes“ bezeichnet, als „Lieblingspatientin“. Der Therapeut geht mehr und mehr auf die private Ebene, erzählt von seinen eigenen Problemen, macht die Patienten selbst zu seinem Therapeuten. Er gibt ihr das Gefühl besonderer Wichtigkeit und isoliert sie gleichzeitig von ihren realen Kontakten. Er erklärt, dass sie ihre miese Ehe „nicht verdient“ habe, mehr „an sich selbst denken“ müsse und mit dem richtigen Partner doch viel glücklicher sein könne. Gerade Menschen, die Probleme haben, reagieren oft extrem auf eine solche Aufwertung – es fühlt sich an wie ein Traum: Der ‚beste Mensch der Welt‘ erwählt ausgerechnet sie! Der Schritt zur sexuellen Beziehung ist dann nur noch ein sehr kleiner.“

 

 

„Und dann? Happyend?“

 

 

„Nein. Wenn es wirklich Liebe wäre, müsste der Therapeut sofort die Therapie beenden und in Supervision gehen. Und dann gibt es eine Art Sperrfrist, bis zu zwei Jahre, in denen er und die Patientin keinen Kontakt haben dürfen. Erst, wenn danach noch Gefühle da sind, ist eine Beziehung erlaubt.

In missbräuchlichen Beziehungen verspricht der Therapeut  ein Happyend. Aber die Realität ist grausam. Zuerst verpflichtet er die Patientin zur Geheimhaltung, aus diversen Gründen – seine Ehe, die Therapie, die Kollegen…Das isoliert die Patientin zusätzlich. Sie kann mit niemandem darüber reden und wird so noch stärker auf den Therapeuten fixiert. Es gibt viele Gründe, aus denen Therapeuten so handeln. Selbstwertsteigerung in Lebenskrisen, eigene Traumatisierung und vieles mehr. Keiner dieser Gründe aber rechtfertigt ein solches Verhalten. Selbst wenn die Gründe nachvollziehbar erscheinen, verrät dieser Mensch damit seinen Beruf. Und es geht niemals gut. Die Psychologin Monika Becker-Fischer, die sich seit Jahren intensiv mit dem Thema befasst, drückt es absolut treffend aus:

 

 

Spätestens das Ende, egal, durch wen es herbeigeführt wurde, ist qual- und grauenvoll. Letztlich kulminiert die inhärente Zerstörungskraft in den schwerwiegenden Schädigungen der Patientinnen. Sie dringt in die familiären oder partnerschaftlichen Bindungen der Frauen ein.

 

 

Die psychischen Schädigungen des sogenannten professionalen Missbrauchstraumas können entsetzlich sein. Sie werden verglichen mit den Folgen von Inzest – der extreme Vertrauensbruch durch eine enge Bezugsperson ist der Kern dieses Traumas.“

 

 

„Was sind denn die Folgen?“

 

 

„Die sind vielfältig. Das Selbst- und Weltbild wird zutiefst erschüttert. Es ist leider der Normalfall, dass die Therapeuten, sobald ihnen klar ist, dass die Sache Folgen für sie haben kann, die Frauen fallenlassen und nicht bereit sind, auch nur ein klärendes Gespräch zu führen. Aus ‚Du bist die wundervollste Frau der Welt‘ wird dann ‚Das ist jetzt dein Problem – bitte lass mich in Ruhe! Und erzähl niemandem davon.‘ Das ist für die betroffenen Frauen kaum zu ertragen:

 

 

Der gute, verständnisvolle, geliebte Therapeut entpuppt sich plötzlich als sein Gegenteil, als egoistisch, eiskalt, unempathisch, brutal. Die Patientinnen sehen sich mit seiner abgespaltenen Schattenseite konfrontiert.

 

 

Die Patientin kann es nicht fassen, leugnet den offensichtlichen Verrat und Missbrauch und gibt sich selbst die Schuld. Sie kann nicht ertragen, dass es keine Liebe war, hält an der Vorstellung fest, um nicht ertragen zu müssen, dass man sie wie eine Prostituierte benutzt hat. Dieser emotionale Spagat kostet enorme Kraft. Hinzu kommt ein Gefühl der Verwirrung und Orientierungslosigkeit – sie hat das Gefühl., ihren eigenen Gefühlen nicht mehr trauen zu können.“

 

 

„Und der Therapeut?“

 

 

„Zeigt im günstigsten Fall Desinteresse, im ungünstigsten stellt er die Frau als Täterin hin, die ihn verführt habe. Und die meisten Frauen übernehmen dann auch artig diesen Part. Sie klagen sich selbst an, den Therapeuten durch ihre Verliebtheit in Schwierigkeiten gebracht zu haben. Sie verlieren jedes Selbstwertgefühl:

 

 

Indem die Opfer die Schuldgefühle und das Verantwortungsbewusstsein übernehmen, das die Therapeuten im Regelfall vermissen lassen, versuchen sie auf Kosten ihrer Gesundheit das erschütterte Grundvertrauen in  eine sichere und kontrollierbare Welt wiederherzustellen und werden dabei immer kränker.

 

 

Sie richten ihre Wut nicht gegen den Therapeuten, sondern gegen sich selbst. Depressionen, Selbstverletzungen, Drogenmissbrauch, Suizidgedanken  sind normal. Es klingt unglaublich, aber Langzeitstudien haben gezeigt, dass die Belastung der Opfer professionalen Missbrauchs noch nach Jahren dieselben Werte zeigt wie die von Folteropfern. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die Frauen ja schon zu Beginn der Therapie psychische Probleme hatten, sonst hätten sie die Therapie ja nicht gebraucht. Nicht wenige von ihnen haben sogar schon zu einem früheren Zeitpunkt Missbrauch erlebt.“

 

 

„Und das alles ist nicht verboten???“

 

 

„Na ja, theoretisch halt schon. Aber die meisten Frauen erstatten keine Anzeige, oft, weil sie den Therapeuten wirklich lieben und ihm nicht schaden wollen. Manchmal erstatten die Partner Anzeige. Was folgt, ist entweder eine Einstellung des Verfahrens gegen lächerliche Geldstrafen oder monatelange Verfahren, an denen die ohnehin labilen Frauen fast kaputt gehen. Sie müssen zu Gutachtern, müssen Beweise bringen, immer wieder aussagen. Sie erleben heftige Formen des Victim Blaming, werden als rachsüchtige verlassene Frauen hingestellt, die dem untreuen Liebhaber eins auswischen wollen. Viele der Täter-Therapeuten haben fachlich einen guten Ruf, niemand traut ihnen so etwas zu. Wer glaubt da einer Frau, die vielleicht schon etliche Therapien oder Klinikaufenthalte wegen Depressionen oder ähnlichem hatten? Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Und immer wieder heißt es, die Frau habe ja freiwillig mitgemacht, wo denn da der Missbrauch sei? Und wenn es wirklich mal zu einem Urteil kommt, ist es fast immer ein Freispruch. Der Bundesgerichtshof hat 2011 ein in Fachkreisen mehr als umstrittenes Urteil gesprochen, das besagt, dass es sich, trotz Beratungs- oder Behandlungsverhältnisses, nicht um einen Missbrauch handle, wenn es eine „echte“ Liebesbeziehung war. Der Therapeut braucht also vor Gericht einfach nur zu behaupten, dass er die Frau wirklich geliebt habe – und zack, hat er den Freispruch. Warum er die Frau dann so eiskalt hat fallenlassen, fragt der Richter meist nicht. Und wenn doch, sagt der Therapeut halt, die Liebe sei eben erloschen oder er habe sich geirrt oder habe seine Ehe retten wollen. Such is life“

 

 

„Das ist irgendwie…ekelhaft.“

 

 

„Mehr als das. Es ist grausam. Ich habe mehrfach beruflich mit Frau Dr. Becker-Fischer gesprochen. Und sie hat mir von Fällen berichtet, die mich sprachlos gemacht haben. Da werden Teilnehmer eines Trauerbewältigungskurses missbraucht, und der Richter sagt dann: ‚Was wollen Sie denn? Ist doch total nett, dass der Therapeut sich auch privat noch gekümmert hat.‘ Oder die Behandlung oder Beratung wird als ‚Freundschaftsdienst‘ innerhalb einer Beziehung gewertet – ungeachtet dessen, dass diese Freundschaft und spätere sexuelle Beziehung erst in diesem Beratungsverhältnis entstanden ist. Übrigens sind auch oft Asperger-Autisten getroffen. Da heißt es dann gern: ‚Na ja, die sind halt behindert. Die reagieren über, wenn sie endlich mal Zuneigung bekommen. Zum Kotzen.“

 

 

„Kümmert sich denn da niemand?“

 

 

„Doch. Glücklicherweise. Es gibt viele Menschen, Fachleute, die das Problem schon lange kennen. 1991 hat sich das ‚Verbändetreffen gegen Grenzverletzungen und sexuellen Missbrauch in Psychotherapie und psychosozialer Beratung‘ gegründet. Ihm gehören alle wichtigen Verbände aus Psychotherapie und Beratung bundesweit an. Sie haben das Verbändetreffen damals gegründet, um die Verankerung im Gesetz durchzusetzen. Anlässlich eines aktuellen ziemlich schlimmen Falles, der mit Freispruch endete, haben sie nun beschlossen, an einer weiteren Verbesserung der entsprechenden Paragraphen zu arbeiten und setzen nun auch vor allem auf Weiterbildung für Juristen, damit die endlich kapieren, was da passiert.“

 

 

„Wenigstens ein kleiner Hoffnungsschimmer. Du, Coco? Wie kriegen wir denn da die Kurve zu einem Schlussgag?“

 

 

„Gar nicht. Manches ist einfach nicht zum Lachen, MinDrago.“

 

 

„Komm, wir machen uns einen Kakao.“

 

 

 

 

[Die kursiv gedruckten Zitate sind aus dem Buch „Sexuelle Übergriffe in Psychotherapie und Psychiatrie“ von Monika Becker-Fischer und Gottfried Fischer. Asanger Verlag, Kröning: 2008]

 

 

 

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Di

15

Mär

2016

Ganz normal...

 

Ich arbeite an drei bis vier Tagen in der Woche als PR-Referentin bei einer Organisation für Menschen mit Behinderungen. Ich habe dort ein Büro, das ich mir mit einer Kollegin (oder eher Freundin) teile. Wir sind perfekt aufeinander eingespielt, es funktioniert also sehr gut. Was wohl auch daran liegt, dass sie der sozial kompetenteste Mensch ist, den ich kenne. Und darüber hinaus einfach nur großartig. Sie liest oft meine Mails auf unbeabsichtigte Unhöflichkeiten gegen, während ich ihr am PC weiterhelfe, mit dem sie auf Kriegsfuß steht und den sie liebevoll „Arschloch“ nennt.

 

Vor zwei Jahren habe ich mir das Rauchen wieder angewöhnt. Das bedeutet, dass ich alle ein bis zwei Stunden meinen sicheren Büro-Hort verlassen muss.

 

Ich stehe vom Schreibtisch auf, ziehe die Jacke an und stecke die Zigaretten ein. Dann gehe ich an die Bürotür und schaue, ob jemand im Flur ist. Nein, niemand da. Also los. Nicht schnell genug, denn genau in dem Moment begegnet mir Sekretärin M. auf dem Weg zum Kopierer. Jetzt muss ich blitzschnell überlegen – habe ich sie heute schon gesehen und gegrüßt? Wenn nicht, sage ich freundlich „Hallo!“ und rausche an ihr vorbei. Schwieriger wird es, falls wir uns bereits gegrüßt haben. Was sagt man dann? „Schönes Wetter.“ Oder: „Na, wieder fleißig?“ Das alles funktioniert aber nur in der ersten Zigarettenpause. Für die nächste brauche ich dann anderes Repertoire. Oder ich lächle unbestimmt und gehe vorbei. So – bis ins Treppenhaus geschafft. Zu früh gefreut. Dort lauert L., ein Mensch mit Handicap, der hier die Botengänge erledigt. L. ist ein echter Charmeur, und wenn ich ihn sehe, möchte ich gern ganz weit weg sein. Er begrüßt mich immer mit Namen und Handkuss und erklärt mir, was für ein „hübsches Mädchen“ ich sei (nicht ganz meinem Alter angemessen). Und wenn ich Pech habe, gibt es auch mal einen Kuss auf die Wange. Ich habe aber wenigstens ein bisschen Glück, denn L. ist nach oben unterwegs, während ich hinunter gehe. Ein längeres Gespräch fällt also flach.

 

Nach zwei Etagen habe ich den rückwärtigen Ausgang erreicht. Früher war ich damit bereits am Ziel, denn hier stand ein Aschenbecher. Leider ist im Sommer aber eine Spielgruppe in die Räume der unteren Etage gezogen, die nun das Außengelände mitnutzt. Da es für die kleinen Kinder nicht sehr erbaulich wäre, ständig auf rauchende Menschen zu schauen, ist hier nun Rauchverbotszone. Dummerweise ist gerade Pause und die Kinder und die Betreuerinnen sind draußen. Jetzt wird es schwierig. Ich schaue unbestimmt in ihre Richtung und passe den Moment ab, in dem eine von ihnen grob in meine Richtung schaut. Dann grüße ich schnell und gehe weiter. Ich kann mir weder ihre Gesichter noch ihre Namen merken, obwohl ich bereits mehrere Gespräche im Büro mit ihnen hatte. Peinlich.

 

Schnell über das Außengelände, über den Parkplatz und rüber zur Werkstatt, wo nun die Aschenbecher stehen. Sieht gut aus – niemand außer mir da. Ich vermeide es, durch die Glasscheibe in den Empfang zu schauen, weil ich sonst A. grüßen muss, die dort den Pförtner spielt. Denn wenn ich sie grüße, erwartet sie, dass ich reinkomme und plaudere. Ich stelle mich in eine Ecke und zünde meine Zigarette an. Die Glastür geht auf. Herr K. kommt raus. „Mahlzeit!“ Warum sagen Leute „Mahlzeit“, nur weil es auf 12 Uhr zugeht? Ich esse mittags nie etwas. Ich murmle „Hallo“ und zücke mein Smartphone, weil ich nicht weiß, wohin ich schauen soll. Herr K. geht weiter, ohne den gefürchteten Satz „Ah, wie gut, dass ich Sie sehe!“ zu sagen. Weil ich leider für alle Abteilungen zuständig bin, hat ständig irgendwer ein Anlegen an mich. Als die Zigarette zur Hälfte geraucht ist, kommen einige der Mitarbeiter der Werkstatt zum Rauchen. Das ist höchst kompliziert. Ich kann bei den meisten nicht einschätzen, wie ausgeprägt ihre Behinderung ist. Das heißt, ich weiß nicht, wie und über was ich mit ihnen reden kann.  Ich beschließe, die halbe Zigarette zu opfern und zu verschwinden. Ich mag niemanden kränken, habe aber einfach keine Energie, mich schwierigen Diskussionen zu stellen. Ich drücke also die Zigarette aus und verschwinde zurück in Richtung Verwaltung. Dabei muss ich gefühlte 20mal irgendwen grüßen, der mir vage bekannt vorkommt. Dann kommt auch noch Kollegin H., die – wie immer – sagt: „Na – wieder geraucht?“ Sehr scharfsinnig. Ich habe alle Varianten nichtssagend-fröhlicher Antworten in den letzten Monaten durchgespielt. Heute entscheide ich mich für „Tja, die Sucht!“ und gehe schnell weiter. Ich ziehe die Schultern hoch und wünschte, ich wäre im sicheren Büro geblieben.

 

Ich entschließe mich, den Aufzug zu nehmen, um nicht noch einen Kuss von L. zu riskieren, der immer noch auf den Etagen unterwegs ist. Das war aber ein böser Fehler, denn in der ersten Etage steigt S. ein. Er wohnt im gleichen Stadtteil wie ich und fragt mich IMMER nach der Umleitung auf der Hauptstraße. Ich möchte mich jetzt endgültig in Luft auflösen. Im Flur steht M. immer noch am Kopierer. Mir fällt nichts mehr ein, ich gehe einfach vorbei. Leider wartet vor meinem Büro eine etwas entnervte Frau auf mich. Da sie mich mit Namen begrüßt, muss ich sie wohl kennen. Ich erinnere mich undeutlich an eine Besprechung beim Leitungstreffen und vermute, dass sie in der Gärtnerei arbeitet. Ihr Name würde mir aber auch in hundert Jahren nicht einfallen und ihr stark geschminktes Gesicht sagt mir gar nichts. Das kann übel sein, falls sie mich später bitten wird, sie anzurufen. Sie will mit mir über die Foto-Genehmigung der Werkstatt-Mitarbeiter reden und über die externe Festplatte, die immer noch nicht wieder erreichbar ist, weil Herr E., unser Fachmann, Murks gemacht hat. Ich versuche, so kompetent wie möglich zu wirken. Schließlich dackelt sie ab, nachdem ich ihr versichert habe, dass ich mit dem Netzwerk nix zu tun habe, sondern nur die Webseiten verwalte.

 

Geschafft! Ich falle völlig entnervt auf meinen Bürostuhl. Jetzt wäre eine Zigarette eigentlich schön…

 

Die ganze Aktion hat ungefähr 15 Minuten gedauert. Für mich ist das anstrengender als zwei Stunden am PC. Und das war nur eine PAUSE. Manchmal habe ich Besprechungen, Arbeitsgruppen und Konferenzen.

 

Wenn ich das nächste Mal das altbekannte „Was? Du sollst eine Autistin sein?“ zu hören bekomme, werde ich mir meinen SBA an die Stirn kleben und einen ganzen Tag lang nur noch auf meinem Stuhl wippen. Und währenddessen natürlich das Telefonbuch auswendig lernen und die Zahl Pi aufsagen.

 

"Well I feel like they're talking in a language I don't speak,
and they're talking it to me..."
Coldplay, Talk

 

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So

17

Jan

2016

Schöne Scheiße!

 

„Oh – alte Fotos! Zeig mal, bist du da drauf?“

 

„Ja. Es sind Fotos aus dem Nachlass meiner Mutter. Wir haben, als ich klein war, immer Urlaub auf dem Bauernhof gemacht. Hier, schau.“

 

„Dieses dürre Wesen bist du? Die Katze, die du auf dem Arm hast, ist fast größer als du.“

 

„Ja. Damals ist meine Liebe zu Katzen erwacht. Die armen Tiere hatten keine Ruhe vor mir. Ich habe aber auch Kühe gestreichelt und Schweine geküsst. Meine Mutter war immer kurz vorm Herzinfarkt. Für mich war es ein Traum – den ganzen Tag durch die Ställe laufen, überall Tiere. Herrlich.“

 

„Hat der Geruch dich nicht gestört?“

 

„Kein bisschen – ich habe den Stallgeruch geliebt! Vor einigen Jahren war ich im Urlaub in einer Käserei. Nachdem ich dort alle Sorten durchprobiert und ein kleines Vermögen ausgegeben hatte, durfte ich in die Kuh- und Ziegenställe. Es war so schön, genau wie in meiner Kindheit. Aber als ich dann wieder draußen war, habe ich gemerkt, dass ich Stallgeruch inzwischen nicht mehr ganz so gern in den Haaren und Kleidern hängen habe.“

 

„Dein Outfit auf dem Foto ist etwas…gewöhnungsbedürftig, wenn ich das sagen darf.“

 

„Es war perfekt! Das T-Shirt habe ich geliebt, mein Vater hatte es mir geschenkt. Tom und Jerry als Musketiere. Ich habe den Nachbarsjungen zutiefst verachtet, weil er ‚Muskeltiere‘ gesagt hat. T-Shirts waren ein Traum – einfach anziehen und fertig. Immer bequem. Diese Shorts hatte ich in mehreren Varianten. Sie waren aus Frottee, keine Knöpfe und kein Reißverschluss. Und Gummistiefel habe ich nicht nur auf dem Bauernhof getragen, sondern auch zuhause beim Spielen draußen. Man schlüpft rein und sie passen. Kein lästiges Schnüren, herrlich.“

 

„Auf dem Foto da siehst du aber nicht sehr glücklich aus. Und du bist total dreckig.“

 

„Das war auch nicht sehr schön, ich denke nicht gern daran.“

 

„Erzähl.“

 

„Ich habe früher Steine gesammelt. Ich fand sie wunderschön. In allen Farben. Sie mussten glatt sein und glänzen. Und möglichst wenige Ecken haben.“

 

„Und?“

 

„An diesem Tag hatte ich den perfekten Stein gefunden – ich war überglücklich! Er lag vor mir in der Sonne. Perfekt rund, glänzend, in einem atemberaubend schönen Karamellton. Ich griff nach ihm – und er war weg.“

 

„Hä? Ein Traum?“

 

„Nein. Ein Häufchen Hühnerscheiße. – Hör sofort auf zu lachen!“

 

„Sorry, aber das ist echt witzig!“

 

„Für mich nicht. Ich war schockiert, habe meine Hand an meiner Kleidung abgewischt. Und als meine Mutter mich fragte, was los sei, habe ich geschwiegen. Ich konnte nicht darüber sprechen. Die Enttäuschung war so schlimm. Und die Demütigung war fast noch schlimmer. Hühnerscheiße an meinen Klamotten. Warum meine Mutter davon nun auch noch unbedingt ein Foto machen musste, ist mir schleierhaft. Vielleicht fand sie es lustig.“

 

„Kannst du nach all den Jahren immer noch nicht darüber lachen?“

 

„Nein, kann ich nicht. Wenn du dich am Ziel deiner Träume siehst und dieses sich dann als Scheiße entpuppt, ist das nicht lustig. Ich habe danach nie mehr Steine gesammelt.“

 

„Und dich stattdessen auf Katzen verlegt, so wie es aussieht.“

 

„Vielleicht aus gutem Grund. Katzen sind nämlich wirklich perfekt. Bei ihnen habe ich noch nie böse Überraschungen erlebt.“

 

„Yoshi hat gerade auf dein Manuskript gekotzt.“

 

„Ist mir wurscht.“

 

„War auch nur ein Test. In Wirklichkeit hat er auf den Teppich gepinkelt.“

 

„Dann habe ich jetzt wenigstens etwas Sinnvolles zu tun. Fotos angucken mag ich eh nicht mehr. Ich verstehe nicht, warum manche Menschen das so gern tun. Mich macht es immer traurig.“

 

„Falls du mal deine Autobiografie schreiben wirst, kannst du sie ja ‚Der perfekte Stein‘ nennen. Wie ich dich kenne, hast du noch hunderte andere ebenso erbauliche Erinnerungen.“

 

„Im Moment erinnere ich mich nur daran, dass wir noch Eis haben. Wie wär’s?“

 

„Gebongt. Solange es kein Karamell ist.“

 

Mi

23

Dez

2015

Klebriger Kuchen und kitschige Aktionen

 „Was war das denn für ein Lärm, Coco?“

 

 „Ach, nix. Ich habe nur Honigkuchen gebacken.“

 

„Mit der Axt???“

 

„Es ist Tradition, dass ich beim weihnachtlichen Honigkuchenbacken irgendetwas schrotte. Der Teig ist furchtbar klebrig und zentnerschwer. Letztes Jahr hat es die Knethaken erwischt. Davor das Jahr zwei Holzlöffel. Und diesmal hat es leider der Teigschaber nicht überlebt – der Stiel ist abgebrochen.“

 

„Wow - Amok-Backen. Warum hast du trotzdem gute Laune?“

 „Weil ich heute etwas Spaßiges gemacht habe.“

 

„Erzähl!“

 

„Also, ich musste heute noch einige Sachen einkaufen. Lebensmittel, ein Geschenk, und ich musste noch zur Post. Ich hatte mich für das Schlimmste gewappnet – einen Tag vor Heiligabend. Und dann kam es irgendwie anders als ich befürchtet hatte.“

 

„Inwiefern?“

 

„Es war überall sehr voll, aber gar nicht so stressig wie ich erwartet hatte. Und als ich meine Briefmarken bezahlt habe, habe ich etwas in meiner Tasche gefunden.“

 „Das Übliche? Alte Schokoriegel? Zerknüllte Taschentücher? Ausgelaufene Creme-Pröbchen?“

 

„Sehr lustig, MinDrago. Nein – ich habe mehrere kleineSchoko-Weihnachtsmänner gefunden. Ich hatte sie für die Kollegen im Büro gekauft. Aber irgendwie war am letzten Tag niemand mehr da, alle hatten schon Urlaub.  Und da ist mir eine Idee gekommen.“

 „Lass mich raten – du hast den Einkauf geschmissen und die Dinger alle selbst verdrückt?“

 

„Nein, meine liebe Bestie, das hättest DU getan. Mir fiel ein, wieviel Lob und nettes Feedback ich in diesem Jahr für meine Jobs bekommen habe.“

 „Hä? Meistens bist du als Zombie zur Arbeit gewankt, weil es dir andauernd mies ging. Oder du bist auch mal ganz im Bett geblieben.“

 

„Na ja, so ganz habe ich es auch nicht verstanden. Irgendwas muss ich wohl trotzdem richtig gemacht haben. Mein Chef hat mir persönlich gedankt, die Vorstandssitzung hat die Websites und den Newsletter gelobt, ein lokales Theater hat mich zum Jubiläum eingeladen und ich habe nette Leserbriefe bekommen. Und dann habe ich kurz vor Jahresende noch die Zusage bekommen, dass ich demnächst für eine überregionale Zeitung arbeiten kann. Und obwohl - oder vielleicht gerade weil - das Jahr ziemlich horrormäßig war, hat mich das alles sehr gefreut.“

 „Ja, sehr spannend (gähnt)…was hat das mit den Schoko-Männern zu tun?“

 

„Ganz einfach – ich dachte mir, dass andere Menschen sich auch freuen, wenn man ihre Arbeit anerkennt. Also habe ich die Weihnachtsmänner auf meiner Tour verteilt. Der nette Mann in der Postfiliale hat einen bekommen. Bei allem Stress bleibt er immer freundlich. Und ich darf immer seinen wuscheligen Hund streicheln. Die Nächste war die Kassiererin im Supermarkt, die dem alten Mann vor mir in der Schlange so lieb geholfen hat, seinen Einkauf zu verstauen. Und am meisten hat sich der Mann gefreut, der immer vor dem Supermarkt die Obdachlosen-Zeitung verkauft. Es hat mich sehr viel Überwindung gekostet. Und ich kam mir auch total blöd dabei vor. Aber es war okay."

 

„Ach du Scheiße - wie kitschig ist das denn? Nächstenliebe vor Weihnachten? Was kommt denn noch? Kirchgang am Heiligabend? Märchenstunden für Kinder? Einsatz in der Suppenküche?“

 „Alter Zyniker. Aber ich habe dich längst durchschaut – irgendjemand hat nämlich mein Paypal-Konto benutzt, um eine Spende an das Tierheim und an die Tafel zu überweisen.“

 

„Öh…das war ich nicht. Das war…“

 

„Ja, schon gut. Hier, der letzte Schoko-Weihnachtsmann ist für dich. Du hast auch gute Arbeit geleistet dieses Jahr. Trotz der Zwangspause im Frühling und Sommer haben alle Fans unseres Blogs uns die Treue gehalten. Und viele neue sind dazu gekommen. Das ist dein Verdienst. Und jetzt kau zuende, und dann schauen wir Christmas Carol mit Patrick Stewart. Und essen ein Stück Honigkuchen.“

 „Film ja – Kuchen nein. Ich möchte nicht, dass meine Zähne dasselbe Schicksal erleiden wie der Teigschaber.“

 

„Vanillekipferl?“

 

„Gebongt!“

 

 

 Euch allen schöne Weihnachten!

 

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Do

10

Dez

2015

Im freien Fall

„Du, MinDrago?“

„Mmh?“

„Du schaust doch so gerne alte Zeichentrickfilme, wie Tom und Jerry. Kennst du das, wenn eine Figur vor etwas wegrennt oder jemanden jagt und dabei über den Rand einer Klippe läuft?“

„Ja klar. Sie läuft dann noch einige Schritte durch die Luft, stoppt dann, sieht nach unten, und wenn sie merkt, dass da kein fester  Boden mehr ist, fällt sie. Immer wieder gern gesehen.“

„Bei mir ist es genauso.“

„Wie meinst du das?“

„Ich renne immer drauflos. Ohne nachzudenken. Zumindest, wenn es um Gefühle geht. Und dann ist es egal, ob es Wut ist oder Angst oder Liebe. Erstmal losstürmen. Ein Pickel im Gesicht? Das ist Hautkrebs – also ab zum Spezialisten, der dann gefühlte dreihundert Untersuchungen macht, um am Ende festzustellen, dass es ein Pickel ist. Wütend auf jemanden? Erstmal eine böse Mail schreiben und alles raus lassen. Verliebt? Gehirn abschalten, losrennen, jeden Mist glauben. Und am Ende steht immer der freie Fall. Irgendwann siehst du nach unten und merkst, dass du viele Schritte zu weit gegangen bist. Und die anderen, die ‚normalen‘ Menschen, sind artig am Rande des Abgrundes stehengeblieben und sehen dir verständnislos hinterher, wenn du fällst.“

„Sehr bildlich ausgedrückt. Und ich gebe zu – der Vergleich hat was. Ich erkenne dich darin in gewisser Weise wieder.“

„Ja – nur im Zeichentrickfilm ist es lustig. Im echten Leben nicht so. Man verletzt damit andere und sich selbst. Ich kann Gefühle sehr schlecht filtern, das ist genauso wie bei Reizen von außen. Die anderen merken gar nichts, und ich drehe fast durch, weil es irgendwo piept, eine Lampe flackert oder es nach Bratwurst riecht. Andere Menschen haben ihre Gefühle einfach oft besser unter Kontrolle. Oder vielleicht empfinden sie sie auch einfach nicht so heftig wie ich. Man kann das ja leider nicht vergleichen. Auf jeden Fall kann ich oft überhaupt nicht voraussehen, wie das, was ich mache, beim anderen ankommt. Und dann bin ich ganz fassungslos, wenn ich merke, dass ich Mist gebaut  habe und die Reaktion anderer Menschen total falsch eingeschätzt habe.“

„Warst du nicht letztens bei einem Meditations-Workshop? Wie zur Hölle bist du da eigentlich gelandet – war das beruflich?“

„Nein. Ich hatte eine Wette verloren. Das war ganz interessant da. Ein sehr charismatischer Mensch mit höchst angenehmer Stimme hat uns die Grundzüge der Meditation erklärt und auch mit uns durchgeführt. Das war faszinierend! Wenn man darin geübt ist, soll es einem angeblich die Fähigkeit verleihen, die eigenen Gefühle distanziert betrachten und entscheiden zu können, welche man zulässt und welche nicht.“

„Klingt doch perfekt für Dich! Und? Klappt es?“

„Nicht wirklich. Ich kann mich nicht konzentrieren. So was ist extrem schwierig für mich. Ich habe in der Klinik immer die Flucht ergriffen, wenn progressive Muskelentspannung oder, noch schlimmer, ‚Traumreise‘ auf dem Programm stand. Die Leiterin hatte einen schrecklichen Dialekt und hat die Anweisungen immer  falsch betont, eine Qual. Und meine Reise führte mich immer eher in den siebten Kreis der Hölle. Aber Meditation ist ja etwas anderes, ich denke, ich werde mal weiterüben.“

„Und wenn es nicht klappt, lebst du halt weiter dein Tom-und-Jerry-Leben. Dann wird es wenigstens nicht langweilig.“

„Vielen Dank für die nette Unterstützung, MinDrago. Ich denke aber, ich kann mich da noch steigern.“

„Steigern? Inwiefern?“

„Itchy und Scratchy.“

 


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Di

10

Nov

2015

Handgreiflichkeiten

„Was zur Hölle machst du da???“

Coco gestikuliert wild vor sich hin und hat dabei fast ihre Kaffeetasse über die Tastatur ihres Laptops geschüttet. Keine Ahnung, was das nun wieder soll.

„Ich übe, MinDrago.“

„Aha. Warum? Das Umkippen von Getränken beherrscht du doch bereits auf Profi-Niveau.“

„Spaßig. Ich lache dann später. Schau mal hier – das ist eine Anmeldung an einer Schule für Gebärdensprache. Im Januar geht’s los.“

„Hä? Du lernst Gebärdensprache? Warum?“

„Mmh, gute Frage. Das hat mehrere Gründe. Der erste ist, dass ich dringend eine neue Herausforderung brauche, weil ich sonst in meinen Jobs vor Langeweile kaputt gehe. Der zweite ist, dass ich selbst genau weiß, wie man sich fühlt, wenn die Kommunikation mit anderen Menschen schwierig ist. Nämlich sehr einsam. Ich mag den Gedanken, für andere eine Art ‚Brücke‘ sein zu können.“

„Und wie bist du auf diese Idee gekommen?“

„Darauf hat mich eine Mitmenschin gebracht. Sie war fasziniert davon, dass ich zwar an manchen Tagen derart holzkopfig bin, dass ich nicht einmal ein Wortspiel kapiere. Dass ich aber gleichzeitig in der Lage bin, an den kleinsten Gefühlsregungen meiner Kater wie Ohrenzucken oder Pfotenstellung abzulesen, in welcher Stimmung das Tier ist und ob es gekrault werden möchte, spielen will oder Hunger hat. Und da habe ich erst gemerkt, dass ich tatsächlich in der Lage bin, solche Signale zu erkennen. Das hat mich auf das Thema Körpersprache gebracht, und von da war es bis zur Gebärdensprache nicht mehr weit. Da fiel mir auch wieder ein, dass ich als Kind jeden Sonntag „Sehen statt Hören“ im Fernsehen geschaut habe, weil mich die Gebärdensprache so fasziniert. Ich habe ein bisschen recherchiert und mich dann für eine solche Ausbildung entschieden. Zumal ich häufig auf Inklusionsveranstaltungen bin und weiß, dass Gebärdendolmetscher händeringend gesucht werden.“

„Interessant. Und eine echte Herausforderung. Deine Gestik ist ja im Normalfall eher…spärlich. He – was bedeutet das denn jetzt? Ein Hexenspruch?“

„Nein, liebe Bestie. Das bedeutet ganz einfach ‚Ich hasse dich‘. Stell dir mal vor…wenn ich das richtig beherrsche, könnte ich den ganzen Tag meine Umwelt wüst beschimpfen, und kaum einer merkt es. Verlockend.“

„Ja. Toll. Wie ich dich kenne, hättest du dann wohl jeden Abend bösen Muskelkater. Was bedeutet diese Geste nun wieder? ‚Halt’s Maul‘?“

„Nein – die steht für ‚Huhn‘.“

„Wie kommst du denn jetzt ausgerechnet darauf?“

„Im Gästebuch unseres Blogs ist eine Nachricht vom ‚irren Huhn‘, über die ich mich total gefreut habe. Dem möchte ich damit Ausdruck verleihen.“

„Sieht schrullig aus. Das kann ja heiter werden.“

„Vielleicht wird es dir ja auch Spaß machen. Guck mal – das ist die Geste für Schokolade.“

„Echt? Cool.“

„Nein, habe ich mir bloß ausgedacht. Hier, nimm ein Stück echte Schokolade, setz dich artig hin und gib Ruhe. Du könntest ja auch etwas Sinnvolles lernen. Vielleicht Braille-Schrift. Dann könntest du im Dunkeln lesen und würdest mich nicht immer mit deiner Leselampe wecken. Obwohl – vielleicht doch keine gute Idee. Mit deinen Schokoladengriffeln würdest du alle Bücher versauen. Musst du eigentlich immer so viel Schokolade essen?“

„Welffe Fokolade? Die iff fon alle. Waf maffst du da?“

„Die passende Gebärde suchen, um dir mitzuteilen, dass du total verfressen bist.“

„Viel Fpaf.“

 


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Di

27

Okt

2015

Zartbitter

„Ich weiß nicht, ob du es schon gemerkt hast, Coco – dein Aquarell-Kasten hat noch andere Farbtöne außer grau. Was ist denn das für eine graue Masse? Das Innere deiner Lunge?“

„Nein. Ich weiß selbst nicht genau, was das ist. Es ist irgendwie…mein Leben.“

„Ach du Scheiße! Immer noch depressiv?“

„Darum geht es dabei gar nicht. Weißt du, ich bin ziemlich viel unter Menschen, wenn auch meist unfreiwillig. Und sie kommen mir vor wie eine unbekannte Masse. Oder eher wie etwas…anderes. Sie sind alle anders als ich.“

„Das erinnert mich an den Witz von dem Autofahrer, der im Radio die Warnung erhält, dass ihm ein Falschfahrer entgegenkommt, und er sagt: ‚Einer? Hunderte!‘ Du bist anders als die anderen.“

„Das ist doch Haarspalterei. Fakt ist, dass ich mich allein fühle. Das Bild vom falschen Planeten ist ja inzwischen reichlich abgegriffen, aber es hat doch etwas für sich. Ich laufe im Raumanzug über einen fremden Planeten. Die Bewohner dieses Planeten machen sich Gedanken über Dinge, die mich nicht interessieren. Oder nicht…berühren. Sie sprechen eine andere Sprache, die ich nur bruchstückhaft beherrsche. Ich rede mit ihnen, ich lache mit ihnen…aber ich bin allein. Nur ganz selten taucht eine andere Gestalt im Raumanzug auf.“

„Na ja, im Laufe der Zeit hast du ja einige gleichgesinnte Außerirdische gefunden. Denen du Zugang zu deinem Raumschiff gewährt hast.“

„Ja, glücklicherweise. Aber ich verstehe immer noch nicht, was mich so anders macht. Früher dachte ich, ich sei doof. Das sei der Unterschied. Dann habe ich erfahren, dass ich viel intelligenter als die meisten anderen bin. Half auch nicht. Dann bekam ich die Asperger-Diagnose. Aber ich kann doch ein einigermaßen normales Leben führen, weshalb werde ich nicht wirklich heimisch? Und man kann nicht sagen, dass ich es nicht versucht hätte. Ich habe jahrelang Leben gespielt. Habe geheiratet, Blümchen in meinen Reihenhaus-Vorgarten gepflanzt, bin zu Betriebsfeiern und Eltern-Stammtischen gegangen. Es war anstrengend. Und es hat nie richtig funktioniert. Und jetzt? Alles gescheitert. Aus den Blümchen ist seltsames Kraut geworden, das den Gehweg überwuchert und mir böse Blicke von den Nachbarn einträgt.“

„Was nicht besser wird durch den Plastikgrabstein und den Zombie-Gartenzwerg, mit denen du das Kraut dekoriert hast.“

„Ich habe einfach keine Energie mehr, so zu tun, als könnte ich das alles. Ich kann es nur mit äußerster Anstrengung. Und noch wichtiger – ich WILL es nicht. Der ganze Mist interessiert mich einfach nicht. Aber man kann sich nicht völlig ausklinken.“

„Du musst weiter wandern und die wenigen Außerirdischen aufsammeln, die du findest. Du weißt, es gibt sie. Und außerdem hast du etwas Wichtiges außer Acht gelassen – die vielen Außerirdischen, die nicht auf zwei, sondern auf vier Beinen laufen. Einer davon sitzt gerade auf deinem Schoß.“

„Ja, MinDrago, du hast recht. Aber einsam fühle ich mich doch. Und es ist wirklich wie beim Falschfahrer – es ist schwierig, sich für ‚richtig‘ zu halten, wenn doch fast alle anderen anders sind.“

„Kategorien wie ‚richtig‘ und ‚falsch‘ sind Bullshit! Du bist doch kein Text, der lektoriert werden muss. Sieh es mal so – die anderen sind Vollmilch, du bist zartbitter. Was mich übrigens auf eine Idee bringt…“

„Die Schokolade ist in der linken Schublade. Zartbitter.“

„Super – meine Lieblingssorte!“

 


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Mo

19

Okt

2015

Unverblümte Sprechblasen oder: autistische Stolperfallen im Beruf

„Du siehst gestresst aus, Coco.“

„Ja, bin ich, MinDrago. Es ist alles so anstrengend. Meine Jobs kosten mich oft all meine Kraft. Und wenn dann noch private Probleme dazu kommen, ist der Akku manchmal einfach leer. Dann muss ich mir, Geld hin oder her, ein paar Tage Auszeit nehmen.“

„Warum hast du dir denn auch diese Jobs ausgesucht? Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit sind ja nicht gerade autistenfreundlich.“

„Habe ich mir nicht ausgesucht, bin ich so reingerutscht. Mit einem Germanistik-Studium hat man nicht allzu viele Möglichkeiten. Anfangs habe ich es mit Unterrichten versucht, aber das ging gar nicht. Ich mag es, weitgehend selbständig zu arbeiten. Nur der Umgang mit vielen Menschen ist halt aufreibend. Und manchmal ecke ich an.“

„Anecken? Wobei denn?“

„Zum Beispiel bei meiner Arbeit für eine Organisation für Behinderte. Vor einiger Zeit bekam eine unserer Einrichtungen die Zulassung zur Autismus-Therapie. Um das medienwirksam darzustellen, habe ich einen Deal mit einem örtlichen Magazin gemacht. Wir haben eine Seite plus Werbeanzeige gekauft, ich habe den fertigen Text geliefert.“

„Wo war das Problem?“

„Das kann ich Dir sagen. Die Redaktion dieses in meinen Augen eher zweitklassigen Magazins hat meinen Text überarbeitet. Und mir dann eine schleimige Mail geschickt, in der stand, sie würden mir diese Änderungen vorschlagen, um den Text leichter lesbar und ‚attraktiver‘ zu machen. Die Änderungen bestanden darin, dass sie an unmöglichen Stellen wörtliche Rede eingefügt hatten. Und sie haben der Leiterin der Einrichtung Worte in den Mund gelegt, die sie so niemals gesagt hat und auch niemals sagen würde.“

„Was hast du getan? Ich ahne es…“

„Ich habe ihnen geantwortet, dass sie verdammt noch mal den Text so abdrucken sollen, wie ich ihn geschrieben habe. Dass ich allein in der Lage bin, ein Thema adäquat darzustellen, und dass Autismus kein ‚unterhaltsames‘ Thema ist und das auch nicht sein soll, sondern dass es in dem fucking Artikel um Informationsvermittlung geht. Diese Mail, natürlich ohne ‚verdammt‘ und ‚fucking‘, das habe ich, wie ich dachte, nett umschrieben, habe ich im CC an den Chef geschickt.“

„Und dann?“

„Na ja, er sagte mir, dass er das in der Sache genauso sieht, dass ich mich aber um Höflichkeit bemühen solle.“

„Verständlich.“

„Ich fand die Mail aber gar nicht unhöflich, sondern total sachlich! Und da stoße ich dann an meine Grenzen. Ich sage offen, was Sache ist, und das soll dann unhöflich sein. Da fehlen mir einfach die sozialen Skills.“

„Hast Du Ärger bekommen?“

„Nein. Null. Mein Chef hat einfach gesagt, ich bräuchte ihm meine Korrespondenz nicht mehr zu schicken, sondern dürfte alles allein regeln.“

„Ein mutiger Mann.“

„Ein vielbeschäftigter Mann. Der von meinem Asperger weiß. Er schätzt die Vorteile und nimmt dafür tapfer die Nachteile in Kauf. Aber so viel Glück im Job hat nicht jeder. Es gibt einfach Sachen, die ich wohl in diesem Leben nicht mehr lerne. Wenn ich genau weiß, dass ich Recht habe, habe ich keine Lust, Blümchen in meine Sprechblasen zu malen. Viel zu anstrengend. Aber da ist die Asperger-Diagnose schon von Vorteil. Früher war ich unhöflich, jetzt bin ich halt behindert. Strange.“

„Entspann Dich. Geh ein Pferd umarmen. Oder hör dir in Endlos-Schleife die Titelmelodie von ‚Akte X‘ an. Und setz dich hin, dann wächst dir ja früher oder später immer mindestens ein Kater auf dem Schoß.“

„Gute Idee, MinDrago. Was hältst du von einem Kakao?“

„Eine fucking gute Idee!“


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Di

13

Okt

2015

Das dritte Auge


„Hey – wie wäre es mit aufstehen? Es ist schon Mittag! Und du hast den DHL-Mann verpasst, der meine neue DVD abliefern wollte!“

„Hau ab, MinDrago. Lass mich weiterschlafen. Oder bring mir wenigstens einen Kaffee.“


„Was ist denn das auf deiner Stirn? Ein Pickel?“


„Nein. Da wächst mir ein drittes Auge.“


„WIE BITTE?“


„Ein drittes Auge. Das ist dafür da, um in die Dunkelheit der eigenen Seele zu schauen.“

„WTF?“


„Habe ich gestern gelernt. Ich konnte nicht schlafen und habe im Fernsehen Akte X geguckt. Da ging es um einen seltsamen Sekten-Guru. Dem ist es dank bewusstseinserweiternder Drogen gelungen, Zugang zur inneren Finsternis zu bekommen. Oder so ähnlich. So ganz habe ich den Plot nicht durchschaut. Aber es gab eine Menge Blut. Viele Tote. Sehr verworren.“

„Ach du Scheiße. Als ob du dafür ein drittes Auge bräuchtest. Du marschierst doch sowieso als Zombie durchs Leben.“

„Ja schon, aber so ein Auge sieht cool aus. Macht sich bestimmt gut an Halloween, wenn die Kinder klingeln.“


„Dafür reicht auch deine übliche Frankenstein-Maske. Nach deinem Auftritt im letzten Jahr traut sich hier eh kein Kind mehr hin. Da kannst du schon froh sein, wenn nicht stattdessen die Eltern kommen. Mit Mistgabeln und Fackeln. Aber mal im Ernst – was ist das auf deiner Stirn?“


„Leider nur eine simple Beule. Mir war eine Macadamia-Nuss in den Shaggy-Teppich gefallen. Als ich versucht habe, sie zu suchen, ist der eine Kater von meinem Schoß gefallen und dann, direkt vor meiner Nase, mit dem anderen Kater an meinen Füßen in Streit geraten. Und als ich mich aus der Kampfzone zurückziehen wollte, bin ich mit der Stirn gegen den Tisch geknallt.“

„Ich hätte nicht fragen sollen…ich hole dir jetzt mal einen Kaffee. By the way – sind noch welche von den Nüssen da?“


„Ja, im Teppich.“


„Na besten Dank. Soll ich dir ein Kühlpack mitbringen?“

„Nein danke. Ich werde die Beule wenigstens als Auge schminken. Oder behaupten, ich hätte die Pest. Oder einen Chestburster, der den richtigen Weg nicht kennt und nun hinter der Stirn festsitzt. Oder ich könnte sagen, es ist ein verzweifelter Fluchtversuch meines Gehirns.“


"Wenn du ehrlich sein willst, mal' lieber ein Biohazard-Zeichen drauf. Und jetzt rühr dich nicht von der Stelle, bis ich mit dem Kaffee da bin."


 


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Do

08

Okt

2015

Kollektive Reparatur oder: Alptraum Gruppentherapie

Coco sitzt am Schreibtisch und starrt an die Wand.

 

„Na, mal wieder eine Schreibblockade? Worum geht es diesmal? Kaninchenzüchter-Verein?“

 

„Nicht ganz, MinDrago. Ich muss Dich was fragen. Stell dir mal vor, dein Auto bleibt stehen. Einfach so. Springt nicht mehr an. Was machst du dann?“

 

„Na ja, ich habe ja kein Auto. Aber ich würde mal denken, ich lasse den Wagen in die Werkstatt schleppen und reparieren. Was wird das? Ein Alltagsquiz für minderbemittelte Aspies?“

 

„Okay. Dann nehmen wir mal an, der Wagen ist in der Werkstatt. Der Fachmann schaut drauf und stellt einen Motorschaden fest. Aber er repariert ihn nicht. Stattdessen musst du in einen kahlen Raum, gemeinsam mit ungefähr zehn anderen Leuten, deren Autos ebenfalls kaputt sind, aus den unterschiedlichsten Gründen.“

 

„Häh? Und dann? Bekommen alle einen Crash-Kurs in Reparatur, oder was?“

 

„Nein. Der Fachmann setzt sich dazu und fordert die Leute auf, von den Schäden an ihren Autos zu erzählen.“

 

„Ach, ich verstehe, so eine Art Seminar. Keine schlechte Idee. Der Automechaniker erklärt dann vermutlich, welche Ursachen hinter welchem Schaden stecken können und wie man sie beseitigt. Damit man bei der nächsten Panne besser einschätzen kann, was kaputt ist. Cool.“

 

„Nein, MinDrago, nichts dergleichen. Der Mechaniker sagt gar nichts. Nur die Kunden sollen reden. Jeder kann über sein Auto erzählen, was er möchte. Man darf den Raum nicht verlassen, auch, wenn man nichts über sein Auto sagen will.“

 

„WTF??? Und dann? Was soll das alles?“

 

„Am Ende darf jeder sagen, wie er sich fühlt, und dann zurück zu seinem Auto gehen.“

 

„Und das läuft dann wieder? Haben in der Zwischenzeit die Kollegen des Mechanikers die Autos repariert? Und das Ganze war eine Art abgedrehte Unterhaltungsshow? Kapier ich nicht.“

 

„Nein, mit den Autos ist nichts weiter passiert. Man kann sich in sein Auto setzen und antesten, ob es wieder läuft.“

 

„Warum zur Hölle sollte es wieder laufen, wenn gar nichts mit ihm passiert ist? Was soll der ganze Scheiß?“

 

„Eine berechtigte Frage. Auf die ich leider keine Antwort weiß.“

 

„Warum denkst du dir so einen Mist aus, Coco?“

 

„Ich habe mir das nicht ausgedacht. Wenn du ‚Werkstatt‘ gegen ‚Klinik‘ austauschst, ‚Kunde‘ gegen ‚Patient‘ und ‚Auto‘ gegen ‚Psyche‘ hast du des Rätsels Lösung. Gruppentherapie.“

 

„Oh – jetzt verstehe ich. Ich erinnere mich an deine skurrilen Erfahrungen damit. Wenn ich mich recht erinnere, lief dein Auto hinterher jedenfalls nicht wieder, oder?“

 

„Nein. Im Gegenteil. Es hatte erhebliche Kratzer im Lack. Die man immer noch sieht. Diese Art Werkstatt ist für ein Aspie-Mobil nicht geeignet. Und für die meisten anderen Modelle wohl auch nicht. Keines der Autos ist hinterher wieder angesprungen.“

 

„Und jetzt?“

 

„Jetzt habe ich einen besseren Mechaniker gefunden. Und bis das Auto wieder heil ist, gehe ich halt zu Fuß.“

 

„Wirst du deine Erfahrungen in dieser Werkstatt of Doom aufschreiben?“

 

„Vielleicht. Ich bin mir noch nicht sicher.“

 


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Fr

02

Okt

2015

Medium Talk

Coco bastelt eine Excel-Tabelle. Scheint eine schwierige Aufgabe zu sein.

„Was wird das? Die hundertste ToDo-Liste?“

„Nein, viel kniffliger. Es soll eine Art Baukasten werden.“

„Zeig mal. Mh, auf mich wirkt das wie eine Ansammlung hohler Phrasen. ..Geht es mal wieder um Small Talk?“

„Nein. Eher so was wie Medium Talk. Small Talk kriege ich ja einigermaßen hin. Problematisch werden die Gespräche mit Menschen, die irgendwas zwischen ‚entfernte Bekannte‘ und ‚Kollegen‘ sind. Die von dir mehr Info erwarten als die Verkäuferin an der Brottheke, die aber verstört wären, wenn du ehrlich antworten würdest. Extrem heikel für mich.“

„Beispiel?“

„Ehemalige Nachbarin, die in meiner Abi-Stufe war. Wenn du die im Supermarkt triffst, fragt sie, wenn du Glück hast, nur ‚Wie geht es dir?“ Die nächste Schwierigkeitsstufe wäre ‚Wie geht es euch?‘. Und richtig doof wird es, wenn sie eine der beiden Fragen erweitert durch die besorgte Feststellung ‚Du siehst aber schlecht aus.‘ oder ‚Du bist aber schmal geworden.‘ Dann komme ich ins Schwimmen.“

„Wie wäre es mit einer ehrlichen Antwort?“

„Eine ganz schlechte Idee. Das geht nur, wenn die Ursache gesellschaftstauglich ist. ‚Viel Stress‘ kann funktionieren, das beziehen die meisten Leute auf den Beruf. Was auch geht, ist ‚Mein Auto ist kaputt.‘ Das klappt natürlich nur, wenn du der Person nicht ausgerechnet auf dem Parkplatz begegnest. ‚Meine Mutter ist gestorben.‘ geht auch noch durch. Und wenn du diesem Thema besondere Dramatik verleihen willst, dann sagst du sogar ‚Meine Mama ist gestorben.‘ Dann hast du das Gespräch im Sack.“

„Du bist zynisch, Coco.“

„Ja, mag sein. Aber stell dir mal vor, du sagst ‚Ich habe eine schwere Depression, eine Asperger-Diagnose und eine beschissene Trennung hinter mir. Und ich trage nicht ohne Grund nur noch langärmlige Sachen.‘ Kannst du dir die Reaktion vorstellen? – Hör sofort auf zu lachen, das Thema ist ernst!“

„Was ist mit deiner üblichen Taktik? Verstecken, wenn du einen Bekannten siehst?“

„Das geht nicht immer. Und bei Kollegen schon gar nicht. Und dann stehst du da und weißt nicht genau, wieviel dieser Kollege durch den allgemeinen Bürotratsch über deine momentane Situation weiß. Wenn du davon ausgehst, dass er oder sie nichts weiß, geht Wetter und Gesundheit. Das kann aber nach hinten losgehen, wenn derjenige eben doch besser informiert ist. Wenn du dann smalltalkst, ist der Gesprächspartner vielleicht beleidigt, weil du ihn oder sie nicht für vertrauenswürdig hältst. Oder noch schlimmer – er fragt präzise nach. Manche Menschen haben das Feingefühl von Nilpferden. ‚Ist die Scheidung schon durch?‘ oder ‚Hat dir die Klinik geholfen?‘ oder so was. Ein Alptraum! Das bringt mich dann völlig aus dem Konzept. Und dann erzähle ich oft zu viel und frage mich hinterher dann, was ich mir dabei gedacht habe.“

„Und deshalb bastelst du jetzt an dieser Liste? Meinst du, das funktioniert?“

„Keine Ahnung. Jedenfalls kann ich nicht andauernd tagelang zuhause bleiben, weil ich nicht reden will. Obwohl das die beste Lösung wäre. Warum zur Hölle ist das so schwer? Die geschriebene Sprache ist die Grundlage meines Berufs, und ich bin ja auch durchaus erfolgreich damit. Aber das gesprochene Wort ist purer Stress. In meinem nächsten Leben werde ich eine Katze.“

„Dann wirst du sicher als Problemfall im Tierheim landen.“

„Dankeschön, liebe Bestie, sehr liebenswürdig.“

„Gerne. Du – ich glaube, diese Sätze da solltest du aber streichen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Gelegenheit gibt, die problemlos anzubringen. ‚Fuck off!‘ und ‚Ich kann mir deinen Namen nicht merken – darf ich dich einfach Arschloch nennen?‘ kommt ganz sicher in keiner Gesprächssituation gut an.“

„Schau doch richtig hin, MinDrago. Das steht in der Spalte ‚Nothilfe‘ und ist nicht dafür gedacht, ausgesprochen zu werden. In dieser Rubrik stehen die Vorschläge für meinen inneren Monolog, wenn eine Unterhaltung trotz penibler Vorbereitung aus dem Ruder läuft. Dann kann ich mich wenigstens in Gedanken austoben.“

„Mh – okay. Manchmal bist du etwas strange.“

„Moment, wo war es denn gleich…ach hier: ‚Schön, dass wir geredet haben. Man sieht sich.‘“

„Schon gut, ich habe verstanden. Und denk nicht so laut.“


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So

27

Sep

2015

Abenteuer Alltag oder "backe, backe, fluchen"

„Möchtest du ein Stück Schokolade?“

„Nein, danke, MinDrago. Ich musste heute in der Pause ein Stück Kuchen essen. Hatte eine Kollegin mitgebracht.“

„War er lecker?“

„Ja, war ganz okay. So was ganz Aufwendiges mit Schokoladencreme. Und als ich die Kollegin gefragt habe, wie sie es schafft, nach Feierabend einen Kuchen zu backen, war sie etwas ratlos.“

„Tja, Coco, für andere Leute ist so etwas wohl nicht so eine nervenaufreibende Mammutaufgabe wie für dich…“

„Das ist wohl wirklich so. Wenn ich einen Kuchen backen muss, geht der Stress schon bei der Wahl des Rezeptes los. Backbuch oder Internet? Käsekuchen oder Schokoladenkuchen? Oder Apfelkuchen oder vielleicht Streusel? Was mögen die Gäste am liebsten? Wer hat Allergien? Wer ist Veganer? Wer hat noch mal gesagt, dass er kein Marzipan mag? Und wenn ich mich dann endlich entschieden habe, muss ich den Einkaufszettel schreiben. Bekomme ich alles im Supermarkt im Stadtteil? Muss ich weiter weg fahren? Was habe ich vielleicht noch in den unendlichen Weiten meiner chaotischen Vorratsschränke?“

„Oh Mann – da vergeht einem ja schon der Appetit.“

„Ja. Und dann geht es erst richtig los. Wo ist die Backschüssel? Im Normalfall hat die Aspine gerade ihre Terrariumerde darin zwischengelagert. Suchen, umfüllen und spülen. Dann alle Zutaten bereitstellen. Garantiert gibt just heute die Batterie in der Waage ihren Geist auf. Also noch mal zum Supermarkt und eine neue Batterie kaufen. Und dann kommen motorische Herausforderungen: Eier trennen zum Beispiel. Das Mehl so vorsichtig in die Schüssel geben, das es nicht staubt, denn sonst muss ich alle Flächen sofort abwischen, weil ich das eklige Gefühl nicht mag. Weiche Butter…ab in die Mikrowelle. Falsche Zeit gewählt, Butter ist flüssig, Mikrowelle versaut.

Dann geht es weiter mit dem Mixer: Welcher Schläger wird in welches Loch gesteckt? Und warum fallen trotzdem beide sofort wieder raus, wenn man den Mixer anschaltet? Das Gerät ist ein Billigteil aus dem Discounter und macht ungefähr so viel Lärm wie ein Laubsauger. Völlig entnervt. Irgendwas im Teig klumpt oder gerinnt. Immer. Dann muss man die Kuchenform vorbereiten. Aus irgendwelchen Gründen passt der Boden der Springform NIE in das Oberteil. Und manchmal merke ich es erst, wenn im Backofen der Teig dann rausläuft. Dann stinkt es schrecklich und der Backofen muss geputzt werden. Und selbst wenn es gut geht: Der Kuchengeruch hält sich garantiert, trotz Dunstabzug, mindestens drei Tage im ganzen Haus und verursacht mir Übelkeit. Nach dem Backen muss ich duschen und mich umziehen, weil alles riecht.

Höchstwahrscheinlich ist der Kuchen auf einer Hälfte angebrannt, auf der anderen roh. Und selbst wenn nicht, sieht er NIEMALS so aus wie auf dem Rezeptbild.“

„OMG – das klingt grauenhaft! Aber zur Belohnung kannst du dann ja ein Stück von dem Kuchen essen.“

„Nein, denn ich backe ja nur für andere. Früher kam der echte Horror dann meist am nächsten Tag: Familienfeier. Und Mutter und Schwiegermutter loben den Kuchen in den höchsten Tönen.“

„Das ist doch nett!“

„Nein, das war es nicht. Es war nämlich wurscht, ob er geschmeckt hat oder nicht. Und auch, wie er aussah. Die beiden leidenschaftlichen Hausfrauen waren einfach nur froh, dass ich überhaupt mal etwas gemacht hatte, was in ihr Weltbild passte. Da wurden auch Kleinigkeiten unverhältnismäßig bejubelt. Ein Lob vom Prof? Ein Aufmacher im überregionalen Wochenendteil? Ja ja, ganz nett….aber ein Kuchen! Hurra! Vielleicht wird sie sogar eines Tages Gardinen aufhängen oder ein „Willkommen“-Schild an die Haustür hängen!“

„Hast du deiner Kollegin all das auch erzählt?“

„Nein, natürlich nicht. Sie hätte es nicht verstanden. Weißt du, das geht mir bei fast allen Dingen so – für mich ist fast alles im Alltag Stress. Das sieht aber kaum jemand. Und hören will es schon gar keiner. Also versuche ich, diese Sachen einfach irgendwie hinzukriegen. Und zur Belohnung heißt es dann oft: ‚Hey, du kannst doch alles, was andere auch machen! Bist du sicher, dass deine Diagnose stimmt?‘ Und dabei ist Kuchenbacken ja nur die Spitze des Eisbergs und glücklicherweise eine seltene Herausforderung. Da gibt es viele Dinge, die ebenso anstrengend sind, sich aber einfach nicht vermeiden lassen. Autofahren, Einkaufen, Arztbesuche, Besprechungen. Für andere eine ganz normale Tätigkeit, für Autisten eine nervliche Herausforderung. Die dadurch belohnt wird, dass man als potentieller Simulant dasteht.“

„Ziemliche Scheiße.“

„Yep.“


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Mo

14

Sep

2015

Griff ins Klo

"Was machst du da, Coco?"

"Wonach sieht es denn aus, Captain Obvious? Ich schneide meine Fingernägel."

"Hast du das nicht erst gestern getan?"

"Nein, das ist mindestens fünf Tage her. Ich kann es nicht ertragen, wenn meine Nägel zu lang sind. Wenn ich nach etwas greife und die Fingernägel zuerst aufkommen, finde ich das furchtbar. Ich leide schon, wenn die Kassiererin im Supermarkt meine Ware mit ihren ekelhaften French Nails anfasst. Uäh."


"Aha. Taktile Überempfindlichkeit?"

"Yep. Gibt vieles, was ich nicht gut aushalten kann. Rollkragenpullover. Schlecht sitzende Unterwäsche. Kunstfasern. Zu enge Kleidung."

"Nicht zu vergessen Mehl an den Händen."

"Ja - scheußlich. Oder Sand zwischen den Zehen. Staub. Styropor. Mützen. Trocknende Farbe an den Händen. Biber-Bettwäsche. Unlackierter Ton. Rauhfaser. Und ganz allgemein bin ich nicht gern schmutzig. Aktionen wie Gartenarbeit oder Umzüge oder Renovieren sind nicht mein Ding."


"Was war das Ekelhafteste, was du je erlebt hast?"

"Als in meiner winzigen Studentenwohnung das Klo übergelaufen ist. Die Nachbarin von oben hat immer ihr Katzenstreu ins Klo geschüttet. Und leider hat sich das ganz unten gestaut. Und ich wohnte im Erdgeschoss. Als ich morgens aufstand, stand die Wohnung unter Wasser. Das heißt...wenn es mal Wasser gewesen wäre. Ich habe mich kaputt geekelt und hatte eine Woche lang Ausschlag. Bäh - danke für den Trigger!"

"Okay, das klingt echt heftig. Kommt daher dein Duschzwang?"


"Nein. Der ist neueren Datums."

"Auch eine schmutzige Erinnerung?"

"Ja. Aber anders. Und dieses Gefühl lässt sich nicht abwaschen."

"Schlimmer als ein übergelaufenes Klo?"

"Ja. Viel schlimmer. Das widerwärtige Gefühl, benutzt worden zu sein. Dagegen ist das Klo ein müder Witz."

"Wenn ich ein Freund billiger Wortspiele wäre, würde ich jetzt sagen, das klingt echt scheiße. Wie ein Griff ins Klo. Hey - leg sofort die Nagelschere weg!"



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Di

08

Sep

2015

Vollmilch oder Marzipan?

 

"Vollmilch oder Marzipan?"

 

Ein böser Blick trifft mich. Sehr böse. Vielleicht hätten wir doch bei "Hexe" bleiben sollen. Der Spitzname kam wohl nicht von ungefähr...

 

"Hau ab!"

"Was ist denn los? Ich wollte dich doch nur mit etwas Schokolade aufmuntern."

"Ich will keine Schokolade. Und ich will schon gar keine Entscheidung treffen müssen."

"Ah, mir dämmert's. Du hast mal wieder irgendetwas beschlossen und haderst jetzt damit. Stimmt's?"

"Lass mich in Ruhe."

 

Also voll ins Schwarze getroffen. Coco tut sich mit Entscheidungen sehr schwer. Im Alltag funktioniert es meistens einigermaßen. Es sei denn, jemand kommt auf die Idee, Coco in ein Restaurant mit umfangreicher Speisekarte einzuladen. Dann kann es schon mal was länger dauern. Aber in der letzten Zeit musste sie einige sehr wichtige Entscheidungen treffen. Und da sind Herz und Verstand öfter mal kollidiert. Nicht ohne Grund hat Coco momentan eine Art Beraterstab, der sich aus Freunden und diversen anderen Leuten zusammensetzt und der ihr hilfreich zur Seite steht.

 

"Wer hat diesmal gewonnen? So garstig, wie du aussiehst, wohl eher der Verstand."

"Gar keiner hat gewonnen. Es gibt nur Verlierer."

"Aber wer durfte die Entscheidung treffen?"

"Die habe ich anderen überlassen."

"Scheint mir eine gute Idee zu sein. Wo ist dann das Problem?"

"Ich frage mich, ob es richtig war, anderen die Entscheidung zu überlassen."

 

Okay - das reicht jetzt wirklich. Da müssen härtere Maßnahmen ergriffen werden.

 

"Hier. Nimm!"

"Weinbrandbohnen?? Aber ich dachte, es gäbe Vollmilch und - "

"NIMM! ALLE! UND ISS SIE!!!"

 

 

 

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Foto: ROFLBOT
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